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Wenn junge Ärzte von ihren älteren Kollegen an der Hand genommen werden, so ist dies für beide Seiten von Vorteil. Aber manchmal macht das System der Idylle einen Strich durch die Rechnung.
 
Praxis 12. Mai 2010

Das Stiefkind des Turnus

Ein erster Erfahrungsbericht zur Lehrpraxis: Wer sich darauf einlässt, erlebt meist eine große Bereicherung – wenn auch keine finanzielle.

Mit einem nicht wirklich durchdachten Kollektivvertrag zwangsbeglückt und kaum mit Fördergeldern bedacht, entwickelt sich das „System Lehrpraxis“ immer mehr zu einem Privatvergnügen, das sich niedergelassene Mediziner nicht mehr leisten wollen.

 

Der seit Anfang dieses Jahres geltende Kollektivvertrag für Lehrpraktikanten wurde vorrangig mit dem Ziel gestaltet, die ausreichende Bezahlung von Jungmedizinern zu gewährleisten, die einen Teil ihrer Ausbildung im Rahmen einer Tätigkeit bei niedergelassenen Ärzten absolvieren möchten. Ohne üppige Vorab-Information und somit ziemlich überrascht sahen sich Lehrpraxisinhaber mit einem Vertrag konfrontiert, der für Jungmediziner mit weniger als einem Jahr anrechenbarer Turnuszeit ein Einstiegsgehalt von 1.300 € für 30 Wochenstunden vorsieht. Abgesehen davon, dass eine Anrechnung auf die Turnuszeit 35 Wochenstunden erforderlich macht und somit eine entsprechende Aufzahlung in den meisten Fällen vorgeschrieben ist, sehen sich die niedergelassenen Ärzte und ihre jungen Kollegen ziemlich im Regen stehen gelassen: Von einer Aufstockung der Förderung von Lehrpraxen ist nämlich keine Rede. Viele Mediziner sparen daher lieber ihr wohl verdientes Geld und die Zeit für eine intensive Einschulung von engagierten, aber zum Teil völlig unerfahrenen Jungärzten, die – einmal gut ins Team aufgenommen und eingearbeitet – womöglich auch schnell wieder die Praxis verlassen, um ihre Ausbildung im Spital weiterzuführen.

Warum also eine Lehrpraxis anbieten? Die Ärzte Woche erkundete im Interview mit Dr. Siamak Lou und Dr. Doris Prochaska-Schirl, Allgemeinmediziner in Bad Vöslau bzw. Ebreichsdorf, die Beweggründe. Denn allen Widrigkeiten zum Trotz führen die beiden Mediziner nach wie vor und engagiert ihre Lehrpraxen weiter, bieten jedoch eine Vielzahl an Verbesserungsvorschlägen an und fordern mehr Engagement von Seiten der Ärztekammer. Vom System fühlen sie sich ziemlich verlassen.

Weshalb führen Sie eine Lehrpraxis?

Lou: Meine Ordination ist nun bereits im vierten Jahr eine Lehrpraxis. Mein wichtigster Beweggrund dazu war, ein monotones Arbeiten meinerseits zu vermeiden. Ich habe bemerkt, dass ich mit der Zeit meine eigenen Entscheidungen nicht mehr ausreichend hinterfrage. Man entwickelt im Praxisalltag eine Routine, läuft dabei aber auch Gefahr, gewisse individuelle Therapieschemata zu entwickeln und automatisch umzusetzen. Sobald man jemanden bei sich hat, der neu ist und frisch von der Universität kommt, geschehen zwei Dinge:

Erstens muss ich meine Entscheidungen vertreten, ich muss sie transportieren und mich eventuell auch der Frage stellen: „Warum ist das so?” Früher hätte man sich gedacht, das habe ich immer so gemacht, nun bekommt man jedoch Fragen gestellt, muss sich selbst aus einem etwas anderen Blickwinkel sehen und seine Qualität überprüfen.

Zweitens habe ich festgestellt, dass es durchaus junge Kollegen mit individuellen Spezialgebieten gibt und viele Jungärzte Alternativen bezüglich Diagnostik und Therapie vorschlagen. Also einerseits in seinem ärztlichen Handeln hinterfragt werden und andererseits einen neuen Input bekommen, beides ist für mich wesentlich. Ich glaube nicht, dass Arzt-Sein ein Singulärberuf sein sollte, Teamarbeit ist wichtig!

 

Prochaska: Ich habe bereits seit gut sechs Jahren Lehrpraktikanten. Ich finde es spannend, junge Leute um mich zu haben, die frisch von der Uni kommen und so euphorisch sind. Das ist für meine Ordination ein große Bereicherung. Und ich bin der Meinung, dass man learning by doing 1:1 viel besser umsetzen kann. Der Lehrpraktikant sieht auch, wie es in der Praxis läuft, und versteht daher später als Spitalsarzt auch leichter, warum man als Allgemeinmediziner Patienten einweist. Insgesamt gesehen sind die jungen Kollegen einfach besser gerüstet, haben großes Vorwissen und müssen sich nicht durch die ersten Dienste durchzittern.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren Lehrpraktikanten gemacht, worauf muss man sich einstellen?

Prochaska: Zu Beginn denke ich mir jedesmal: Das halte ich nicht aus, warum tue ich mir das an? Die Unsicherheit bei den Praktikanten ist groß. Aber nach ein paar Wochen würde ich keinen Kollegen missen wollen, es hat immer gut funktioniert und war ein Gewinn für meine Ordination. Es ist auch eine Anforderung an einen selbst. Ich habe bisher meinen Lehrpraktikanten stets unterschiedliche Themen zur Vorbereitung gegeben. So kann man einige Fächer, die in einer Praxis für Allgemeinmedizin nicht so stark im Vordergrund stehen, wieder auffrischen und erhält neue Informationen.

 

Lou: Der essentielle Nachteil eines Lehrpraktikanten ist, plakativ gesagt: Zu Beginn kann er unterm Strich nichts. Ich versuche dann, die Kollegen sehr schnell an ihre Aufgaben heranzuführen und behandle sie auch als das, was sie sind – als Ärzte. Die individuelle Qualität und natürlich auch das Vorwissen von Kollegen ist dabei sehr unterschiedlich. Zudem stellt sich auch die Frage, wie gut sie mit meinen Patienten umgehen und wie motiviert sie sind. Der große Teil findet sich gut zurecht, aber es gibt immer wieder auch Kollegen mit einigen Defiziten, die längere Begleitung benötigen. Die besten Erfahrungen habe ich mit Jungärzten gemacht, die schon während ihrer Studienzeit in Ordinationen oder beispielsweise beim Roten Kreuz gearbeitet haben, also bereits in der Vergangenheit viel Kontakt zu Patienten hatten.

Die erste Zeit benötigt jedoch stets eine intensive Einschulung. Einen Lehrpraktikanten einzuweisen, bedeutet für meinen Praxisalltag nicht weniger Arbeit, es ist wesentlich mehr Arbeit! Auch haben viele Kollegen ein Immunsystem, das noch nicht eingerichtet ist auf die Bombardierung dessen, was auf uns Allgemeinmedizinern so mit der Zeit einprallt – Lehrpraktikanten sind deshalb öfter krank.

 

Welches Feedback erhalten Sie von Ihren Patienten?

Lou: Selten, aber doch beschweren sich Patienten, die meisten sind den Lehrpraktikanten gegenüber jedoch positiv eingestellt! Vor allem, wenn der Kollege schon längere Zeit mitarbeitet, kennen ihn meine Patienten bereits, und er kennt sie.

 

Wie viel Arbeit kann der Lehrpraktikant abnehmen?

Lou: Die ersten zwei Monate sind sicherlich reine Lernzeit, danach wird in der Regel ein gewisser Teil der Arbeit vom jungen Kollegen übernommen, und bei einem durchschnittlichen Lehrpraktikanten merkt man so ab dem vierten bis fünften Monat, wie die tatsächliche Arbeitsbelastung weniger wird, und wie man sich selbst leichter tut. Von meinen fünf Lehrpraktikanten waren insgesamt zwei sechs Monate bei mir, alle anderen waren länger und konnten mir in den letzten Monaten ihres Praktikums bereits viel helfen. Es sind sicherlich 30 bis 40 Prozent, die ein guter Lehrpraktikant aus einer Standardpraxis an Basisarbeit übernehmen kann. Das Problem an der Sache ist: Viel Standardarbeit bedeutet in den meisten Fällen auch weniger Ausbildungsmöglichkeit. Je mehr Arbeit, desto weniger Zeit für den Kollegen. Hinzu kommt, dass die jetzige Zeitspanne von maximal sechs anrechenbaren Monaten Allgemeinmedizin nicht ausreicht, um eine fundierte Ausbildung zu erhalten. Dafür müsste sie mindestens neun Monate dauern.

 

Prochaska: Viel hängt von der Qualität der Ausbildung meiner Lehrpraktikanten ab und wie interessiert sie sind. Ich kann mir vorstellen, dass man bei einem jungen Kollegen auch einmal Pech hat. Mir ist das Gott sei Dank noch nie passiert. Aber es gibt natürlich Ungeschickte, die selbst nach einigen Monaten keine große Hilfe sind.

 

Plädieren Sie für eine Verlängerung der anrechenbaren Lehrpraxiszeit?

Lou: Ja, wichtig wäre, dass man zumindest die Option dazu hat. Wir sind scheinbar auch nicht gleichgeschaltet mit dem Turnusvergabesystem. Es sollte ganz klar sein, dass jemandem im vierten Monat Lehrpraxis kein Turnusplatz offeriert wird, der sofort angetreten werden muss. Wünschenswert wäre etwa auch, dass der Kollege nach dem Turnus auf jeden Fall noch einmal für einige Monate zu mir zurückkkommt – hier gäbe es einiges am System zu ändern!

 

Haben Sie vom neuen Kollektivvertrag gewusst, sind Sie rechtzeitig informiert worden?

Prochaska: Nein, es gab keinerlei Information. Ich weiß nicht, ob man damit etwas Gutes geschaffen hat, und fürchte, dass viele Kollegen keine Praktikanten mehr anstellen möchten. Ich habe mich extra informiert, weil in diversen Zeitungen von großartigen Förderungen berichtet wurde, und dabei erfahren müssen, dass es 18 Förderungen für ganz Niederösterreich gibt und neun davon bereits 2008 vergeben wurden. Das heißt, es gab ganze neun Förderungen für 2010 und dafür musste man natürlich frühzeitig einreichen. Ich finde es unerhört, mit diesem minimalen Ausmaß an Förderung hausieren zu gehen. Es ist beschämend, das als große Errungenschaft zu verkaufen!

 

Lou: Ich habe heuer das erste Mal eine Förderung erhalten. Meinem Kenntnisstand nach waren die zu fördernden Kollegen idealerweise bereits zwei Jahre im Spital und bereiten sich auf die Niederlassung vor. Das sind jene Mediziner, die dann zu mir in die Praxis kommen, medizinisch eigentlich alles können und vielleicht Erklärungen zu diversen Zetteln benötigen. Ich bin zwar froh, dass der Verdienst für die Arbeit, die die Jungmediziner leisten, nun fix festgehalten wurde. Es stellt sich aber auch die Frage, ob beispielsweise 1.600 Euro dazu in Relation stehen. Die Zahlen sind schon sehr utopisch, insbesondere für Kollegen, die sich schon länger im Turnus befinden. Dann ist es eigentlich finanziell schon nicht mehr machbar. Und man darf nicht vergessen: Der Kollege ist immer noch ein Turnusarzt.

 

Nur die persönlich erbrachten Leistungen sollen vom Lehrpraxisinhaber mit den Kassen verrechenbar sein. Was halten Sie davon?

Lou: In meiner Ordination ist das kein großes Problem, denn ich sehe ja jeden Patienten persönlich. Sprich, die Leistung wird unter meiner Anleitung erbracht. Könnte man jedoch beispielsweise Blutabnahmen oder Anhängen von Infusionen unter Aufsicht nicht verrechnen, dann wäre dies für mich das Aus als Lehrpraxisinhaber. Und kann etwa ein Spital nur die Leistungen seiner Fachärzte verrechnen? Dort verrichten Turnusärzte auch einen Großteil der Standardarbeit.

Wichtig ist also eine entsprechende Förderung der Lehrpraxis, und dies nicht nur für die genannten 18 Kollegen in Niederösterreich pro Jahr, was ja lächerlich ist. 1.200 bis 1.400 € Gehalt sind in einer gut gehenden Praxis sicherlich noch möglich, alles andere ist kaum machbar. Außerdem sind dies Beträge für 30 Wochenstunden! Man muss dann sowieso noch zuzahlen – volle Förderungen gibt es nicht. Ich muss die Versicherung des Kollegen zahlen, ihm Arbeitskleidung zur Verfügung stellen, es gibt eine Gefahrenzulage – wenn man das alles zusammenrechnet, dann bin ich ohne Förderung derzeit bei 1.600 bis 1.800€. Deshalb werden bald weniger Lehrpraxisstellen angeboten werden.

 

Existiert Ihrer Meinung nach eine Qualitätskontrolle der Ausbildung?

Lou: Man muss lediglich fünf Jahre als praktischer Arzt selbstständig tätig sein. Bevor ich Qualität kontrollieren kann, muss ich erst einmal eine Art Ausbildung anbieten. Hier sehe ich ein großes Manko von Seiten der verantwortlichen Stellen, wobei dies im Krankenhaus nicht anders zu sein scheint. Man erhält keinerlei Ausbildungsangebot, keine Unterstützung, und die Förderung ist auch ein Glücksspiel.

Würde ich meine Kollegen vollständig unabhängig arbeiten lassen, könnte ich auch die Leistung nicht verrechnen – man merkt, die Lehrpraxis ist ein Stiefkind in der Ausbildung der Turnusärzte, die an sich ja schon bescheiden ist.

Zumindest eine Möglichkeit des Informationsaustausches, ein einmaliges jährliches Treffen für Lehrpraxisinhaber, wäre wesentlich. Sinnvoll erscheint mir auch ein Leitfaden und last but not least eine Qualitätskontrolle. Selbst initiiert, erhalte ich von jedem meiner Kollegen am Ende ihrer Lehrpraxis einen Feedback-Bogen, und dieser Bogen bleibt auch bei mir und geht nirgendwo anders hin, was schon das nächste Problem darstellt.

Ich wünsche mir eine regelmäßige Rückmeldung der Lehrpraktikanten an die Ärztekammer: Wie war die Ausbildung? Was haben Sie dort gemacht? Was würden Sie ändern? Und das Ergebnis sollte man den ausbildenden Kollegen dann auch mitteilen! Die fehlende Qualitätskontrolle ist auch ein Grund, weshalb die Möglichkeit bei so manchem Ausbildenden gering ist, sich zu verbessern. Woher auch, ohne Feedback?

 

Werden Sie auch in Zukunft, trotz aller Schwierigkeiten, eine Lehrpraxis führen?

Lou: Ja, schon. Erstens habe ich im Augenblick eine relativ große Praxis und somit hohe Fallzahlen mit einem sehr breiten Spektrum. Es ist zudem auch sehr beruhigend, nicht alleine in der Praxis stehen zu müssen, sondern einen jungen Kollegen an meiner Seite zu haben, falls es zu einem Notfall kommt. Das ist für mich auch ein Sicherheitsgefühl. Wie gesagt, die Zusammenarbeit mit jungen Medizinern ist sehr interessant, das möchte ich nicht missen.

 

Prochaska: Ich möchte gerne jene Ärzte ermuntern, die sich noch nicht zu Lehrpraxisstellen durchgerungen haben. Es ist wirklich eine Bereicherung! Ich kann nur Positives davon berichten, auch wenn man sich vielleicht am Anfang ein paar Wochen ärgert. Die Situation von Jungmedizinern mitzubekommen, neue Impulse zu erhalten, zu sehen, wie Kollegen ihre Berufswahl umsetzen. Man bleibt ja mit vielen von ihnen in Kontakt, erfährt von ihrem weiteren Berufsleben in den Spitälern. Es ist und bleibt ein gegenseitiger Austausch. Ein Gewinn für alle!

 

Das Gespräch führte Dr. Iris Lenzinger

Erfahrungsbericht
Ich habe zwei Lehrpraxen absolviert. Einmal ein halbes Jahr lang bei einem Internisten, 2002, des Weiteren drei Monate lang in einer Praxis für Allgemeinmedizin, 2003. Ich habe gleich nach Abschluss meines Studiums mit einer Lehrpraxis begonnen, um die Zeit bis zum Turnusbeginn im Spital zu überbrücken. Ich hatte Glück mit meinen Ordinationen, da ich sehr viel tun durfte, weshalb ich es dann im Turnus, sowohl bezüglich Blutabnahmen und Infusionen als auch im Zusammenhang mit Medikamentennamen und Therapien, viel leichter hatte als so mancher Kollege. Außerdem ergab sich für mich die Möglichkeit, schneller in Ambulanzen mitzuarbeiten, weshalb mir oft die langwierige Stationsarbeit erspart blieb. Beim Internisten erhielt ich einen geringfügigen Betrag und jede Überstunde wurde extra ausgezahlt, so etwa acht Euro pro Stunde. Beim praktischen Arzt bekam ich damals so etwa 400 bis 500 €, eine in Aussicht gestellte Förderung konnte ich nicht mehr in Anspruch nehmen, da ich bereits zuvor einen Turnusplatz angeboten bekommen hatte. Ich habe aber auch gehört, dass manche Kollegen sehr ausgenützt wurden, Medikamente oder Karteikarten ordnen mussten oder auch teilweise Visiten fuhren, ohne entsprechende Aufwandsentschädigung. Viele Lehrpraxisinhaber wiederum klagen, dass der Praktikant, sobald er etwas kann, die Ordination schon wieder verlässt. Das stimmt, aber wir haben in Wahrheit auch gar keine andere Möglichkeit. Am Anfang ist man froh, überhaupt etwas Medizinisches machen zu können, und sobald sich ein Turnusplatz anbietet, geht man. Das würde jeder so machen. Dr. Barbara Berger n

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