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Foto: flickr / antmoose
Mithilfe seiner brillanten Rhetorik konnte Marcus T. Cicero den Untergang der römischen Republik hinauszögern. Als Vortragender genügt es, die Zuhörer 20 Minuten lang zu fesseln und die entscheidenden Sachverhalte weiterzugeben.
 
Praxis 27. Jänner 2010

Von Cowboyhüten und guten Vorträgen

Wie stellt man einen guten Draht zu seinen Zuhörern her?

Gute Vortragende stellen nicht sich, sondern ihre Sache in den Vordergrund, setzen dabei jedoch nicht ausschließlich auf Zahlen und Fakten, sondern auch auf Persönlichkeit. Was wie ein Widerspruch klingt, ist gar keiner.

 

Montreux, Diabetologenkongress, irgendwann Ende der 1990er Jahre. Der Internist Roman Szeliga sitzt im Publikum, wartet auf den kommenden Vortrag: Peaks und Valleys in der Diabetestherapie. Szeliga rechnet mit weiteren Zahlen, weiteren Tabellen. Irrtum – denn mitten in dieses Warten platzt Wildwestmusik. Ein Holzpferd reitet auf der Bühne ein; auf ihm ein kleiner, dicker texanischer Professor mit Cowboyhut. Der Reiter wirft den Hut auf den Kleiderständer, versorgt das Holzpferd und begrüßt seine Zuhörer. Kein einziges Wort noch von Blutzuckerwerten und Peaks und Valleys. Applaus.

„Und dann hat er einen Vortrag gehalten, an den ich mich heute noch erinnern kann“, sagt Szeliga. Ein Vortrag mit etwa 15 Folien, kurzen Unterbrechungen nach jeder dritten, vierten Folie: „… übrigens meine Kinder haben kürzlich …“, dann ein passendes Dia, das die Zuhörer weg von den Kindern wieder zu den Diabeteswerten zieht. „Natürlich war das für ihn maßgeschneidert. Ich sage nicht, dass sich jeder ein Holzpferd kaufen soll. Aber der dicke Professor aus Texas hat sich Gedanken gemacht“, erklärt Szeliga, der sich heute mit eben jenem Thema beschäftigt, dem sich der texanische Diabetesfachmann bereits vor zehn Jahren verschrieben hat: kommunizieren, authentisch referieren, Humor zeigen, vielleicht ein wenig Ironie einbauen – und das alles verknüpft mit Fachwissen und Eloquenz. Nichts leichter als das, wenn man das Handwerkszeug hervorholt und sich Zeit für die Vorbereitung nimmt.

Eine Stunde Vortrag, zwei Stunden Planung

Wer mit Kirsten Vogel über gutes Referieren spricht, merkt bald, dass ein guter Vortrag schon längst begonnen hat, bevor noch die erste Silbe erklingt. Vogel ist Leiterin des TOP.IfM Instituts für Medienprofis und nennt eine Faustregel zur Vorbereitungszeit: „Hinter jeder Vortragsstunde stehen je nach Erfahrung des Redners zwei bis vier Stunden Vorbereitung.“

Die erste Frage dabei: Wie gehe ich vor, um mein Wissen aufzubereiten für Menschen, die dieses Wissen nicht besitzen? Idealerweise schreibt sich der Vortragende ohne Literaturbehelfe auf, was er über das Thema weiß. In einem nächsten Schritt geht es darum, zu entscheiden, welche Teile des Wissens vermittelt werden sollen: Einige Aspekte eines Themas oder ein Überblick? „Gehe ich in die Breite, heißt das, dass ich aus dem, was ich weiß, wesentliche Informationsblöcke ausschneide. Das sollten allerdings nicht mehr als fünf Aspekte sein“, erklärt Vogel. „Will ich hingegen in die Tiefe gehen, braucht es an dieser Stelle kurz ein Geländer: In welchem Zusammenhang steht der Punkt, der vertieft werden soll?“

Innere Logik und Perspektivwechsel

Anschließend wird das Thema derart aufbereitet, dass sich für den Redner eine innere Reihenfolge, eine innere Logik ergibt. Ist diese Reihenfolge gefunden, geht es darum, ob diese Logik auch den Zuhörern verständlich sein wird: Das gelingt durch den Perspektivenwechsel, etwa in die Rollen mehrerer wohlwollender Kollegen.

Gleich danach stellt sich die Frage: Wie leite ich den Vortrag ein? Der Redner erklärt, warum ihm das Thema wichtig ist. „Es gibt kaum etwas Langweiligeres als einen Redner, der sein Thema so behandelt, als hätte er nichts damit zu tun. Die Leute wollen wissen, welchen Bezug der Vortragende zum Thema hat“, sagt Vogel. Sie schlägt Einleitungen vor wie „… habe ich Erfahrungen gemacht mit …“, „… bin ich immer wieder darauf gekommen …“ und Ähnliches. „Dann kann sich der Zuhörer dazu positionieren: ‚Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht‘ oder ‚Das ist mir völlig fremd‘. Wichtig ist, dass der Zuhörer sich angesprochen fühlt.“

Fakten sind nicht alles

Langsam geht es dann an den Inhalt. Der Vortrag wird vollständig ausformuliert zu Papier gebracht, da das Gehirn diese Gedanken einmal komplett durchdenken muss. Ist das Werk vollbracht, ist es sinnvoll, es über Nacht ruhen zu lassen und es danach einige Male laut durchzugehen. Anschließend wird der Vortrag in wenigen Stichworten auf Karteikarten gebracht.

Zur Gliederung rät Vogel: „Sehr schön wäre, wenn wir im ersten Teil so etwas haben wie eine Erzählung, zum Beispiel eine Patientengeschichte. Im zweiten Teil geht es darum, Forschungsergebnisse zu schildern, die ich an die Geschichte von vorhin anknüpfen kann. Im dritten Teil komme ich zu den Erkenntnissen.“ Am Ende ständen dann die Konsequenzen des Gesagten für das Publikum: Die Kollegen tragen das Thema gedanklich in die eigene Praxis. „Ganz am Ende steht noch ein allerletzter Satz zum Redner selbst, um es logisch abzubinden: Wie wird er selbst vorgehen?“ Ende. Applaus, Abgang – vielleicht sogar mit Trachtenhut.

 

Lesen Sie dazu das Interview mit Dr. Roman Szeliga .

Von Bettina Benesch, Ärzte Woche 4 /2010

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