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Foto: Privat
Mag.phil. Dr.med. Edith Schratzberger-Vécsei Ärztin für Allgemeinmedizin und Präsidentin der Organisation der Ärztinnen Österreichs
 
Praxis 3. November 2009

Femininer Vormarsch

Immer mehr Ärztinnen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit und brechen in eine Männerdomäne ein.

Niedergelassene Ärzte, Männer und Frauen, beschäftigen heute dieselben Themen. Gibt es einen explizit weiblichen Führungsstil?

 

Laut aktueller Analyse der Österreichischen Ärztekammer wird fast jede zweite Ordination für Allgemeinmedizin (rund 40 Prozent) und fast jede dritte Facharztpraxis (rund 30 Prozent) bereits von einer Frau geführt. Nach Fachrichtungen gegliedert, sind Frauen am stärksten in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe, der Inneren Medizin, den Haut- und Geschlechtskrankheiten sowie in der Pädiatrie vertreten. Bei den Turnusärzten beträgt der Anteil der Frauen inzwischen über 60 Prozent, ähnlich sieht es im Medizinstudium aus –obwohl der Aufnahmetest für Männer momentan leichter bewältigbar scheint.

„Ich halte es aber für falsch, von einer ‚Feminisierung der Medizin‘ zu sprechen, wie das oft der Fall ist. Richtiger und passender ist der Ausdruck Normalisierung – denn endlich sind ähnlich viele Frauen und Männer im niedergelassenen Bereich und auch zunehmend im Spital tätig“, betont Mag. Dr. Edith Schratzberger-Vécsei, Präsidentin der Organisation der Ärztinnen Österreichs (www.aerztinnenbund.at ). Leider seien mitunter Vorurteile anzutreffen – etwa dass, wenn mehr Frauen Ordinationen leiten, das Prestige des Ärztestandes sowie einzelner Praxen leide und ein Sinken des Einkommens drohe. In Deutschland wird der steigende Frauenanteil von manchen sogar für das immer stärker werdende Problem des Ärztemangels verantwortlich gemacht, da Frauen angeblich nicht mit derselben Kontinuität wie Männer Vollzeitarbeitsplätze übernehmen können. „Das ist natürlich alles vollkommener Unsinn, lenkt von den wirklichen Problemen ab und erschwert das Finden konstruktiver Lösungen“, betont Schratzberger-Vécsei. Schon länger vorbei seien auch die Zeiten, da eine Frau im Untersuchungsraum automatisch als „Schwester“ angesprochen und nach dem Verbleib des Arztes gefragt wird.

Frauen ordinieren individuell, Männer auch

Aber welche Unterschiede gibt es, wenn eine Frau eine Ordination führt? Schratzberger-Vécsei: „Wir haben kürzlich Primarärztinnen zum Thema Führungsstil befragt. Ein wichtiges Ergebnis: So etwas wie einen ‚typisch weiblichen‘ Führungsstil gibt es nicht. Es zeigen sich – egal ob Männer oder Frauen – große Unterschiede in der individuellen Gestaltung und Umsetzung der Führungsrolle.“

Zumeist führen die Männer das große Wort

Anders sehe der Kommunikationsstil aus – etwa bei der Sprengelsitzung oder der Diensteinteilung. „Das Wort führen oft jene Ärzte mit den größten Ordinationen, und das sind meist Männer. Auch auf der Ebene der Bezirksärztevertreter gibt es deutlich mehr Männer“, so Schratzberger-Vécsei. „Es stimmt schon: Die Führungsrolle einer Frau ist für manche noch etwas ungewohnt – sowohl für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch für die Ärztin selbst. Auch dies zeigt sich in der Umfrage unter den Primariae. Aber das bedeutet in keiner Weise einen Qualitätsunterschied; wichtig kann es sein, solche Barrieren im Kopf explizit anzusprechen, gemeinsam darüber zu lachen sowie den gegenseitigen Umgangsstil zu reflektieren und bewusst weiter zu entwickeln.“

Wobei das für Schratzberger-Vécsei genauso für Männer gilt. Sie verweist auf die Bildungsangebote der Organisation der Ärztinnen und kann sich für Frauen auf dem Weg in die freie Praxis auch gut eine Art Mentoringprogramm als Unterstützung vorstellen. „Wobei viel dafür spricht, dass es auch Beratungsangebote für männliche Mediziner gibt, die Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Beruf und dem ‚Rest des Lebens‘ haben.“

Gemeinschaftspraxen konsequenter fördern

Ein wichtiger Punkt aus Schratzberger-Vécseis Sicht ist die konsequente Förderung und Umsetzung von Gemeinschaftspraxen, in denen sich Modelle der Teilzeitarbeit viel leichter und flexibler umsetzen lassen können. „Aber das Thema Work-Life-Balance sowie das Interesse an einer möglichst guten Vereinbarkeit von Ordination und Familie und einer hohen Lebensqualität betrifft Frauen wie Männer gleichermaßen.“ Schratzberger-Vécsei betont, dass das nicht erst ein wichtiger Bereich ist, seit mehr Frauen die medizinische Berufslaufbahn einschlagen: „Es gab schon immer Männer und Frauen, die sich aktiv mit dieser oft schwierigen Gratwanderung auseinandergesetzt haben.“

Wo sind die Arzthelfer?

In der Ärzte Woche wurde zuletzt analysiert, inwieweit es Unterschiede im Umgang mit Männern und Frauen als Patienten gibt. Für Schratzberger-Vécsei macht die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle – und durch welche Orte und Menschen diese geprägt wurde – durchaus Sinn. „Gleichzeitig geht es einfach um die Art, wie Gespräche mit Patienten oder im Ordinationsteam überhaupt geführt werden, wie am gegenseitigen Vertrauensverhältnis aktiv gearbeitet wird. Es geht um fundamentale Größen wie Wertschätzung, Empathie sowie Respekt vor Intimzonen.“ Dass mehr Frauen in der Medizin tätig sind, würde eine geschlechtssensible Vorgangsweise fördern, „wobei es auch wichtig sein kann, darauf zu achten, dass es auch im Ordinationsteam einen Mann gibt, der bei der Überwindung mancher Schwellen oder Berührungsängste unterstützen kann. Warum soll es nicht auch Arzthelfer geben?“

 

 Internettipp: www.aerztinnenbund.at

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 45 /2009

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