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Foto: pixelio.de / Karin Jung
Spracherkennung gehört zu den komplexen Herausforderungen der EDV. Die neuen Lösungen können sich aber sehen lassen.
 
Praxis 5. Mai 2010

Der Nächste, bitte!

Spracherkennungssoftware im Blickpunk

Die Abschrift ärztlicher Diktate kostet das Gesundheitssystem Geld und den Arzt Zeit. Automatische Spracherkennungssysteme, die das gesprochene Wort in geschriebenen Text umwandeln, können hier helfen.

 

Universitätsklinikum Heidelberg, Children‘s Hospital in Boston, Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien oder die öffentlichen Krankenhäuser von Paris – dies sind nur einige aus einer Vielzahl von Einrichtungen, die administrative medizinische Prozesse mit der gleichen Methode reduzieren: durch Spracherkennung. Befunde und Arztbriefe werden in ein Mikrofon diktiert, das mit einem Computer verbunden ist. Eine am Rechner installierte Spezialsoftware „versteht“ das gesprochene Wort und wandelt es in geschriebenen Text um.

In Österreich haben nun zwei weitere Gesundheitseinrichtungen auf digitale Spracherkennung umgestellt: das Kardinal Schwarzenberg’sche Krankenhaus in Schwarzach und das Allgemein öffentliche Krankenhaus Elisabethinen in Linz. Das von T-Systems implementierte Spracherkennungssystem ist mit dem Krankenhausinformationssystem i.s.h.med gekoppelt. Dadurch wird sichergestellt, dass die medizinische Dokumentation automatisch an der richtigen Stelle abgelegt wird. Prim. Dr. Manfred Gschwendtner vom Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie im KH Elisabethinen Linz: „Der diensthabende Radiologe diktiert den Befund, korrigiert sofort den geschriebenen Text und kann den gesamten Befund für unsere Stationskollegen freigeben. Während des normalen Wochenbetriebes steht uns die Offline-Möglichkeit des Diktates zur Verfügung, bei der die Sekretärinnen die Lesekorrektur übernehmen. Das Freigeben durch uns Radiologen erfolgt dann im nächsten Schritt. Das Ziel ist, möglichst alle Befunde im Online-Modus zu erstellen.“

Doz. Dr. Anton Hittmair, Primar der Pathologie im Kardinal Schwarzenberg’schen Krankenhaus, über die neue Lösung: „Die Anwendung des Spracherkennungssystems ist vorteilhaft für unsere Abteilung, da so administrative Wege verkürzt und die Befunderstellung beschleunigt wird.“ Ärzte und medizinisches Personal gewinnen mehr Zeit für die Patientenversorgung und Mitarbeiter aus der Administration müssen die Diktate nicht mehr abtippen. Vor allem hier ist die Kostenersparnis enorm. Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass die Abschrift ärztlicher Diktate das US-Gesundheitssystem jährlich mit etwa 25 Milliarden US-Dollar belastet. Das sind ungefähr 0,6 Prozent der Gesundheitsausgaben! Auf Österreich umgelegt, würden sich diese Ausgaben mit 164 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Diktiersysteme in der Praxis

Spracherkennungssysteme bringen aber nicht nur Krankenhäusern Vorteile. Auch in Arztpraxen können Wartezeiten für Patienten und administrative Kosten verringert werden. Im Gegensatz zu Lösungen für Krankenhäuser werden Spracherkennungsprogramme für niedergelassene Ärzte direkt am Client installiert. Zwei Produkte beherrschen den Softwaremarkt: Dragon Medical 10 von Nuance und Voice Pro 12 Medical von Linguatec.

Dragon Medical 10. Die ursprünglich auf dem allgemeinen Diktierprogramm NaturallySpeaking basierende Anwendung hat sich zur meist genutzten Front-End-Spracherkennungslösung im medizinischen Bereich entwickelt. Dragon Medical wurde speziell für niedergelassene Ärzte, Therapeuten und andere in Gesundheitsberufen Tätige konzipiert, um die Führung von elektronischen Patientenakten und den Informationsaustausch mit anderen Gesundheitseinrichtungen zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Mit der Anwendung lässt sich die gesamte medizinische Dokumentation einfach mittels Sprache verfassen. Hinzu kommt, dass Eingaben und Navigation am PC nicht mehr mit Tastatur und Maus erfolgen müssen – denn auch die Steuerung des Computers erfolgt zeitsparend über Sprachbefehle.

Die Besonderheiten von Dragon Medical 10:

  • Unterstützt neben der Allgemeinen und Inneren Medizin auch die fachspezifische Terminologie von Radiologie, Chirurgie, Orthopädie, Neurologie sowie Kardiologie. Dank der Makro-Funktion können Mediziner eigene Sprachkurzbefehle für allgemein gebräuchliche Sätze oder längere Textpassagen mit eingebetteten Feldern programmieren.
  • Diktieren und Navigieren ist in fast allen Windows-basierten Systemen möglich.
  • Freie Wortwahl beim Diktieren und Unterstützung durch Textbausteine sowie automatische medizinische Formatierung.
  • Neuer „Modus verborgen“ ermöglicht Diktate auch während der Navigation in der jeweiligen Anwendung – der Text kann anschließend an der gewünschten Stelle eingefügt werden.
  • Mit der regulären Schulung durch zertifizierte Nuance Dragon Medical-Vertriebspartner ist die Software schnell und ohne Integrationsaufwand einsatzfähig.

Die deutsche Version von Dragon Medical 10 ist über Vertriebspartner von Nuance erhältlich. Die Einstiegskosten für eine Einzelplatzversion belaufen sich auf rund 1.000 Euro. Produktinfos unter: www.nuance.de/dragonmedical

Voice Pro 12 Medical. Die neueste Generation der Linguatec-Software wurde in Zusammenarbeit mit Microsoft herausgebracht. Im Gegensatz zu Dragon Medical 10 ist für die Nutzung keine eigene Schulung erforderlich und das Produkt kann im freien Handel erworben werden – um knapp 370 Euro.

Die Besonderheiten von Voice Pro 12 Medical:

  • Das Sprachwörterbuch erkennt über eine Million Wortformen. Neben dem allgemeinen Basisvokabular beinhaltet die Software einen umfassenden Wortschatz aus den Bereichen EDV, Sport, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Zusätzlich verfügt Voice Pro 12 Medical über einen Wortschatz aus 25 medizinischen Fachgebieten. Typische Abkürzungen werden korrekt übernommen. Das Sprachwörterbuch kann beliebig um eigene Begriffe und Termini erweitert werden.
  • Automatische Anpassung an Sprechgewohnheiten. So können etwa immer wiederkehrende Elemente als Textbausteine definiert werden. Durch Aussprechen des Stichwortes wird automatisch der Textblock eingefügt.
  • SpeechCorrect – eine neuartige Hilfe bei der Schreibweise ähnlich klingender Begriffe. Tritt der Fall ein, so hat der Anwender die Möglichkeit, in einem Dialog den Kontext zu definieren.
  • Intuitive Sprachbefehle für die Bedienung des PCs, wie „Datei drucken“, „Fenster schließen“ oder „Internet Explorer öffnen“. Diese SmartCommands ermöglichen das zeitsparende Aneinanderreihen von mehreren Aktionen. Beispiel: Der ausgesprochene Befehl „E-Mail an Hans Wollmann schreiben mit dem Betreff ‚Unser Treffen‘“ öffnet Outlook, fügt den Empfänger aus dem Adressbuch ein und erstellt gleich den Betreff.

 

 Mehr zur Software unter:

www.linguatec.net/products/stt/voice_pro/vp12_medical

Sprechübungen und Hardware verbessern
Zwar wurde bei den neuen Spracherkennungsprogrammen die Erkennungsrate deutlich verbessert – dennoch muss sich der Anwender einen eigenen Sprechstil angewöhnen. Er soll nicht nur druckreif formulieren, sondern muss auch deutliche Pausen vor Steuerbefehlen für Satzzeichen oder Zeilenumbrüche einhalten. Wichtig ist aber, falsch erkannte Wörter über die Software zu korrigieren, da sie so aus ihren Fehlern lernt und mit der Zeit immer besser arbeitet.

Von Leopold Klein, Ärzte Woche 18 /2010

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