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Foto: Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Ditz Fejer
Möbel aus Schweden haben den europäischen Einrichtungsstil geprägt.
 
Praxis 28. April 2010

Hey Du, Billy!

Regale mit kecken Namen auf Besuch im Hofmobiliendepot.

Liebe Leserin, lieber Leser, heute sag ich ausnahmsweise einmal „Du“ zu dir. Denn das Du-Wort und die Nähe zum Kunden gehören zu den Gründen für den Erfolg des größten Möbelkonzerns der Welt. Das Phänomen Ikea wird dieser Tage in einer Sonderausstellung des Hofmobiliendepots in Wien beleuchtet. Zu Recht – kein anderer Konzern hat die Art, wie wir Möbel sehen und verstehen, so geprägt wie das Unternehmen, das seinen Möbeln Namen gibt.

 

IKEA ist bekannt für seine preisgünstigen Möbel, sein schwedisches Image und den Ruf, nah am Kunden zu sein. Die Erfolgsgeschichte des Konzerns nahm seinen Anfang in einem kleinen Dorf im schwedischen Småland. Anfangs wurden Schreibwaren und Strümpfe verkauft, doch dann entdeckte der Firmengründer Ingvar Kamprad den Möbelmarkt. Wichtigstes und für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Detail am Rande: die Möbel mussten zerlegbar sein und in flache Pakete passen. Dadurch wurden Platz und Transportkosten gespart, was sich in niedrigen Preisen niederschlug. Noch heute ist das Gewicht und die Zerlegbarkeit der Produkte ein wichtiges Kriterium im Designprozess und hat großen Einfluss auf die Ästhetik der Kreationen. Dadurch entwickelte der Konzern eine eigene Formensprache, die heute von Schweden bis Japan und Saudi Arabien verstanden wird.

Seit Beginn der Industrialisierung gab es einschneidende Veränderungen in vielen Lebensbereichen, denen vor allem auch das Kunsthandwerk und damit die althergebrachte Möbelproduktion zum Opfer fielen. Echte Handarbeit wurde teuer, die maschinelle Produktion führte zu einem Verlust an Qualität, den avantgardistische Künstlerkreise zu beheben versuchten. Von Bauhaus bis Wiener Werkstätte, sie alle versuchten, das Mobiliar wieder schöner, humaner und dennoch für die Masse erschwinglich zu machen – mit unterschiedlichem Erfolg.

IKEA knüpfte an die skandinavische Designtradition an, die für schlichte Schönheit und naturbezogene Originalität steht, und vereinigte sie mit Ideen der Reformbewegungen der Moderne. Das Unternehmen bewies, dass Qualität, günstiger Preis und kommerzieller Erfolg vereinbar sind, und prägte damit unser Möbelverständnis. Kein Wunder also, wenn IKEA-Möbel nun ins Museum kommen, in diesem Fall in Form einer Sonderausstellung im Hofmobiliendepot in der Andreasgasse in Wien, das bis 11. Juli 2010 ausgewählte Exponate zur Schau stellt.

Nicht jeder kauft gerne Möbel von der Stange. Doch wer glaubt, man könne sich dem Einfluss des schwedischen Riesen auf das Möbeldesign entziehen, der irrt. IKEA hatte seit seiner Entstehung großen Einfluss darauf, wie wir uns einrichten. IKEA wurde zum gesellschaftlichen Phänomen; wie der Strom aus der Steckdose kommt, so kommt das Regal nun von IKEA – und nennt sich „Billy“.

Der Inbusschlüssel zum Erfolg

Wenn Möbel zerlegbar sind und vom Käufer selbst zusammengebaut werden, bringt das eine Vielzahl von Nebeneffekten mit sich. Die Selbstmontage fand sofort schnellen Zuspruch bei den Kunden. Dadurch wird das Gefühl vermittelt, mit einem Inbusschlüssel ausgestattet, direkt in den Entstehungsprozess „seines“ Möbels mit einbezogen zu werden. Anstelle eines rein passiven Möbelkonsums kann so eine persönliche Bindung zu den kurzlebigen Möbeln von heute geschaffen werden. Denn die Innenausstattung wird heute kaum mehr von Generation zu Generation weitergegeben. Mit dem Vorteil, dass (ressourcenschonende) Möbel einfacher ausgetauscht und geänderten Lebensbedingungen angepasst werden können.

Pimp my Möbel!

Ein Vorteil der zerlegbaren IKEA-Möbel ist die Möglichkeit, Einzelteile anders zu verwenden, als in der Bauanleitung diktiert, und so ganz neue Accessoires zu entwickeln. Auch in der Ausstellung des Hofmobiliendepots findet man einen Bereich zum Thema „Pimp Light Show“ (pimp „aufdonnern“ oder „aufmotzen“) die den kreativen Umgang mit IKEA-Möbelteilen an Leuchten präsentiert. Hier präsentieren Wiener Design-Büros, wie IKEA-Produkte zu neuen individuellen Leuchtkreationen umgebaut werden können.

Doch nicht nur neue Lampen können auf diese Weise kreiert werden. Im Fachjargon „IKEA-Hacks“ genannt, werden in Internetforen Anleitungen vorgestellt, wie Betten zu Kästen, Kästen zu Tischen, Tische zu Regalen und Regale zu Sitzbänken umgebaut werden können. Die Ergebnisse sind manchmal von echten Designerstücken kaum mehr zu unterscheiden, so entsteht neues „avantgardistisches“ Interieur.

Was du aus einem Besuch der Ausstellung lernen kannst? An der Entwicklung des größten Möbelkonzerns und seiner Innovationen kannst du erkennen, in welche Richtung sich das Design entwickelt hat und welche Möglichkeiten es bietet. Also, bau deine alten (IKEA-) Möbel um, kombiniere sie mit neuen Einzelteilen oder lass dich einfach vom skandinavischen Design, das die Welt der Möbel veränderte, inspirieren.

 

 Weiterführende Links:

http://www.hofmobiliendepot.at

http://ikeahacker.blogspot.com/

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 17/2010

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