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Illustration: DI Niel Mazhar
Liebe Grüße aus der Karibik sendet der Raumdoktor und beschäftigt sich just an diesem bunten Ort mit der Nichtfarbe Weiß.
 
Praxis 27. Jänner 2010

Design-Piraterie unter Palmen

Eine Raumdoktor-Postkarte aus der Karibik.

Lieber Leser! Diese Woche erreicht Sie der Raumdoktor von der Antilleninsel Guadeloupe. Die Piraten sind aus der Karibik längst verschwunden, doch kann man noch heute von ihnen lernen. Damit meine ich weder das Kielholen, Rumtrinken oder Holzbeinschnitzen, sehr wohl aber das Talent, von dem Besitz anderer Menschen zu profitieren – in diesem Fall dem Reichtum an Designideen. Lassen auch Sie sich vom gestalterischen Überfluss unter den Palmen inspirieren.

 

Man stellt sich die Karibik recht bunt vor, und zweifelsohne ist sie das auch. Jedoch trifft das in erster Linie auf die atemberaubende Pflanzenwelt und die prächtigen Madras-Kostüme der Inselbewohnerinnen zu. Auch pastellfarbene Dächer kann man entdecken, bunte Fensterrahmen und Haustüren, man geht hier nicht zimperlich mit dem Farbtopf um. Dennoch sind Fassaden und Interieur hauptsächlich von einer recht konträren Kolorierung – der Nichtfarbe Weiß.

Der deutsche Sprachgebrauch kennt so einige Ausdrücke für Varianten dieser hellsten unbunten Farbe. Kreidebleich kann man etwa die Gesichtsfarbe eines Passagiers bezeichnen, der vor Jahrhunderten Piraten auf hoher See begegnete. Schlohweiß mag dann die Haarpracht eines Überlebenden nach diesem Zusammentreffen geworden sein, während brillantweiß glitzernde Diamantschätze die Herzen der Piratenkapitäne höher schlagen ließen. Lilienweiß dürften auch die Blumen gewesen sein, die jenen Piraten ans Grab gelegt wurden, die letztendlich doch noch am Galgen endeten.

Reinheit und Leere

Die Lieblingsfarbe der Ärzte und „Götter in Weiß“ dominiert hier mit Abstand an Fassaden und Verzierungen der Karibik. Dieser Farbton steht vor allem in der westlichen Welt für Stille, Neutralität, Wissenschaft, Reinheit und Hygiene. Vor allem Letztere haben ihn für die Raumgestaltung im medizinischen Bereich interessant gemacht. Allerdings steht Weiß auch für Leere. Damit dieser Aspekt nicht zum Tragen kommt, muss beim Einrichten mit Weiß auf die kleinen Details an der Oberfläche geachtet werden.

So einfach die Handhabe von Weißtönen auf den ersten Blick zu sein scheint, ist bei Gebrauch dieser Farbe dennoch einiges zu beachten. Es reicht nicht, Boden, Wand, Decke und Mobiliar bloß weiß zu übertünchen.

Beim Betrachten der Häuser hier in der Karibik fällt auf, dass dieses Weiß in verschiedenen Schichten und Ebenen filterartig arrangiert ist. Obwohl die salzige Meeresluft unbarmherzig ihre Spuren an den Fassaden der Häuser hinterlassen hat, bleibt die Liebe für zarte Details vielerorts spürbar. Verzierte Gitter vor den Fenstern, dahinter weiß gestrichene Holzjalousien. Rund um Fenster, Türen und Balustraden feinste Holzarbeiten. Davor gebleichte Vorhänge und filigran durchbrochene Sicht- und Sonnenschutzwände an der Terrasse aus lackiertem Holz, die Schatten auf dahinterliegende Ebenen werfen. Abwechselnd waagrecht und senkrecht verlaufende Holzverkleidungen, von der Dachkante abgehängte Verzierungen, die an zarte Spitze erinnern, all das in strahlendem Weiß. Durch diesen zwiebelartigen, gerasterten Aufbau aus verschiedenen Schichten und das Durchbrechen glatter Flächen entstehen Rhythmus und Dynamik in der Oberflächengestaltung.

Damit ein einfarbiger Raum also nicht langweilig und monoton erscheint, müssen Schichtungen und Strukturen eingebracht werden. Weiß kommt erst im Wechsel von Licht und Schatten richtig zur Geltung. Dies geschieht über Muster, Raster und Rillen, extravagante Formen, Vor- und Rücksprünge an Interieur und Wänden, die eine plastische Wirkung entfalten. Dadurch werden abwechselnd dunklere und helle Flächen erzeugt, wodurch die Komposition von rein weißen Oberflächen belebt wird. Je einfarbiger die Szenerie, desto verspielter kann die formale Komponente ausfallen.

Weiße Farbe für Ästhetikpiraten

Der Vorteil von Räumen und Interieurs, die sich dem Weiß verschrieben haben, ist, dass sie bei geschicktem Einsatz weder modern noch altmodisch aussehen, sondern zeitlos und besonders vornehm. Dementsprechend ist die Palette der im Handel erhältlichen Möbel und Materialien in Weiß sehr groß.

Bei Einsatz von weißem Material muss aber besonders darauf geachtet werden, dass die Oberflächen einfach sauber zu halten sind. Flecken verzeihen helle Oberflächen niemals und können so nachtragend wie ein mürrischer Pirat sein. Bei Holzmöbeln etwa ist ein glatter weißer Lack daher vorteilhafter als eine weiß lasierte Oberfläche.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie in der nächsten Raumdoktor-Postkarte aus Guadeloupe. Liebe Grüße aus der Karibik, Ihr Raumpirat.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 4 /2010

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