zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Eine stramme Haltung kommt nicht von ungefähr. Dies muss man sich erarbeiten, denn von der Natur neigt der Mensch eher zur ungesunden Lümmelei.
 
Praxis 20. Jänner 2010

Haltung bewahren

Ergonomie in der Praxis: Schon kleine Maßnahmen bringen Entlastung. Gesunde Ordination - Teil 3

Langfristige Belastungen des Bewegungsapparats sind auch in der Arztpraxis durch verschiedene Maßnahmen beeinflussbar. Die benutzergerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen stellt das Kerngebiet der Ergonomie dar. Je mehr die Arbeitsumwelt den Bedürfnissen des Menschen gerecht wird, desto weniger belastend lässt sich die Arbeit durchführen.

 

Grundsätzlich wird zwischen Verhältnis- und Verhaltensergonomie unterschieden. Geht es bei der Ersteren um die Analyse und Gestaltung konkreter Arbeitsplätze, so geht es bei der Verhaltensergonomie um Arbeitsabläufe.

„Viele Möbel werden als ‚ergonomisch‘ beworben, erfüllen aber oft nicht die nötigen Kriterien“, kritisiert die Wiener Physiotherapeutin Ursula Eckler. Von wesentlicher Bedeutung ist die Verstellbarkeit – sowohl bei Sitzmöbeln als auch bei Tischen ist die Höhe wichtig. Bei Sesseln geht es um Kriterien wie Neigung der Sitzfläche, Sitztiefe, Verstellbarkeit der Lehne (Höhe und Tiefe der Lordosenstütze) sowie der Armstützen in Höhe und Position. Sitzmöbel sollten so gewählt werden, dass sie den unterschiedlichen Bedürfnissen der Sitzenden bei verschiedenen Tätigkeiten gerecht werden und Haltungsänderungen zwischendurch erleichtern. Gerade auch in der Gestaltung des Ortes, an dem Gespräche mit Patienten stattfinden, sollten Sitzmöbel dynamische Sitzpositionen ermöglichen sowie das Bewegungssystem entlasten.

„Entscheidend ist, dass die Anpassung der Sitzmöbel an aktuelle Bedürfnisse einfach vonstatten gehen kann und der Benutzer nicht erst unter den Sessel kriechen und mit Werkzeug hantieren muss“, sagt Eckler. Außerdem sei die Qualität der Verarbeitung wichtig, denn Verstellmechanismen werden stark beansprucht, und das über einen längeren Zeitraum. „Gerade Sitze und Tische sind in Arztpraxen zentrale Arbeitsinstrumente und sollten als Langzeitinvestition gesehen werden“, mahnt Eckler.

Verstellbar soll auch die Behandlungsliege sein, denn Körperhaltungen, die über längere Zeiträume gleichzeitig ein Beugen und Drehen der Wirbelsäule verlangen, gehören eher vermieden. Das Vorneigen der Körperlängsachse sollte aus dem Hüftgelenk heraus erfolgen können, damit sich die Wirbelsäule ohne Kombinationsbewegung frei drehen kann. Entscheidend sei, so Eckler, die Adaptionsmechanismen der Arbeitsgeräte, wie Behandlungsliege oder gynäkologischer Stuhl, auch zu nutzen: „Es nützt nichts, wenn ein Möbel verstellbar ist, aber aus falscher Bequemlichkeit nie verstellt wird.“

Arbeiten am Computer

Erstes Kriterium für die Arbeit am Computer ist die Festlegung der Tischhöhe – ist diese fix, muss sich eben der Stuhl anpassen lassen und muss mit Fußstützen gearbeitet werden. Der Bildschirm sollte so positioniert sein, dass bei aufrechter Körperhaltung und geradem Blick dieser auf die obere Bildschirmkante gerichtet ist. Der Bildschirm sollte zwischen zehn und 25 Grad geneigt sein. Die minimale Tiefe der Tischfläche ist 80 Zentimeter, damit der ergonomisch sinnvolle Abstand von 60 Zentimetern zum Bildschirm eingenommen wird. Weiters sind Auflagenflächen vor der Tastatur für die Unterarme sowie vor der Maus notwendig. Sie sollten mit Handgelenksstützen zur physiologischen Positionierung des Handgelenks ausgestattet sein, um die Auswirkungen repetitiver Belastungen in ungünstigen Gelenksstellungen zu minimieren.

„Oft bringt schon die aufeinander abgestimmte Positionierung von Maus, Tastatur und Bildschirm viel. Viel zu selten wird zudem darauf geachtet, dass die am häufigsten verwendeten Arbeitsmittel leicht erreichbar und zentral positioniert sind“, so Eckler. Der Platz unter dem Tisch sollte nicht Abstellraum für Kopierpapier und andere Dinge sein, denn der Freiraum für die Positionsänderung der Beine ist wichtig. „Ergonomisch ungünstige Haltungen und Bewegungsmuster des Körpers haben wenig Auswirkung auf das Bewegungssystem – sofern sie nicht regelmäßig auftreten und nur geringe Intensität aufweisen“, stellt Eckler fest. Denn: „Unser Körper ist für Belastungen ausgelegt. Wenn diese aber ein prägendes – weil wiederkehrendes – Element des Arbeitsalltags sind, entstehen Abnützungserscheinungen und dauerhafte Schäden des Bewegungsapparats.“ Wichtig sei daher, Arbeitsplätze und Arbeitsabläufe in Hinsicht auf typische Bewegungsmuster zu analysieren und sie möglichst ergonomisch zu gestalten. „Dabei sind oft schon kleine, einfach umsetzbare Maßnahmen sehr wirksam – etwa eine Hand- oder Fußstütze oder ein Umstellen von Möbeln.“

Verhalten verändern

Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Bereich sei die Veränderung des Verhaltens: „Selbst wenn eine Ordination oder ein anderer Arbeitsplatz ergonomisch auf dem letzten Stand ist, sind Maßnahmen im Bereich der Verhaltensergonomie wichtig“, betont Eckler. Beispiel Pausenorganisation und -gestaltung: Deren Erholungswert ist am Anfang besonders hoch und sinkt dann ab. Daher seien mehrere kurze Pausen günstiger. „Wichtig sind dabei ein Positionswechsel sowie eine Aktivierung von Muskelpartien, die vorher unterfordert, und eine Entlastung jener, die stark strapaziert wurden.“ Sich aus den vielen möglichen Übungen zwei oder drei herauszusuchen, die individuell an die Arbeitssituation angepasst sind, sei ein wirksamer Weg des Ausgleichs. Individuell angepasstes Üben bedeutet auch, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit das Übungsprogramm ohne großen Aufwand in den Arbeitsalltag integriert werden kann.

Das gesamte Team motivieren

Eine weitere wichtige Maßnahme können gemeinsame Aktivitäten des Ordinationsteams sein, die Ausgleichsbewegung, wie etwa schnelles Gehen, fördern. Auch die Unterstützung der Teilnahme an Kursen wie Wirbelsäulengymnastik ist eine sinnvolle und motivierende Maßnahme. Hier werden gute Impulse für eine bewusste gesundheitsfördernde Bewegungskultur auch am Arbeitsplatz gesetzt.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 3 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben