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Praxis 24. November 2009

Die Blogdocs kommen

Was Ärzte in ihre Online-Tagebücher schreiben. Und was wir daraus lernen können.

Blog ist eine englische Wortkreuzung und bezeichnet ein online geführtes, zumeist öffentliches Tagebuch. Das Bloggen selbst mag eine komplett unwissenschaftliche Disziplin sein und vielleicht einen exhibitionistischen Zug haben, aber es bietet Unterhaltung und ungewöhnliche Einblicke – gerade auch im Gesundheitsbereich.

 

„Vom Patienten lernen“? – Das mag gar nicht so selten sein. Dass Ärzte dies in Laienmedien zu Protokoll geben, allerdings schon. Dr. Frauke Höllering hatte damit kein Problem. In ihrem „Doc Blog“ schrieb sie, dass sie erst von einer Patientin darüber aufgeklärt werden musste, dass deren Vorhofflimmern möglicherweise auf einen vom Orthopäden verschriebenen Wirkstoff zurückzuführen sei. Das hatte die Patientin im Internet recherchiert. Höllering: „Wohl hatte ich im Orthopädenbrief von diesem Wirkstoff gelesen, aber verabsäumt, ihn in den Medikamentenplan einzufügen. Schlimmer noch: Mir war nicht klar, dass er Vorhofflimmern fördert. Ich habe der Patientin dafür gedankt, dass sie mir wissenschaftlich auf die Sprünge geholfen hat.“

Online-Tagebücher wie jenes der deutschen Medizinerin werden bei Internetusern immer populärer. Sie werden „Blogs“ genannt. Das ist eine Abkürzung für Weblog, also für ein „Logbuch“, das im World Wide Web veröffentlicht wird. Weblogs gibt es seit Mitte der 1990er Jahre. Durch Services, mit denen sie einfach erstellt und von anderen Nutzern kommentiert werden können, wurden sie zunehmend populär.

In wenigen Minuten zum Blogger

Diesen Trend hat auch Suchmaschinengigant Google erkannt und bietet mit www.blogger.com eine Seite an, mit der in wenigen Minuten ein eigener Blog erstellt werden kann. Bei Google gibt es zudem einen speziellen Service für die Suche in Blogs. blogsearch.google.de ist derzeit in einer Beta-Version verfügbar. Häufig genutzt wird auch das Angebot von www.wordpress.com, wo eine Software für Blogger kostenlos zur Verfügung steht. Eine österreichische Blogger-Plattform ist beispielsweise www.twoday.net. Blog-Einträge werden übrigens meist als Liste angeboten. Man muss „scrollen“, also alle auf dem Bildschirm vor sich ablaufen lassen, um einen zu finden, an dem man interessiert ist.

Ebenso wie das gesamte Info-Angebot im Netz ist auch jenes an Blogs fast unüberschaubar groß. Redaktionell betreute Websites können hier in gewissem Ausmaß Abhilfe schaffen. Wer sich speziell für medizinische Blogs interessiert, findet unter www.medicalblogs.de eine Sammlung deutschsprachiger Online-Tagebücher mit Bezug zur Medizin. Das Spektrum reicht von „Neuigkeiten vom Kinderarzt“ über Nephrologen- und Physiotherapie-Blogs bis zum schlichten „Tagebuch eines Arztes“. Unter www.medi-learn.de/tagebuch-arzt-1 berichtet eine junge Assistenzärztin zum Beispiel von der Aufregung bei der ersten OP – der Entfernung eines Lymphknotens. Sie schreibt aber auch davon, was eine junge Medizinerin und die OP-Schwestern im Frühling mitmachen, wenn männliche Kollegen und die Patienten „von Testosteron nur so platzen“ und „sich benehmen wie pubertierende Teenager“. Einen bemerkenswerten Blog gibt es unter www.ehgartners.info. Bert Ehgartner ist ein bekanntermaßen kritischer Medizinjournalist und Dokumentarfilmer, der seinen Lesern immer wieder zu einem gepflegten Perspektivwechsel verhilft. Sein Blog Lob der Krankheit – Randbemerkungen zu Medizin & Welt steht derzeit ganz im Zeichen von A/H1N1.

Lesenswert ist auch das Blog der deutschen „Stiftung Gesundheit“, die laut Selbstdarstellung „Transparenz im Gesundheitswesen fördern und praktische Orientierungshilfe bieten will“. Unter www.stiftung-gesundheit-blog.de schreiben verschiedene Autoren über Themen wie „Ärzte im Social Web“, „Arztbewertungsportale“ oder „Medizinjournalismus der weiterhilft“ – auch das soll es geben. Konkret geht es in dem genannten Beitrag um den mit 2.500 Euro dotierten Publizistik-Preis der Stiftung Gesundheit. Mit diesem sollen Veröffentlichungen ausgezeichnet werden, „die gesundheitliches Wissen hervorragend vermitteln“.

Der andere Hausarzt bloggt

Bei den Blog-Einträgen auf www.der-andere-hausarzt.de geht es um Themen wie „Neuer Volkssport: Koronarangiographie“ – und was ein Allgemeinmediziner davon hält. Der Autor merkt an, dass seiner Ansicht nach zahlreiche Fälle von Kreislaufbeschwerden, die früher mit ein bisschen Geduld, einem Glas Wasser oder einem kalten Lappen auf der Stirn therapiert worden wären, heute in einem Herzkatheterlabor landen: „Nie sind mir so viele Herzkatheterbefunde ins Haus geflattert wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Nie waren so viele negativ oder ohne therapeutische Bedeutung.“ – Der neueste „Mediziner-Witz“ könne deshalb fast lauten: „Leute, seid vorsichtig, schlaft nicht auf einer Parkbank ein, ihr könntet in einem Herzkatheter-Labor aufwachen“, meint der „Der-andere-Hausarzt“. Bei einem Wettbewerb des Gesundheitsportals imedo.de hat dieses Blog den dritten Platz erreicht. Näheres unter blog.imedo.de/die-wahl-zum-gesundheitsblog-2009.

Blogs ohne Grenzen

Blogs können auch dafür genützt werden, um sich über persönliche Sichtweisen zur Versorgungssituation auf anderen Kontinenten zu informieren. Auf blogs.msf.at berichten Mitarbeiter von ihrer Arbeit und ihrem Leben in den Einsatzgebieten von Ärzte ohne Grenzen. Wie bei anderen Blogs haben Leser die Möglichkeit, ihre Reaktionen auf einzelne Beiträge einzutragen und so in Kontakt mit den Autoren zu treten. Zu diesen zählt etwa Daniela Ferrari, die von der Hauptstadt Maputo aus für die Personalagenden der Hilfsprogramme von Ärzte ohne Grenzen in Mosambik verantwortlich ist. Der Website zufolge sterben in Maputo 70 Prozent der Einwohner an den Folgen von Aids und Malaria.

Die oberösterreichische Krankenschwester Maria Lindenbauer hat ab April 2009 in Chiradzulu, Malawi, gegen HIV/Aids gekämpft. Im Herbst ist sie nach Österreich zurückgekehrt und resümiert: „Für mich war es interessant zu sehen, wie man mehr als 20.000 Leute betreuen kann, und es ist für Malawi eine extrem wichtige Arbeit. Mit der antiretroviralen Therapie und guter Betreuung können die Menschen mit der Krankheit leben, und dank der Prophylaxe von Mutter-zu-Kind-Übertragung sind Babys nicht mehr so gefährdet, krank geboren zu werden.“ – Auch dies ist ein Beispiel dafür, dass Online-Tagebücher im globalen Netz ein positiver Beitrag zur weltweiten Verbreitung von Information sein können.

Kasten:
Microblogging
Wenn in Form von Kurznachrichten mit meist nicht mehr als 140 Zeichen gebloggt wird, heißt das „Microblogging“. Diese Form der Kommunikation ist über verschiedene Kanäle möglich. Neben dem Web auch über E-Mail oder SMS. Der bekannteste Dienst ist mittlerweile www.twitter.com. Der bekannteste Österreicher, der dort zwitschert, ist wohl Armin Wolf (http://twitter.com/arminwolf). Der ORF-Journalist hat inzwischen schon mehr als 9.000 „Followers“. Auf dem Medium ihrer Wahl rufen sie seinen jeweils neuesten „Tweet“ ab. Da schrieb er zum Beispiel: „Impfaktion gegen Schweinegrippe startet. Dazu die passende musikalische Begleitung: ,Kein Schwein steckt mich an’ – http://is.gd/4EdDm.“ Schräges aus Wissenschaft und Forschung gibt es außerdem auf http://twitter.com/ScienceChecker. Der offizielle Twitter-Kanal von Springer Wien ist übrigens unter http://twitter.com/SpringerMed erreichbar.

Von Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 48 /2009

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