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Foto: Privat

Dr. Brigitte Riss niedergelassene Augenärztin in Mödling und Vorsitzende des Landesverbands Hospiz Nieder-österreich

 
Praxis 29. Oktober 2009

Raum für Trauer

Umgang mit der Endlichkeit des Lebens in der Ordination.

Der Tod ist kein Betriebsunfall der Medizin – aber der Umgang mit der letzten Lebensphase braucht auch bewusste Vorbereitung im Ordinationsteam und Rituale für die Trauerarbeit.

 

Von dem Tod eines Patienten erfährt ein niedergelassener Arzt auf verschiedenen Wegen. „Es kommt immer wieder vor, dass eine Parte in die Ordination geschickt wird oder Angehörige anrufen und sich für die Begleitung bedanken bzw. auch ihr Herz ausschütten wollen“, sagt Dr. Brigitte Riss, niedergelassene Augenärztin in Mödling und Vorsitzende des Landesverbands Hospiz Niederösterreich.

Wie sich der Arzt weiter verhält, ist seiner Persönlichkeit überlassen: Ob er weitermacht, als wäre nichts gewesen und schnell in die Routine wechselt – oder ob er sich mit dem Ereignis auseinandersetzt und dabei sein Team einbezieht. „Seitdem die Hospizbewegung in den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum begonnen hat, Fuß zu fassen, und es auch immer mehr niedergelassene Ärzte und Pflegefachkräfte gibt, die in Hospiz- oder Palliativ Care-Teams tätig sind, hat sich sicher einiges in der Einstellung zur letzten Lebensphase verändert. Von vielen wird der Tod allerdings nach wie vor als Versagen der Medizin oder des eigenen Handelns gesehen, als vermeidbares Ereignis“, so Riss weiter.

Emotionale Bindungen

Zu den Patienten einer Ordination wachsen über die Jahre unterschiedlich intensive Beziehungen. Manchmal ergeben sich tiefe Einblicke in sehr unterschiedliche Lebensrealitäten und Gewohnheiten, werden Menschen über lange Zeiten auch intensiv bis in deren eigene vier Wänden begleitet. „Es entstehen Erinnerungen und Emotionen – positive wie auch negative.“ Riss verweist auf die sehr positiven Erfahrungen von Palliativ- und Hospizstationen, in denen es auch „Raum“ für die Trauer gibt.

Die in der Trauer-Situation richtigen Schritte sind letztlich sehr ein-fach umsetzbar: Das beginnt damit, dass eine zugesandte Parte nicht einfach abgelegt und die Karteikarte des Verstorbenen vernichtet wird, sondern dass alle Mitarbeiter die Parte zu sehen bekommen. „Auch in Ordinationen gibt es manchmal eine Tafel im Sozialraum, an der die Traueranzeige aufgehängt wird, oder eine Art Buch, in dem mehrere gesammelt werden, gemeinsam mit anderen Erinnerungsstücken.“ Ein weiterer Schritt besteht darin, sich nach dem Ordinationstrubel miteinander kurz Zeit zu nehmen und Erinnerungen an einen Verstorbenen auszutauschen. „Es geht nicht darum, dass alle etwas sagen müssen, manchmal ist es auch nur ein gemeinsames Schweigen, unterstützt durch Rituale wie das Vorlesen eines kurzen Textes, das Entzünden einer Kerze, das Herumreichen eines Fotos oder Ähnliches.“ Wichtig kann auch die Einladung sein, über den Patienten einen oder zwei Sätze zu formulieren.Aus Riss‘ Erfahrung bringt diese Kultur der Verabschiedung eine große Entlastung. „Es ist eine Würdigung des Geschenks des Lebens, eine Würdigung der eigenen Person und des Wunschs, auch einmal so behandelt zu werden“, fasst Riss zusammen. Gleichzeitig würden so aktive Beiträge für ein positives Betriebsklima gesetzt.

Direkter Kontakt mit Trauernden

Rufen Angehörige nach einem Todesfall an oder kommen in die Ordination, gehe es zunächst um eine erste achtsame Reaktion, erklärt Riss: „Es ist wichtig, Sich kurz Zeit für einen Augenkontakt zu nehmen sowie eine Zeit anzubieten, in der ein längerer Rückruf oder ein Gespräch erfolgen kann.“ Wichtig sei dabei, hierfür einen Zeitrahmen vorzugeben, denn „natürlich haben der Arzt und sein Team nicht unbegrenzt Zeit.

Wird klar, dass eine intensivere Begleitung nötig ist, kann auf die vielen regionalen Hospizvereine verwiesen werden, die Trauerbegleitung, Trauergruppen oder Angebote wie ein Trauercafé bieten.“ (siehe www.hospiz.at). Weiters veranstalten Hospizstationen regelmäßig überkonfessionelle Gedenkstunden, die für alle offen sind. Neben den vielen Zeitschriften sollten im Warteraum auch Informationen darüber leicht zu finden sein. „Es ist aber auch wichtig, die Trauerarbeit nicht nur zu delegieren, sondern selbst dabei Anteile und Impulse zu leisten“, unterstreicht Riss.

Tod zum Thema machen

„Letztlich geht es in Bezug auf die letzte Lebensphase ebenfalls um eine Haltung, die nicht einfach zufällig entsteht“, meint Riss. Oft ist in der Parte der Zusatz „unerwarteter Tod“ neben Hinweisen auf eine vorangegangene lange und schwere Krankheit zu lesen. Die letzte Lebensphase würde in Gesprächen mit Patienten und Angehörigen ungern thematisiert, „manchmal werden auch Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllbar sind.“ Natürlich kann niemand den genauen Zeitpunkt des Sterbens voraussagen, und der Tod wird immer ein Stück weit ein schmerzhaft spürbarer Einschnitt sein. „Patienten, ihre Angehörigen und letztlich auch ich selbst müssen darauf vorbereitet sein, dass ein Leben zu Ende geht, dass Raum für Abschied, für Loslassen möglichst auch in Kombination mit Versöhnung entsteht.“

Im Rahmen der Teamgespräche, „die es hoffentlich regelmäßig im Ordinationsteam gibt“, sollte das Verhalten gegenüber Patienten und Angehörigen in der letzten Lebensphase besprochen werden. Man sollte darüber reden, wie ein aktiver Umgang im Kontakt mit den Betroffenen möglich ist. „Damit gewinnt das Praxisteam größere Sicherheit in einer heiklen Situation, und die Angehörigen des Patienten fühlen sich besser verstanden“, so Riss.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 44 /2009

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