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Illustration: DI Niel Mazhar
 
Praxis 2. Februar 2010

Im Schatten der Karibik

Die zweite Raumdoktor-Postkarte aus Guadeloupe.

Bereits letzte Woche hat Sie, werter Leser, ein Raumdoktor von der Antilleninsel Guadeloupe erreicht, in der ich von den Vorzügen der Einrichtungsfarbe Weiß erzählte, die hier fast überall im Sonnenlicht schimmert. Licht und Schatten sind auch der Schlüssel, mit dem monochromen Räumen eine sanfte Leichtigkeit verliehen werden kann.

 

Das düstere Dasein, das die Piraten an den Küsten der Karibik führten, wurde schon längst vom heiteren Licht karibischer Lebensfreude erhellt. Dennoch ist es auch ein Kontrast von Hell und Dunkel, der den meist einfarbig weißen Häusern der Karibik durch den Wechsel von Licht und Schatten Dynamik verleiht. Die Piratenhorden mögen sich um Interieurs weniger geschert haben als um Freibeuterei und Rum, doch mit Hell-Dunkel-Kontrasten kannten die sich auch aus.

So mancher würde hinter der typischen Augenklappe der Piraten eine endemische Infektionskrankheit mit exotischem Namen vermuten. Der wahre Grund ist aber, dass ein Seeräuber mit dem freien Auge, das an Helligkeit gewöhnt war, an Deck seine Arbeit verrichten konnte, in der Hitze des Gefechtes aber wiederholt schnell unter Deck wechseln musste. Hier wurde die Klappe dann einfach auf das zweite Auge gesetzt, während ersteres bereits an die Dunkelheit gewöhnt war.

Spätestens seit der Erfindung des künstlichen Lichts ist die Augenklappe aus der Mode gekommen, und genau diesen Umstand sollten Sie in weißen Räumen nutzen. Damit puristische Arrangements zum Leben erwachen, müssen interessante formale Aspekte der Raumgestaltung durch Licht unterstrichen werden. Besonders fein strukturiertes Interieur in Schichten, ornamentale und plastisch wirkende, abwechslungsreiche Oberflächen sollten daher in direkten Bezug zu künstlichem wie natürlichem Licht gesetzt werden.

Weiches Licht, harte Schatten

Dies geschieht durch die Kombination von direkt gerichtetem Licht, das reizvolle Konturen hervorhebt und so ein lebendiges Schattenspiel erzeugt, wie auch durch weiche, indirekte Beleuchtung. Diese kann in der Kante des Raumes angebracht werden, etwa eine Leuchtröhre, die diese vollständig einnimmt, sodass die Quelle kaum sichtbar wird. Dadurch werden bestimmte Raumpartien und das Weiß der Räume selbst zum Strahlen gebracht. Auch Lampenschirme aus Papier und hellen Textilien passen sehr gut in dieses von sich aus strahlende Weiß. Genauso wie Leuchtquellen, die sich hinter Paneelen verbergen und deren Oberflächen von spannenden Formen durchbrochen sind und dadurch eine ähnliche Wirkung entfalten wie die Sonnenlamellen an einer typischen Veranda der Karibik.

Doch nicht nur mit massivem Material können Strukturen und Kontraste erzeugt werden. Durch den Einsatz von Glas, teils durchscheinend, teils blickdicht, können weitere Schichtungen eingebracht werden. Hier empfiehlt sich der Einsatz von Mobiliar aus robustem Acrylglas. In größerem Maßstab als Trennwände und Schiebetüren oder auch als Beistelltisch – aber selbst Stühle sind aus diesem Material erhältlich. Mehrere durchscheinende, hintereinander angeordnete Schichten erzeugen so Tiefe und kristalline Formen.

Auch der Wechsel von zart und zerbrechlich zu grob und rau ist reizvoll. Stühle aus zartgliedrig gerastertem Metall, filigrane Regale aus mattiertem Glas und fein geschnitzte weiße Holzmöbel neben grob verputzten Wänden oder weiß gekalkten Ziegelmauern sind ein gutes Beispiel für solch ein abwechslungsreiches Arrangement.

Die Palette natürlich weißer Materialien ist lang. Dazu zählen besonders helle, gebeizte Holzarten, Marmor, Kalkstein, Baumwolle sowie Papier für Wände, Böden und Accessoires. Aber auch Werkstoffe, die man mit weißer Farbe assoziiert, zählen dazu – etwa Kunststoffe oder Keramik bzw. weiße Kieselsteine, die man zu Mosaiken zusammenfügen kann und so eine bewegte Struktur erzeugen.

Durch den beharrlichen und konsequenten Einsatz von Weiß lässt sich ein Verschmelzen von Mobiliar und Raum erreichen, das allein von der formalen Komponente bestimmt wird. Regale scheinen aus dem Mauerwerk herauszuwachsen, Wände und Mobiliar gehen ineinander über.

Farben aller Welt, vereinigt euch

Wem durch das Fehlen von Farbe ähnliche Mangelerscheinungen im Gemüt drohen wie einst dem Piraten durch unausgewogene Ernährung, das Skorbut zur Folge hatte, der kann mit der Farbe Weiß dennoch glücklich werden. Schließlich ist Weiß – physikalisch gesehen – die Summe aller Farben des Lichtspektrums und harmoniert daher mit allen Kolorierungen.

Besonders am Boden kann ein farbiger Kontrast eingebracht werden. Denkbar ist hier ein dunkler Holz- oder Fliesenbelag, der der Kulisse Halt gibt und sie noch heller strahlen lässt. Je nach den benachbarten Farben wirkt Weiß immer wieder anders. Neben anderen unbunten Farben wie Silber, Anthrazit und Schwarz wirkt es besonders elegant und edel. Inmitten einer dominanten Einheit von Weiß wirken auch kräftige Farben wie ein sattes Hellgrün oder auch Pink und Türkis niemals kitschig oder überladen und können daher gezielt eingeschmuggelt werden.

Übrigens war selbst der Inbegriff schwarz-weißer Ästhetik in der Piratenwelt, das Totenkopfsymbol „Jolly Roger“, einst auf rotem Grund gemalt (daher ursprünglich „jolie rouge“ genannt). Auch daran lässt sich erkennen, dass zu Weiß tatsächlich jede Farbe addierbar ist.

Liebe Grüße aus der Karibik, Ihr Raumpirat.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 5 /2010

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