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Doz. Dr. Andreas Festa Facharzt für Innere Medizin, Medical Director bei MSD, Vorstandsmitglied des Pharma Marketing Clubs Austria (PMCA; Medical Network)
 
Praxis 4. Dezember 2008

Wie sich Ärzte vor Interessenskonflikten schützen

Produktinformationen der Pharmaindustrie werden hinterfragt und müssen in der Praxis erst ihren Bewährungstest bestehen.

Ärzteschaft und Pharmafirmen sind kürzlich in die Schlagzeilen geraten. Ein Pauschalvorwurf lautete, die Ärzte seien von der Industrie gekauft und manipuliert. Doch wie sieht die Alltagsrealität tatsächlich aus? Ein Allgemeinmediziner, ein niedergelassener Internist und ein Mediziner, der früher als Kliniker tätig war und in die Pharmaindustrie gewechselt ist, beantworten in der Ärzte Woche sieben Fragen. Dabei geht es unter anderem um den Stellenwert der Industrie im ärztlichen Berufsalltag, die Rolle von Pharmareferenten und persönliche Strategien gegen etwaige Interessenskonflikte. Interessant ist auch, wie sich Ärzte in der Informationsfülle ein objektives Bild über verfügbare Therapien machen.

Pharmafirmen verstehen sich als Partner der Ärzte mit dem gemeinsamen Ziel der verbesserten Patientenversorgung. Sie verstehen sich auch – und immer mehr – als Serviceunternehmen, die verschiedenen Kundengruppen als Partner zur Seite stehen. Zu den Ansprechpartnern gehören Ärzte, aber auch Institutionen, die im Gesundheitswesen aktiv sind, z.B. Universitäten, Patienten-Selbsthilfegruppen, Kostenträger etc.

Es ist kein Geheimnis, dass es ohne Unterstützung durch die Industrie ärztliche Fortbildung nicht gäbe, jedenfalls nicht in der jetzigen Form. Wir sehen aber auch den klaren Auftrag an die Industrie, weiter an einer Verbesserung zu arbeiten, d.h. noch umfassender, noch aktueller, noch zielgerichteter zu informieren – einen guten Mix zu finden zwischen der Wissenschaft und der Praxistauglichkeit der Inhalte, etwa für den niedergelassenen Bereich. Die bestehenden Rahmenbedingungen, die jüngst nochmals verbessert wurden – beispielsweise im Antikorruptionsgesetz und dem aktualisierten Pharmig/Ärztekammer-Verhaltenskodex – sehen wir hier als große Chance, Fortbildungsveranstaltungen quasi den Gesetzen des Marktes folgend zu regulieren. Es werden nur mehr jene Veranstaltungen übrig bleiben, die einen inhaltlichen Mehrwert für den Zuhörer bieten. Qualität wird sich immer mehr durchsetzen, und das ist gut so.

Der Pharmareferent ist Repräsentant des Unternehmens und bleibt als solcher ein wichtiger Partner des Arztes in der Vermittlung von Information. In dieser Funktion wird er von Ärzten geschätzt, etwa auch als Bindeglied zu Fortbildungsveranstaltungen, möglichst maßgeschneidert nach den jeweiligen Bedürfnissen des Arztes.

Die Pharmaindustrie operiert in einem hoch regulierten Umfeld. Es wäre etwa völlig undenkbar zu kommunizieren, dieses oder jenes Medikament hätte die eine oder andere Wirkung – wie man das etwa für Nahrungsmittel sogar im Fernsehen hört –, ohne den Beweis für die Behauptung führen zu können, und zwar nach rigorosen, wissenschaftlichen Kriterien. Wenn unter seriös „wissenschaftlich korrekt“ zu verstehen ist, dann sage ich: Absolut ja, die Informationen der Pharmaindustrie sind seriös.

Die Frage, wie sich der Mediziner aus der Informationsfülle ein objektives Bild machen kann, halten wir für eine der wesentlichsten in der Ausübung der ärztlichen Kunst. Die heutige Gesellschaft ist „multimedial“, mit Zeitung, Internet, Fernsehen, Kollegenaustausch etc. Wie schaffen wir da Ordnung ins Chaos? Wem glauben wir, wo suchen wir speziell, und was ist letztlich relevant für meinen Patienten? Die Industrie muss hier ihre Rolle als Informationsträger wahrnehmen und dabei ständig besser werdende Fortbildungen anbieten.

Ich begrüße hier alle Maßnahmen, die die Industrie als Partner verstehen, mit dem gemeinsamen Ziel, die Versorgung der Patienten zu verbessern. Unsere Industrie bewegt sich in einem streng regulierten Umfeld. Die Rahmenbedingungen sind ausreichend klar formuliert und bieten Sicherheit, um Interessenskonflikte zu vermeiden.

PharmavertreterInnen sind zu bemitleiden. Sie sind keinesfalls meine Partner, die Fronten und Interessen sind klar definiert. Wenn sie Druck machen wollten, kämen sie nicht mehr bei der Tür herein. Pharmareferenten informieren zwar über neue Produkte, allerdings naturgemäß immer positiv über ihre eigenen Produkte und negativ über das Konkurrenzprodukt.

Die Industrie veranstaltet Fortbildungen – diese sind meist nur mäßig interessant, wenn die Interessenslage eindeutig ist und die akademische Interpretation der Wissenschaft und nicht der niedergelassene Bereich im Mittelpunkt steht. Viele Vortragende agieren „großkopfert“ – abgehoben und ignorant betreffend häufiger Probleme. Die Unterstützung von Fortbildungen beziehungsweise Sponsoring von ärztlichen Tagungen finde ich super, weil es ansonsten keine Förderung gibt. Ich habe nicht die innere Bereitschaft, nach einer erschöpfenden Arbeitswoche für einen Samstag als Zuhörer im Vortragssaal 250 bis 400 Euro zu bezahlen.

Jedenfalls erachte ich die Informationen der Pharmaindustrie seriöser als den Begriff „korrupte Medizin“. Korrupte Vortragende wären nach einiger Zeit bekannt, ihre Absichten leicht erkennbar. Man könnte sich dann auch vorstellen, welchen Firmennamen die Unterhosen als Aufdruck haben.

Mir gelingt es recht gut, mir ein objektives Bild über die jeweils besten Therapieoptionen zu machen. Erstens gibt es Informationen im Internet wie PeerView institute, Medical letter etc. und Bücher. Zweitens haben viele Therapien Zielwerte: RR-Messungen, HBA1c-Messungen, Cholesterinwerte etc. Nach drei bis sechs Monaten weiß ich, ob ein Medikament hält, was die Informationen versprechen. Wenn nicht, wird es nicht mehr verschrieben. Der zuweisende Arzt kann ebenfalls die Wirkung beurteilen, oft auch der Patient selbst. Mein Ruf und meine Glaubwürdigkeit wären gefährdet, wenn ich aus „Korruptionsgründen“ ein ineffizientes und ineffektives Medikament weiterhin verschreiben würde.

Unter den verschiedenen Maßnahmen der Pharmaindustrie finde ich Sponsoring gut. Abzulehnen sind „Marketingblödheiten“, beispielsweise häufiges Umstellen des Pharmavertreterteams, Versenden von Briefen mit Gegenständen darin – diese muss man erst mühsam entfernen, bevor man das Ganze ins Altpapier schmeißt –, Zusenden von Gummibärchen und sonstigen Gadgets.

Vor Interessenskonflikten schütze ich mich, indem ich ein Medikament versuchsweise verschreibe, sobald ich von seiner Sicherheit überzeugt bin, und ich beende die Neueinstellung, sobald Generika vorhanden sind oder die Effizienz nicht erkennbar ist. Ich verordne nie ein Medikament aus einer Gruppe für alle Patienten, sondern habe möglichst immer zumindest zwei im Gebrauch.

PharmareferentInnen sind eine essenzielle Informationsquelle über neue Medikations- und Therapiemöglichkeiten und ein wichtiger Partner bei der Organisation von Fortbildungen. Keineswegs fühle ich mich durch Pharmafirmen unter Druck gesetzt. Da ich mein Wissen hauptsächlich aus Literaturstudium und Internet beziehe, dient die Diskussion mit Pharmareferenten v.a. der Klärung offener Fragen.

Nicht wegzudenken ist die Unterstützung seitens der Pharmabranche im Hinblick auf Fortbildungen. Da das Ärztegesetz eine Fortbildung im Ausmaß von 150 Fortbildungspunkten im Laufe von drei Jahren vorsieht, wäre dies ohne Unterstützung für viele KollegInnen nicht finanzierbar.

Ich unterstelle keineswegs der Pharmaindustrie, unlautere Werbung zu betreiben, trotzdem ist jede Information nur nach Überprüfung durch andere Quellen als seriös zu betrachten. Dies gilt aber in gleichem Maße auch für Informationen, welche in Printmedien oder im Internet zu finden sind. Stets ist auf eine zweite, meist sogar dritte Meinung zu achten. Mir ein objektives Bild über die jeweils besten Therapieoptionen zu machen, gelingt größtenteils aus der praktischen Erfahrung und der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen sowie durch regelmäßiges Literaturstudium.

Positiv finde ich das Sponsoring von Fortbildungsveranstaltungen und Kongressen, weil dies auch im Hinblick auf die Kommunikation innerhalb der Kollegenschaft äußerst hilfreich ist. Unangenehm sind produktbezogene, unkritische Werbungen, vor allem in Plakatform und als Postwurfsendung.

Interessenskonflikte lasse ich erst gar nicht entstehen, da ich keine Versprechungen über künftige Verschreibungen abgebe und meine Vorbehalte, sofern ich welche habe, regelmäßig der Pharmaindustrie mitteile. Meine Verschreibungen fußen nicht auf dem Einfluss irgendeiner Pharmafirma, sondern sind ausschließlich auf Evidenz aufgebaut.

Ohne die Unterstützung der Pharmaindustrie gäbe es wohl nur mehr sehr wenig medizinischen Fortschritt. Da sich der Staat aus der Förderung der Forschung in den letzten Jahren deutlich zurückgezogen hat, ist es nur wünschenswert, wenn sich ein Industriezweig zur Bereitstellung ausreichender Mittel bereit erklärt – zum Nutzen für die Patienten, selbstverständlich wohl aber auch zum eigenen Nutzen.

Sieben Fragen zum Thema
• Welche Bedeutung haben Pharmafirmen im Berufsalltag des Arztes – sind sie Partner, setzen Sie unter Druck etc.? #
#• Welchen Stellenwert hat die Unterstützung der Pharmaindustrie für den Arzt, was Informationen, Fortbildung etc. betrifft? #
#• Welche Bedeutung hat der Pharmareferent als seriöse Informationsquelle? #
#• Wie seriös schätzen Sie die Informationen der Pharmaindustrie ein? #
#• Wie kann sich der Arzt angesichts der Informationsfülle und der sicher oft auch einander widersprechenden Aussagen von Pharmafirmen ein objektives Bild über die jeweils besten Therapieoptionen machen? #
#• Welche Maßnahmen von Pharmafirmen finden Sie gut, welche sollten vermieden werden? #
#• Mit welchen Strategien schützen Sie sich persönlich vor einem Conflict of interests?
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Doz. Dr. Andreas Festa Facharzt für Innere Medizin, Medical Director bei MSD, Vorstandsmitglied des Pharma Marketing Clubs Austria (PMCA; Medical Network)

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Dr. Dan Seidler Internist in Wien

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Dr. Hubert Lutnik Allgemeinmediziner in Wien

Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche

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