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Praxis 17. November 2009

Kunst und Krise

Wie man in einer Arztpraxis die Künste entdecken kann.

Dass die Welt in der Krise steckt, lassen uns die Medien nicht vergessen. In solchen Zeiten tritt die Sorge um die persönliche Zukunft in den Vordergrund. Studenten gehen auf die Straße und verlangen mehr Geld, die Arbeiter großer Automobilkonzerne rufen zum Streik auf. Bleibt in diesen Zeiten der Angst um das tägliche Brot noch Platz für geistige Nahrung?

 

Als die Welt noch im Wohlstand schwelgte, erreichten Meisterwerke der bildenden Künste einen Rekordpreis nach dem anderen, und der Kunstmarkt wuchs. Wenn die Welt in der Krise steckt, wird der Sparstift zuerst an Luxusgütern angesetzt. Auch die Investition in geistiges und kulturelles Gut scheint in diesen Zeiten weniger wichtig zu sein als Gegenständliches mit rein materiellem Wert. Einst finanzstark, nun Opfer der Wirtschaftsmisere, verscherbeln Menschen Meisterwerke, große Unternehmen verkaufen ihre Sammlungen, damit sie liquide werden. Und das, obwohl Kunst, vergleichbar mit Gold, als relativ stabile Anlageform gilt.

Das kann dazu führen, dass aus der Krise der Finanzwelt auch eine Krise der Ideen erwächst. Bilder sind Fenster in die Seele der Gesellschaft, die Kunstwelt sieht es als eine ihrer Pflichten an, den Menschen den Spiegel vorzuhalten, damit die ihre Fehler erkennen und sich weiterentwickeln. Philosophen aus aller Welt haben sich seit jeher mit der Frage, was Kunst eigentlich ist, auseinandergesetzt. Ob es jemals eine legitime Antwort darauf geben wird, darf bezweifelt werden, spannend bleiben die Deutungsversuche aber allemal.

Kunst wirkt!

Auf den ersten Blick scheinen auch Kunst und Medizin nicht viel gemeinsam zu haben. Andererseits spricht man immer wieder von der therapeutischen Wirkung der Kunst. Diese soll vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn der Kranke selbst zum Kunstschaffenden wird. Das kann dann durchaus international beachtete Ausmaße annehmen, wie man am Beispiel des Künstlerhauses Gugging sieht. Doch wie steht es mit der therapeutischen Wirkung der Kunst, wenn diese „nur“ konsumiert wird?

Einfacher zu beantworten mag daher die Frage sein, was der Sinn und Zweck der Kunst ist. Vor allem scheint Kunst ein Kommunikationsmittel zu sein. Kunst berührt, weckt Emotionen und Erinnerungen, lässt Assoziationen zu oder löst einfach Anspannungen. Diese Funktionen der Kunst zu nutzen, bleibt keineswegs eine philosophische oder theoretische Angelegenheit. Sie selbst, lieber Leser, können sich diese Eigenschaften der Kunst zunutze machen, und das jeden Tag!

Nehmen wir als Beispiel eine medizinische Einrichtung. In einer Arztpraxis geht es um die Gesundung von Körpern. Das kann – zumindest zum Teil – auch über die Psyche geschehen. Ein Grund mehr, die Räumlichkeiten so zu gestalten, dass sich der Patient darin wohl fühlt. Mit den Mitteln der Kunst erreicht man so manchen Patienten und stellt einen direkten Draht zu ihm her, was für die Behandlung nur von Vorteil sein kann.

Verstehen Sie den Raum als Medium, in dem die Ideen der Objekte und Bilder vermittelt und transportiert werden. Wählen Sie ganz bewusst Kunstwerke aus, die zum Thema der Örtlichkeit oder Ihrer Persönlichkeit passen. Vertrauen Sie dabei auf Ihre Intuition. Es geht nicht um verschwenderische Vielfalt und die Zurschaustellung einer wahllos zusammengestellten Sammlung bekannter Namen. Besser ist es, wenige Exponate in den Mittelpunkt zu stellen und effektvoll auszuleuchten. Stellen Sie die Kunstwerke in ungestörte Beziehung zu Betrachter und Raum, statt auch die letzte freie Wandpartie mit Bildern vollzuhängen.

Patchwork an der Wand

Eine der beliebtesten Methoden, Kunst zu präsentieren, ist ein Sammelsurium aus Fotografie, Malerei und Grafik als bunte Gruppe an einer Wandpartie. So entsteht eine „Kunstecke“, die den Betrachter fesseln kann, aber auch viel von ihm abverlangt. Reizüberflutung kann schnell die Folge sein, auf Kosten einzelner Exponate, die durch das Gedränge an der Wand an Wirkung verlieren können und schnell zum Dekor verkommen.

Wenn man dennoch mehrere Kunstwerke dicht an dicht hängen möchte, sollten diese daher gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen, etwa aus einer Serie stammen oder ein ähnliches Thema behandeln. Entscheidet man sich für solch eine lockere Gruppierung von Bildern an der Wand, sollte man mit System vorgehen. Stellen Sie sich etwa ein großes Rechteck an der Wand vor, innerhalb dessen Sie die Bilder verteilen möchten. Die Außenkanten der Rahmen sollten dann mit dieser Linie abschließen, während im Inneren des Rechtecks ruhig auch mal eine kleine Lücke frei bleiben kann.

Möchte man die Konturen eines Raumes durch die ausgestellten Bilder hervorstreichen, empfiehlt es sich, Kunstwerke gleichen Formats entlang einer imaginären Linie auf Augenhöhe aufzuhängen, an der der Blick im Raum entlanggleiten kann. Damit das Ensemble dann harmonisch wirkt, hilft ein kleiner Trick. Die ungerade Anzahl von Kunstobjekten entlang einer Linie wirkt interessanter und anregender für das Auge als eine gerade.

Kunst muss auch nicht immer gleich an den Nagel gehängt werden. Schmale Leisten und Regale eignen sich sehr gut für die Präsentation Ihrer Kunstschätze. Wenn Bilder auf diesen Leisten nur an die Wand gelehnt werden, kann ein reizvoller und plastischer Eindruck entstehen. Handelt es sich bei den ausgestellten Arbeiten um eher grafische, monochrome Arbeiten, wie etwa um Radierungen, kommen diese auf einer farbigen Wandpartie als Kontrast gut zur Geltung. Dabei können Sie auch auf satte und magisch wirkende Farben setzen, ein kräftiges Violett oder intensives Grün. Am besten lassen Sie sich bei der Farbwahl von den Emotionen leiten, die diese Bilder in Ihnen wecken.

Bei fragilen Objekten, beispielsweise aus Glas, sollte man diese in Bezug zum Tageslicht setzen, wodurch die Nuancen des Materials besonders gut zur Geltung kommen. Bei besonders großen Fensterflächen können diese auf einfachem Präsentationsmobiliar sogar direkt davorgestellt werden und entfalten so eine ganz eigene Raumatmosphäre.

Geben Sie Künstlern die Chance, die Wände Ihrer Arztpraxis zu bespielen, sie als Kommunikationsmedium zu nutzen. Von dieser kleinen „Kunstgalerie“ in der Arztpraxis werden alle profitieren – der Künstler, der Arzt und der Patient. Sie werden noch bedauern, dass Ihr Warteraum nur vier Präsentationswände hat!

 

Ein gelungenes Beispiel wie sich Arbeiten einer Künstlerin thematisch in eine Praxis einfügen können lesen Sie auf Seite 41.

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche 47 /2009

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