zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 29. Oktober 2009

NebenWirkungen: Das medicozentrische Weltbild.

Die philosophische Betrachtung der Strukturen in unseren Krankenanstalten lässt nur den Schluss zu, dass zu viel Denken kontraproduktiv ist. Es braucht klar definierte Weltbilder, um sich zurechtzufinden.

„Bei uns steht der Patient im Mittelpunkt“, so ist es in dem hochglänzenden Werbeprospekt der Krankenanstalt zu lesen, die sich durch einen marmorgetäfelten Eingangsbereich, haubengekrönte Spitalsköche und Champagner-Einläufe auszeichnet.

Dies wirft natürlich die Frage auf, wer oder was denn sonst im Mittelpunkt steht. Dazu muss man die grundlegende Struktur des Krankenhauswesens betrachten. Sie ist einem ständigen Wandel unterworfen, der nicht immer zu Gunsten der Kundschaft ausfällt. Lediglich das heliozentrische Weltbild der vergangenen Jahrzehnte, in dem der sonnengottähnliche Primar den Mittelpunkt des intramuralen Sonnensystems darstellte und von den angestrahlten Elementen umkreist wurde, dürfte langsam der Vergangenheit angehören. An dieser Stelle seien daher einige andere medizinhistorisch relevante Systeme vorgestellt:

So berichtet man vielerorts vom Vorherrschen eines oberschwesternzentrierten Weltbildes. Sowohl Patienten als auch Jungärzte werden hier als systemstörende Faktoren in Kauf genommen, die bei der ohnehin schon komplizierten Umsetzung der Routinearbeit im Weg rumstehen. Das patientenzentrierte Weltbild hat sich naturgemäß nicht durchgesetzt, da die Patienten einen nicht berechenbaren Parameter darstellen, der dieses Weltbild bereits im Ansatz zu Fall bringt. Als weit verbreitet, jedoch für das Kollektiv eher wenig zielführend ist das Ego-zentrische Weltbild zu nennen. Heute sind wir weitgehend mit dem Kassen-zentrischen Weltbild konfrontiert, das das „Einsparungspotenzial“ als höchste Ebene der Erleuchtung zum spirituellen Kult erhebt. Auch der Verwaltizismus erlebt eine Renaissance.

Diese Systeme sind abgeschlossene, in sich bündig erklärbare Konstrukte. An den Pforten der Entlassung, am Ende der heilenden Welt, trauen sich nur ganz mutige Menschen, über den Abgrund zu blicken. Sie suchen und pflegen dann auch den Kontakt zu der extramuralen Anderswelt, was in den eigenen Kreisen nicht allzu gerne gesehen wird. Doch in einer fernen Zukunft wird auch ihre Zeit kommen und sie werden die großen Ideen der Krankenhaus-Weltbilder missionarisch über das gesamte Universum verbreiten. Dann sind wir endlich alle eins mit dem System.

  • Herr ao Univ Prof Kurt Alois Ebeleseder, 30.10.2009 um 12:59:

    „Es fällt auf, dass immer mehr Mediziner Kabarettisten werden. Wahrscheinlich um das, was sie jahrelang berufsbedingt geübt haben, nun endlich auch publikumswirksam an den Mann zu bringen.

    Dazu ein Sketch:
    Rektor zu einem aufsässigen, in der Freizeit Kabarett-Auftritte absolvierenden Mitarbeiter:
    "Passen Sie auf, Herr Kollege, wir sind hier nicht in Ihrem Kabarett!"
    Der Mitarbeiter: "Ja, ich weiß eh, wir sind in dem Ihrigen!"“

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben