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Siegermentalität: Boxer mit intakter Resilienz gehen zwar auch zu Boden, rappeln sich aber auf und passen ihre Taktik an die Gegebenheiten an.
 
Praxis 9. September 2009

Sich nicht verbiegen lassen

Resilienz schützt vor Stressoren, die auch im Praxisalltag immer häufiger und intensiver auf einen Arzt einwirken.

Resilienz wird vom lateinischen resilio abgeleitet und bedeutet so viel wie „abprallen“, „zurückspringen“. Der Terminus wurde anfänglich nur in der Materialforschung für hochelastische Werkstoffe verwendet, die nach jeder Verformung ihre ursprüngliche Form wieder annehmen. Verhaltensforscher haben den Begriff auf Menschen umgelegt: Unter Resilienz versteht man heute die mentale Kraft eines Menschen, trotz widriger Umstände und trotz Niederlagen immer wieder aufzustehen und sogar gestärkt aus einer Krise hervorzugehen.

 

Resiliente Menschen haben meist unbewusst ein System entwickelt, Probleme nicht nur irgendwie zu überleben, sondern Herausforderungen als Chancen zu sehen und danach noch erfolgreicher zu sein. Es ist eine Art „psychophysisches Immunsystem“. Der amerikanische Psychotherapeut und Bestsellerautor Norman Wright bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel eines Boxers: Ein resilienter Boxer denkt in den Sekunden, in denen er am Boden liegt und ausgezählt wird, über seine Fehler nach und ändert nach dem Aufstehen sofort seine Taktik. Mit Kampfesgeist und Mut geht er in die neue Runde. Der nicht resiliente Typ hingegen ändert seine Taktik nicht, lässt sich irgendwann endgültig Knock-out schlagen und verflucht sein Schicksal. Dadurch wird die ganze Angelegenheit noch schlimmer.

Die aktuelle Wirtschaftssituation stellt ähnliche Herausforderungen an Ärzte: Patienten, die intensive Preisvergleiche machen, Kürzungen seitens der gesetzlichen Versicherungsträger, säumige Patientenforderungen, darauf folgende Einkommenseinbußen, Finanzierungskosten etc. können selbst Ärzte schwer aus dem Gleichgewicht bringen. Hier sind dann Stehaufmännchen-Qualitäten überlebenswichtig.

Mehr als nur Katastrophen- prophylaxe

„Was mich nicht umbringt, das macht mich stärker“, wird Friedrich Nietzsche in diesem Kontext oft zitiert. Doch geht es in der Resilienzforschung und Krisenbewältigung längst nicht nur um das bloße Überleben. Vielmehr wird versucht, Mechanismen auszumachen, die, wenn man sie bewusst aktiviert, aus schwierigen Situationen helfen.

Die Psychologin Emmy Werner hat mit ihrer „Kauai-Studie“ den wohl berühmtesten Grundstein der Resilienzforschung gelegt: Im Zuge ihrer Studie begleitete sie mit ihrem Team aus Psychologen, Kinderärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern über 40 Jahre knapp 700 Kinder, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden. Dabei untersuchte sie ihren Entwicklungsstand im Alter von einem, zwei, zehn, 18, 32 und 40 Jahren. Ein knappes Drittel davon, etwa 210 Teilnehmer, wuchsen unter äußerst schwierigen Bedingungen auf: Armut, Krankheit der Eltern, Vernachlässigung, Scheidung und Misshandlungen prägten ihre Kindheit. Genau für dieses Drittel interessierten sich Werner und ihr Team besonders: Sie wollten vor allem wissen, wie sich gerade diese Kinder entwickeln würden und ob sie eine Chance auf ein problemloses Leben haben würden.

Ein Drittel dieser 210 Risikokinder entwickelte sich letzten Endes erstaunlich positiv. Sie zeigten zu keinem Zeitpunkt der Untersuchungen irgendwelche Verhaltensauffälligkeiten. „Sie waren erfolgreich in der Schule, gründeten eine Familie, waren in das soziale Leben eingebunden und setzten sich realistische Ziele. Im Alter von 40 Jahren war keiner aus dieser Gruppe arbeitslos, niemand war mit dem Gesetz in Konflikt geraten und niemand war auf die Unterstützung von sozialen Einrichtungen angewiesen“, fasst die Psychologin ihre Ergebnisse zusammen. Ihr Fazit: „Die Annahme, dass sich ein Kind aus einer Hochrisikofamilie zwangsläufig zum Versager entwickelt, wird durch die Resilienzforschung widerlegt.“

Erfolg – und das zeigt sich vor allem in Krisenzeiten – ist nicht, wie viele Menschen glauben, ein Ergebnis, das mehr auf Glück als auf alles andere zurückzuführen ist. „Es ist nur ähnlich dem Glück“, schreibt die Autorin Micheline Rampe in ihrem Buch Der R-Faktor. „Ein bisschen bekommt man als Geschenk mit auf den Weg, den Rest, das entscheidende ‚Mehr‘, muss sich jeder selbst erarbeiten.“ Einen kleinen Trost gibt es: Dass Resilienz keine übernatürliche Gabe, sondern erlernbar ist, das können Resilienzforscher inzwischen bestätigen. Bei den Resilienztrainings kommen immer wieder die folgenden Anregungen, angelehnt an das Resilienzaufbauprogramm der American Psychological Association (APA), zum Tragen: Um im Leben glücklich und erfolgreich sein zu können, gehe es nicht darum, um jeden Preis dem Unglück aus dem Wege zu gehen, bestätigt auch Resilienz-Experte Boris Cyrulnik: „Eher sollte man danach suchen, wie man das Unglück meistern kann!“

 

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Praktische Tipps für Ärzte, wie sie Resilienz aufbauen können
• Krise als befristetes Problem sehen Miseren sind weniger aussichtslos, wenn man sie als einen zeitlich begrenzten Vorgang akzeptiert. Das Wissen, dass man selbst in schweren Zeiten aktiv werden kann – und es letztendlich auch zu tun, ist eines der wichtigsten Merkmale resilienter Personen. Wenn zum Beispiel Patienten in Zeiten wie diesen Investitionen in selbst zu zahlende Behandlungsvarianten hinausschieben, empfiehlt es sich, sich bewusst zu machen, dass auch diese Weltwirtschaftskrise zu Ende gehen wird.
• Krise akzeptieren und Opferstarre ablegen Selbst Menschen, die von Natur aus widerstandsfähiger sind, können schwermütig, depressiv und passiv werden. Entscheidend ist aber, dass es gelingt, die Situation zu akzeptieren und sich auf Dinge zu konzentrieren, die man sehr wohl noch beeinflussen kann. Wenn Patienten zögern, Privatleistungen in Anspruch zu nehmen, kann man als Arzt deren Ängste, momentan Geld aus eigener Tasche auszugeben, akzeptieren und gleichzeitig aktive Beziehungspflege betreiben. Es gibt Ärzte, die gerade jetzt in Wohlfühlfaktoren wie zum Beispiel Aufwertung des Wartezimmerbereiches und in eigene soziale Kompetenzen investieren, damit sie die Patienten in der Folge langfristig für sich begeistern.
• Sich von Schuldzuweisungen distanzieren Selbstvorwurfspiralen sind kontraproduktiv. Sich alleine die Schuld für die Umstände zu geben, hilft nicht aus der Krise. Je besser es gelingt, die Auslöser der Krise, also was passiert ist und was dazu geführt hat, möglichst objektiv einzuschätzen und die Ursachen nicht nur bei sich selbst, sondern auch in den Umständen zu sehen, desto schneller wird man sich erholen. Hat man sich etwa bei der Praxisfinanzierung übernommen oder sehr hohe laufende Kosten, weil man zum Beispiel zu schnell ein Team aufgebaut hat, nützt es nichts, sich Selbstvorwürfe zu machen. Hilfreicher wird es sein, tilgungsfreie Zeiten zu vereinbaren und Mitarbeitern die Möglichkeit einer Halbtagestätigkeit oder gar Auszeiten für persönliche Fort- und Weiterbildungen anzubieten.
• Lösungen suchen Objektivität und Aktivität führen bereits zum nächsten Schritt. Es gilt zu überlegen: Gab es schon vergleichbare Situationen? Wie hat man damals reagiert? Was sind mögliche Lösungen für die gegenwärtige Situation? Wie habe ich potentielle Patienten auf mich aufmerksam gemacht, als ich beispielsweise die Praxis gegründet habe? Gibt es Ansätze, die ich erfolgreich wiederholen könnte?
• Aktiv werden Es ist nicht zielführend, unentwegt über ein Problem zu grübeln. Anstatt zu überlegen, was unmöglich zu erreichen ist, sollte man bei der Frage „Welchen Schritt – wie klein auch immer – kann ich heute setzen, um meinem Ziel etwas näher zu kommen?“ ansetzen. „Probleme sind wichtige Ideenlieferanten, sie zwingen uns, Geschäftssituationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und neue Handlungsmöglichkeiten zu suchen und – zu finden“, so IKEA-Gründer Ingvar Kamprad.
• Beziehungspflege ist die Achillessehne Intakte gute Beziehungen zum Praxisteam, zu den Patienten sowie zur eigenen Familie, zu Freunden und anderen Menschen, ebenso wie soziales Engagement in Vereinen etc. sind äußerst wichtig. Es sind wertvolle Stützen in Krisenzeiten. „Business“ – und das gilt mehr denn je auch für Arztpraxen – „ist nichts anderes als ein Knäuel menschlicher Beziehungen“, weiß Lee Iacocca, Chrysler-Legende und namhafter Manager in der Automobilindustrie.
• Für die Zukunft planen Niemand ist vor Krisen gefeit. Deshalb empfiehlt es sich, mit den Wechselfällen, etwa in der Praxis, zu rechnen und sich gedanklich damit auseinanderzusetzen. Tritt dieses oder ein ähnliches Problem tatsächlich ein, kann man gefasster reagieren.

Von Dr. Veenu. A. Scheiderbauer, Ärzte Woche 37 /2009

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