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Illustration: DI Niel Mazhar
Küchen als Einzeiler, Zweizweiler, in L-Form mit Essplatz, oder mit Kochinsel – je nach Raumgröße und Bedarf.
 
Praxis 10. November 2009

Das Manifest der Küche

Wie die Revolution des Essens zu neuen Ideologien in der Küche führte.

Küchen sind in erster Linie ein Arbeitsplatz. Die Räume, die sie beherbergen, sind genauso wie die Menschen, die sie benutzen, unterschiedlichen Formats. Daher muss auch die Küchenplanung dem Raum wie dem Menschen und seinem Körper gerecht werden. Im dritten und letzten Teil der Küchensaga soll gezeigt werden, wie man die Kubatur eines Raumes ausnutzt und worauf man achten sollte, damit die Arbeit in der Kombüse nicht zur Folter für die Bandscheiben wird.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts forderte die italienische Bewegung der Futuristen den Einzug der Moderne in alle Bereiche der Kunst und des täglichen Lebens. „Dynamik“ und „Effizienz“ waren die Stichwörter, unter denen die Umwelt neu gestaltet werden sollte.

Sie entwarfen nicht nur Wolkenkratzer und ultramoderne Städte am Reißbrett, sondern riefen auch zu neuen Lebensweisen im Alltag auf. Dabei machten sie nicht einmal vor der Essenszubereitung Halt und forderten, was jeder italienischen Mamma den Schauer über den Rücken laufen ließ: das Ende der Nudel. Die schwere italienische Küche würde die Menschen träge machen. Auf futuristischen Banketts wurde „Aerofood mit Totalreis“ serviert, zum Kaffee gab es „Elastikkuchen“. Die „Taverne zum heiligen Gaumen“, wie sich das Restaurant der Futuristen in Turin nannte, war von Kopf bis Fuß mit Aluminium verkleidet, das Volk sollte zum modernen Großstadtmenschen erzogen werden.

Diese Bewegung war nur eine der zahlreichen Varianten des Strebens nach Modernität und Dynamik, der sich die gesamte Künstler- und Architekten-Avantgarde weltweit unterwarf und die bis in die letzte Kochecke vordrang. Wie das Essen musste auch dessen Produktionsstätte dem Diktat der Effizienz gehorchen. Die Küchen wurden neu gestaltet und letzten Endes die Einbauküche geboren.

Das kleine Küchen-Einmaleins

Auch wenn die Ideologie der Futuristen bereits der Vergangenheit angehört, so haben manche Denkweisen bis in die heutige Zeit überlebt. Sie mögen den guten alten Gugelhupf dem „Elastikkuchen“ vorziehen, doch niemand würde sich noch mit dem vorindustriellen Kochgerät zurechtfinden. Das Küchenmobiliar von heute ist ein Ausdruck dieser Effizienz und muss sorgfältig geplant werden, damit Zeit und Arbeit eingespart werden können.

Das Küchenmobiliar sollte daher den Arbeitsabläufen entsprechend angeordnet werden. Rechtshänder sollten von rechts nach links arbeiten, beginnend mit einer freien Arbeitsfläche zur Vorbereitung, gefolgt von Herd, einer Abstellfläche und zuletzt der Spüle. Die meisten Küchenräume sind länglich, mit einer Tür bzw. einem Fenster an den Stirnseiten. Wichtiger als die tatsächliche Grundfläche des Raumes ist bei der Planung einer Küche die Länge der Stellflächen an den Wänden. Da vor der Arbeitsfläche zumindest 120 cm Bewegungsraum frei bleiben sollte, muss bei einer einzeiligen Küche der Raum eine Breite von mindestens 180 cm aufweisen. Ab 240 cm Raumbreite kann daher auch eine zweizeilige Küche installiert werden. In quadratischen Räumen kann man variieren. Möglich ist dann eine Kochecke in L-Form, bei der in der freien Ecke ein Esstisch Platz findet. Andere Alternativen sind die U-Form oder aber der Einbau einer „Kochinsel“, die den Herd und eine Arbeitsfläche beherbergt.

Wird eine offene Küche in einem größeren Raum eingerichtet, in dem sich auch ein größerer Aufenthaltsbereich befindet, sollte man auf eine sensible Zonierung achten. Raumteiler in Form von hohen Regalen machen die Küche nur bedingt einsehbar, wenn dies gewünscht ist. Soll der Raum seinen offenen Charakter beibehalten, empfiehlt es sich, eine Arbeitsbank zum Aufenthaltsbereich hin einzuplanen. Damit die Arbeitsfläche selbst dennoch nicht einsehbar bleibt, kann an der Außenseite der Arbeitsplatte eine Erhöhung in Form einer Theke aufgebaut werden. Von außen wird diese dann durch Barhocker nutzbar gemacht – es entsteht eine kommunikative und lockere Unterteilung.

Wird der gesamte Raum verfliest, kann man auch mit der Wahl der Fliesen eine klare Zonierung erreichen, etwa indem die Kochnische selbst eine andere Fliesenfarbe erhält als der übrige Aufenthaltsbereich.

In Standardküchen trifft man meist auf Arbeitsplatten, die – vom Herd bis zur Spüle und der Arbeitsfläche – alle dieselbe Höhe aufweisen, obwohl man gewiss nicht von einer „Standardkörpergöße“ der Nutzer sprechen kann. Bereits wenige Minuten Küchenarbeit bei falscher Körperhaltung ist für den Stützapparat belastend und kann zu Kreuzschmerzen führen. Im Idealfall sollte daher die Spüle um etwa 15 cm höhere Einbaumaße aufweisen als der Vorbereitungsplatz. Der Herd kann im Gegensatz dazu ein wenig abgesenkt werden, was das Einsehen in die Töpfe erleichtert. Eingeplant werden kann auch ein Sitzarbeitsplatz, an dem man besonders undankbare Tätigkeiten wie das Kartoffelschälen ausführen kann. Im besten Falle empfiehlt es sich, einen Vorbereitungsplatz in Form eines solitären Tisches zu installieren, der höhenverstellbar ist und sich so der Aufgabe und den Körpermaßen des Nutzers anpassen kann.

Die Apothekertheke als Vorbild

Besonders viel Platz in der Küche muss für Kochutensilien eingeplant werden. Häufig benutztes Gerät wie Geschirr und Besteck sollte griffbereit in der Nähe der Spüle, zwischen Augen- und Kniehöhe, verstaut werden, das spart unnötige Wege und wertvolle Zeit. Besonders gewitzt sind Schränke, die man den Pharmazeuten in der Apotheke abgeschaut hat. Diese „Apothekerschränke“ sind schmale Schrankauszüge, die wie eine Kombination aus Regal und Schublade aus der Küchenfront gezogen werden können. Sie sind von beiden Seiten zugänglich und so kann Inventar aus den größten Tiefen eines Küchenkastens schnell und platzsparend ans Tageslicht befördert werden.

Ob sie dort lieber die guten alten Nudeln oder den revolutionären „Totalreis“ der Futuristen aufbewahren, bleibt dann Ihnen überlassen. Sicher ist: Mit einer sorgfältig durchdachten Küchengestaltung sind Sie immer auf der fortschrittlichen – und damit sicheren Seite.

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche 46 /2009

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