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Schweigen ist nicht immer Gold, und als mundfauler Mensch kann man sich mitunter zum Affen machen.
 
Praxis 16. Februar 2010

Wege aus der Sprachlosigkeit

Wie Mediziner und Patienten miteinander reden (sollten).

Verlust kann etwas gänzlich Untergegangenes bezeichnen oder etwas, das verloren wurde, aber wieder gefunden werden kann. Was trifft auf Ärzte und Sprache zu? Denn dass viele Mediziner momentan sprachlos sind, war beim Forum Alpbach keine Frage. Der allgemein optimistische Tenor lautete jedoch, dass die Sprache nur vorübergehend verschwunden und der Versuch der Wiederfindung bereits im vollen Gange sei.

 

Vor 40 Jahren herrschte noch das Patriarchat in der Medizin. Der Patient wurde als „Befundspeicher“ betrachtet. Die Herren der Medizin wurden gehört, nicht nur was die Therapie des Einzelnen betrifft, auch die Öffentlichkeit war daran interessiert, was die großen Ärzte zu sagen haben. Die Medizin wurde mehr und mehr verpolitisiert. Die Kultur der Medizin, also Medizin in die Wissenschaft und die Künste einzubetten, ging verloren. Dabei wurde der Blickwinkel der Medizin verschoben, auf einmal war nicht mehr der Mensch das Allerwichtigste, der Mittelpunkt ärztlichen Handelns. Die Fürsorglichkeit kam ebenso abhanden und der Patient wurde zum Objekt degradiert. Und was soll mit einem Objekt geredet werden? Mit diesen Gedanken begann Prof. Dr. Felix Unger, Herzchirurg und Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, die Diskussion. Der Wiener Patientenanwalt Dr. Konrad Brustbauer bestätigte: „Die alte Weisheit ‚zuerst das Gespräch, dann die Arznei, dann das Messer‘ wurde durch neue diagnostische Verfahren überholt. Die Naturwissenschaft ermöglichte plötzlich eine Diagnose mittels Apparaturen, das Gespräch mit dem Patient war nicht mehr vonnöten.“

Aber auch am Patienten selbst ging diese Entwicklung nicht spurlos vorbei. Inzwischen haben sich Patienten einen neuen „Gesprächspartner“ gesucht, so Brustbauer: „Das Internet gibt Auskunft zu allen Fragen, ist geduldig, nie herablassend, erklärt, übersetzt.“ Diese einseitige Information mache das Gespräch zwischen Arzt und Patient allerdings nicht gerade einfacher.

Expertenglaube im Abnehmen

Während die Diskussionsteilnehmer sich überzeugt zeigten, dass der überdominante Glaube an den Experten in Europa bereits am Abnehmen ist, erzählte Prof. Dr. Benjamin Barber, Rutgers University New York, dass Patienten in den USA oft noch gerne sprach- und willenlos sind und freiwillig auf ihre Mitsprache verzichten. Unger bemängelte, dass viele Ärzte das Gespräch mit den Patienten auch nicht suchten. Allerdings werde das Objekt Patient mit Hilfe von Patientengesetzen rücklings als Subjekt wieder hereingeholt. Prof. Dr. Nico Stehr, Lehrstuhl für Kulturwissenschaften an der Zeppelin University Friedrichshafen, war hingegen der Meinung, dass der Patient als aktiver Akteur als Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte die Medizin beschäftigen und dies zu einer Demokratisierung der Medizin beitragen werde.

Gesprächsbereitschaft

Als wichtigstes Anliegen thematisierte Brustbauer die Gesprächsbereitschaft vonseiten des Arztes. „Eine Komplikation, die nur in einem Prozent auftritt, trifft diesen einen Patienten zu 100 Prozent. Es ist zu verständlich, dass sich der Arzt von diesen Fällen gerne abwendet. Die Therapie ist getan, auch wenn sie nicht gut gelaufen ist. Wer betrachtet schon gerne ein nicht gelungenes Werk? Gerade diese Patienten brauchen aber eine besondere Gesprächsbereitschaft. Wenn es dem Arzt gelingt, sich zu überwinden und mit dem Patienten ein offenes Gespräch zu führen, können auch Patienten mit Komplikationen zufrieden mit ihrem Arzt sein.“

Sprache ist nicht gleich Sprache

Dem Arzt kommt mehr und mehr der Zweitjob eines Übersetzers zu, sagte Marianne Gruber, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. Zuerst von der Fachsprache in eine für den Patienten verständliche und dann wieder zurück. „Aber Sprache ist nicht gleich Sprache. Sie ist nicht Gemeingut und sie zerfällt in verschiedene Jargons“, so Gruber. „Sprache ist auch nicht etwas, das man einmal erlernt und dann für immer hat. Sie muss immer wieder neu erworben werden. Die Herausforderung für den Arzt ist es immer wieder, das sprachliche Umfeld des Patienten zu treffen.“

Therapie beginnt mit Sprache

Der allgemeine Tenor der Diskutanten kann daher so zusammengefasst werden: Ziel für jeden Arzt sollte es sein, dass das ärztliche Gespräch begleitend und verstärkend zur Naturwissenschaft hinzukommt. So wird ein neuer Dialog entstehen, von dem alle Beteiligten – Arzt, Patient und Angehörige – profitieren werden. Der Mensch als Wesen mit Körper, Geist und Seele sollte im Mittelpunkt medizinischen Denkens, Sprechens und Handelns stehen, im Interesse einer Zurückbesinnung auf den wohl höchsten Wert in der Medizin, das Leben.

Von Dr. Katharina Krautgasser, Ärzte Woche 7 /2010

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