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Praxis 8. Juni 2010

Der selbstbewusste Patient

Ist er aus Sicht der Ärzte eine Chance oder ein Problem?

Das Schlagwort vom mündigen Patienten ist inzwischen zwar geläufig, es weist allerdings verschiedene Facetten auf. Einerseits soll dieser Patient als souveräner Bürger wahrgenommen werden, andererseits soll er aber auch mehr finanzielle Verantwortung übernehmen. Ob Patientenvertreter, Krankenkassen, Parteipolitiker, Standesvertreter oder Medien – alle Akteure verwenden auffälligerweise denselben Schlüsselbegriff. Hier ist zu vermuten, dass jeweils unterschiedliche Interessen verfolgt werden.

 

Das Arzt-Patientenverhältnis ist ein zentrales Handlungsfeld im Gesundheitswesen. Das, was Ärzte mit ihren Patienten vorhaben, wozu sie sie überreden, die Erwartungen der Ärzte an ihre Patienten, das sind wichtige Einflussfaktoren auf die Interaktion.

Auch in der Ärzteschaft wird über den mündigen Patienten gesprochen, dabei ist allerdings unklar, was genau damit gemeint wird: Ist dieser Patient ein visionäres Bild oder bereits Realität? Welche Eigenschaften hat er? Erleichtert er dem Arzt die Arbeit oder stellt er eine unangenehme Herausforderung dar? Wenn wir uns G. Nagels Chronologie der Patientenrollen vor Augen führen, hat sich der Begriff des mündigen Patienten über den Begriff des „bevormundeten Patienten” (1960), dem man seine Diagnose vorenthielt, wenn sie ernst oder letal war, er hatte lediglich zu folgen, zum „informierten Patienten” (1970), der seine informierte Zustimmung zu medizinischen Maßnahmen als Rechtsanspruch hatte und gleichzeitig für den Rechtsschutz des Arztes von Bedeutung war, entwickelt. Im deutschen Sprachraum wurde dieser Begriff durch den „mündigen Patienten” (1980) abgelöst. Er wurde damit mit den gleichen Rechten und Pflichten des gesunden Bürgers ausgestattet – Mitspracherecht und Übernahme von Verantwortung. Darauf folgte der Begriff des „autonomen Patienten” (1990), des Ko-Therapeuten für seine Gesundheit resp. Krankheit. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts wird vom „kompetenten (smart consumer) Patienten” gesprochen, damit wird nicht nur etwas über das Verhältnis des Patienten zu seinen Betreuern und zu den Institutionen des Gesundheitswesens ausgesagt, sondern auch etwas über sein Verhältnis zu sich selbst, zu seiner Gesundheit und Krankheit und zur Vermeidung der Letzteren durch Prävention und Verhalten.

Werden so beschriebene mündige Patienten wirklich gewünscht? Kann der Arzt diesen Wunsch erfüllen und wenn ja, macht er das auch? Dann müsste er in verständlicher Weise über Nutzen und Risiken einer Untersuchung aufklären, sodass die Patienten tatsächlich entscheiden können, ob sie diese oder jene Maßnahme durchführen lassen oder nicht. Manche Ärzte sehen das anders, etwa beim Mammographiescreening oder der PSA-Bestimmung als Vorsorgeuntersuchung zum Prostatakarzinom, hier werde über den Nutzen und die Risiken nicht in absoluten, sondern in relativen Zahlen geredet, was zu einer Überschätzung des Nutzens führe und die Patienten die Risiken etwaiger Folgeuntersuchungen unterschätzen und den Nutzen für das Überleben überschätzen ließe.

Was heißt das für das ärztliche Handeln, das ja in erster Linie patientenzentriert sein sollte? Entsprechen alle Patienten dem Ideal des verantwortungsbewusst, aktiv, gesundheitsförderlich, effizient und kostensparend handelnden Menschen?

Das schaffen möglicherweise nur gut gebildete, finanzstarke Patienten, welche die Bildungschancen ausnutzen konnten. Wenn also heute diverse gesundheitspolitische Akteure unter dem Schlagwort des mündigen Patienten einzelnen Patienten mehr Verantwortung für ihre Gesundheit zuschreiben oder zuschreiben wollen, dann werden dadurch sozial schwache Bevölkerungsmitglieder leicht benachteiligt.

Inwieweit werden zudem in dem Konzept des mündigen Patienten beeinträchtigende Schmerzzustände und schwere Behinderungen berücksichtigt? Es soll beim Kongress versucht werden, zu zeigen, dass das Patientsein an sich keinen Widerspruch zu einem mündigen und kompetenten Individuum – in einer bürgerlichen Gesellschaft lebend – darstellt, dass in der Kultur unseres Gesundheitssystems mit seinen Mechanismen und Strukturen allerdings durchaus noch Widersprüche gegen dieses Konzept bestehen, die den Patienten gelegentlich daran hindern, sein Gesundheitspotenzial mit der ihm eigenen Gesundheitskompetenz umzusetzen.

 

 Weitere Informationen und Anmeldung: www.oeapg.at, E-Mail:

Von Prof. Dr. Dieter Conen, Ärzte Woche 23 /2010

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