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Wenn Boris Grundl auftritt, spricht er meistens in ausverkauften Sälen und fasziniert sein Publikum.
 
Praxis 22. Oktober 2009

Aus der Opferstarre befreit

Krisenbewältigung als Chance nützen, den eigenen Einflussbereich zu erweitern.

Sich in schwierigen Situationen nicht hängen zu lassen, daraus sogar Kraft zu schöpfen, diese seltene Eigenschaft wird als Resilienz bezeichnet (siehe auch Ärzte Woche Nr. 36, 37). Der zweite Teil zu diesem Thema stellt ein eindrucksvolles Beispiel vor.

 

Boris Grundl, damals Mitte 20, hoffnungsvoller Spitzensportler, verunglückt bei einem Kopfsprung in Mexiko und ist von da an querschnittgelähmt. Heute ist er einer der gefragtesten Führungskräftecoaches im deutschen Raum. Im Gespräch mit der Ärzte Woche setzt er sich mit der inneren Widerstandsfähigkeit des Menschen, auch unter dem Fachbegriff „Resilienz“ bekannt, auseinander.

 

Für viele sind Sie heute der Inbegriff eines „Stehaufmännchens“. Müssen Erfolgsmenschen mit Stehaufmännchenqualitäten unverletzlich sein?

GRUNDL: Nein, überhaupt nicht. (lacht) Ich bin im Grunde sehr sensibel. Ich bin überhaupt nicht hart. Manche bezeichnen mich als hart, weil ich sehr klar und konsequent in dem bin, was ich tue oder sage: Als Coach etwa zwinge ich andere, egal ob Ärzte oder Unternehmer, sich mit Situationen auseinanderzusetzen, vor denen sie bisher weggelaufen sind. Ich vergleiche Erfolgsmenschen lieber mit hochsensiblen Rennpferden: nicht hart, aber sehr konzentriert und sehr klar im Tun!

 

Woran liegt es, dass es manchen Menschen leichter fällt, Krisen zu meistern, während andere unter ähnlichen Umständen unendlich leiden oder an diesen gar zerbrechen?

GRUNDL: In der Tat ist es so, dass wir heute den natürlichen Umgang mit Schmerzen verlernt haben. Alles muss heute positiv getrimmt sein: von der Motivation in der Schule bis hin zum Umgang mit sich selber. Schmerzen sind heute so wenig Teil unseres Lebens. Wenn dann Krisen in unser Leben treten, haben wir Probleme, uns mit den damit einhergehenden Schmerzen auseinanderzusetzen.

Dennoch geht es in der Krisenbewältigung überhaupt nicht darum, härter im Nehmen zu werden, sondern vielmehr darum, den persönlichen Einflussbereich zu erweitern. Also sich dem zu stellen, was notwendig ist – und seine Fähigkeiten im Umgang mit Widerständen aufzustocken. Ich vergleiche es gerne mit einem Schnapsglas und einem Schwimmbad: Stellen Sie sich vor, man wird mit irgendetwas konfrontiert, was einem unangenehm ist. Und wenn man da eine innere Leidensfähigkeit in der Größe eines Schnapsglases hat, muss man sofort reagieren – und zwar mit heftigen Emotionen. Resiliente Personen dagegen haben, bildlich gesprochen, ein Schwimmbad in sich. Das heißt nicht, dass sie keine Emotionen haben oder keine Schmerzen empfinden. Sie leiden genauso. Doch ist genug innere Beckenkapazität vorhanden, um die Situation zuerst einmal in sich aufnehmen und verarbeiten zu können, ohne deshalb sofort handeln zu müssen! Sie sind quasi im Stande, geistig um das Becken herumzulaufen und es aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Der Unterschied ist nur: Einmal ist das Problem vor einem – und einmal ist man mitten drinnen.

„Was mich nicht umbringt, das macht mich stärker“, sagte Friedrich Nietzsche. Wie sehen Sie das im Zusammenhang mit der aktuellen Weltwirtschaftskrise?

GRUNDL: Für mich ist das eine zu einfache Antwort. Man muss da etwas differenzierter herangehen: Das Empfinden einer Krise ist im Grunde genommen eine Aufforderung zur Verhaltensänderung. Denn in der Regel ist es so, dass der Betroffene vor einer Krise bereits viele dezente Hinweise bekommen hat, dass etwas nicht stimmt. Dass es letztlich dennoch zur Krise gekommen ist, heißt auch, dass ich mich den Herausforderungen noch nicht gestellt habe.

Anders erklärt: Ein Baby hat zunächst keinen Einflussbereich. Wenn es allerdings schreit, beginnt es diesen zu erweitern, denn es kann erreichen, dass die Mutter kommt und ihm etwa einen Schnuller gibt. Später hat das Kind etwa das Problem, dass es seinen Teddybären haben will. Dieser liegt aber auf dem Tisch – und damit außerhalb seines unmittelbaren Einflussbereiches. Das Kind muss sich also hochziehen, um den Teddybären zu bekommen – und erweitert damit wiederum seinen Einflussbereich. Fazit: Probleme sind da, um unseren Einflussbereich zu erweitern! Wenn das Leben uns vor ein Problem stellt, können wir uns weigern, es zu lösen, indem wir sagen: „Nein, noch nicht!“ Dann sagt das Leben: „Okay, dann noch nicht!“ Doch meist kommt etwas Ähnliches kurze Zeit später von anderer Seite wieder; ist aber inzwischen um einiges größer geworden und signalisiert mir: So, jetzt musst du! Krisen sind also verdichtete Probleme, die wir allzu lange ignoriert haben, weil wir uns einfach nicht mit ihnen auseinandersetzen wollten. Und genauso sehe ich es mit der aktuellen Krise: Ich werde gezwungen, mich längst Überfälligem zu stellen. Insofern hat es nichts damit zu sein, ob ich stark bin oder nicht.

 

Wie würden Sie einen resilienten gegenüber einem nicht-resilienten Arzt charakterisieren?

GRUNDL: Wenn resiliente Menschen sich mit einer unerfreulichen Situation herumschlagen müssen, unterscheiden sie schnell zwischen dem, was sie beeinflussen können, und dem, was nicht. Was sie nicht beeinflussen können, blenden sie aus. Ein resilienter Arzt zum Beispiel nimmt es einfach als gegeben, dass das Gesundheitssystem auch künftig auf Sparflamme laufen wird, und überlegt, wie er sich zusätzlich zu seiner medizinischen Expertise auch noch die unternehmerische hinzuholen könnte. Der nicht resiliente dagegen hadert: „Wenn dieses oder jenes nicht gewesen wäre…, wenn das System…, wenn meine Eltern…, wenn meine Frau und Kinder ..., müsste ich mich jetzt nicht damit auseinandersetzen.“ In der Krise noch weiter zu jammern ist vergleichbar mit einem Ertrinkenden, der darüber nachdenkt, dass er besser einen Schwimmkurs besuchen hätte sollen. Im Moment des Ertrinkens ist das relativ dumm.

 

Mit Ihrem Buch Steh auf! zwingen Sie den Leser fast, aufzustehen und aus jedem Lebensumstand das Beste zu machen. Inwieweit ist die Stehaufmännchenqualität eine Charaktereigenschaft, die man einfach hat oder nicht hat?

GRUNDL: Sie ist bei den meisten entwickelt! Es gibt natürlich Sonnenkinder, denen es in die Wiege gelegt zu sein scheint, dass sie immer wieder aufstehen. Doch denke ich, dass die Fähigkeit, immer wieder von Neuem aufzustehen, zu einem hohen Maß auch durch Gewohnheiten geprägt wird. Und mit jeder Krise wächst die innere Widerstandskraft ein bisschen mit.

 

Kann ich andere widerstandsfähiger für Krisen machen bzw. ihnen helfen, Stehaufmännchen-Qualitäten zu entwickeln, etwa Kollegen innerhalb einer Praxis?

GRUNDL: Andere resilienter zu machen, ist ein permanenter Prozess: Minikrisen im Praxisalltag, zum Beispiel wenn sich ein Patient im Warteraum lauthals über etwas beschwert oder ein medizinisches Gerät plötzlich streikt, zwingen einen Arzt zum sofortigen Handeln. Genau dieses Vorbild prägt Mitarbeiter unaufhörlich. Insofern stellt sich nur die Frage, ob das eigene Verhalten wirklich zum Vorbild genommen werden sollte – oder besser doch nicht.

 

Das Gespräch führte Dr. Veenu A. Scheiderbauer

Zur Person
Boris Grundl war bis Mitte 20 hoffnungsvoller Spitzensportler, dann brach er sich bei einem Kopfsprung von einer Klippe in Mexiko die Wirbelsäule. 90 Prozent seiner Muskulatur sind seitdem gelähmt. Genau da beginnt auch seine Erfolgsgeschichte als einer der gefragtesten Führungsexperten und Redner, einer der besten Rollstuhl-Rugby-Spieler, Autor und glücklicher Familienmensch. Denn er hat niemals aufgegeben!
Internet: www.grundl-akademie.de

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