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Illustration: DI Niel Mazhar
Die Platzierung des Musters schafft unterschiedliche Raumwirkungen.
 
Praxis 1. September 2009

Mit Mustern Raummängel kaschieren

Längs oder quer gestreift? Das ist nicht nur beim Pullover die Frage.

Als die betuchte Ärztin Dr. Edith Farnsworth 1951 ihr Wochenendhaus in Illinois bezog, ahnte sie noch nicht, dass sie damit zur Bauherrin eines der bekanntesten Gebäude des 20. Jahrhunderts wurde. Noch viel weniger hatte sie mit den Problemen gerechnet, die es mit sich brachte, in der von Ludwig Mies van der Rohe geplanten Glasbox zu leben, die rundum einsehbar war.

 

Von außen versprühte das Haus den Charme eines Tuberkulose-Sanatoriums, meinten die Nachbarn. Innen dekorierte die Ärztin ihr Haus, das „transparent war wie eine Röntgenaufnahme“, mit antikem, ornamentalen Mobiliar und platzierte chinesische Drachenhunde auf der Terrasse, sehr zum Leidwesen des berühmten Architekten. Selbst den Mülleimer musste sie in einem entlegenen Schrank verstecken, denn unter der Spüle hätte man selbst noch von der Straße aus sehen können, was Farnsworth darin verstaut hatte.

Der Tod der Blumentapete

Dieses Beispiel zeigt, dass die ästhetischen und funktionellen Ziele der Planer mit denen der Nutzer nicht immer übereinstimmen. Die einen arbeiten nach dem Prinzip „weniger ist mehr“, die anderen fühlen sich mit „wenig“ unwohl. Mit der Auflösung der Wand hin zu einer technoiden Glasarchitektur versuchten die Architekten der Moderne dem Ornament den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Weniger Wand hieß für die Planer auch, der Blumentapete die Lebensgrundlage zu entziehen.

Dass die Beschaffenheit der Oberflächen eines Raums viel zum Wohlbefinden beitragen kann, ist nach dem Ende der Ära der Modernisten vielfach bekannt. Nach wie vor bevorzugen Architekten und Raumausstatter schlichte Gestaltungskonzepte. Doch die Angst, bewusst und wohl dosiert auch rein dekorative Details in die Planung einzubringen, scheint verschwunden. Denn das Muster an der Wand ist nicht reine Oberflächlichkeit, als emotionale Komponente und Vermittler zwischen Architektur und Behaglichkeit erfüllt es eine durchaus wichtige Funktion.

Doch wie gelangt das Muster an die Wand, ohne überladen und trotzdem zeitgemäß zu wirken? Wichtig ist die richtige Dosierung und Platzierung. Ähnlich der Anwendung farbiger Flächen muss die Beschaffenheit und Geometrie des Raumes mit einbezogen werden. Ein einfaches vertikales Streifenmuster kann einen Raum höher wirken lassen, ähnlich dem längsgestreiften Pullover, der die Sünden der Weihnachtsvöllerei dezent verschwinden lässt. Querstreifen „umarmen“ einen Raum scheinbar, zu groß geratene Räumlichkei-ten erscheinen dadurch kleiner und wohnlicher. Ein Raum kann dadurch illusorisch verändert werden, überraschende Perspektiven entstehen.

Einzelne Bereiche aufwerten

Ein Muster muss sich auch nicht unbedingt flächendeckend durch den ganzen Raum bewegen. Einzelne, ausgesuchte Bereiche können mit Hilfe des Ornaments aufgewertet und akzentuiert werden. So kann beispielsweise Fenstern und Türen, ähnlich der jemenitischen Architekturtradition, durch einen umlaufenden gemusterten Rahmen ein elegant verspielter Charakter gegeben werden. Einzelne an Wänden angebrachte Ornamente, diese dafür in intensiver Farbwahl oder in farblicher Abstimmung mit dem Mobiliar, können einen Raum stark beleben. Bei flächendeckenden Mustern empfiehlt sich eher Zurückhaltung in der Farbgebung – große Muster wirken in sanften Farben am besten und erdrücken nicht die Raumstimmung.

Muster mit IQ

Als die Wände umschließender Rahmen eignen sich wiederum besonders geometrische Muster hervorragend, um unschöne Ecken eines Zimmers zu kaschieren.

Das Muster kann auch an der Decke angebracht werden – überhöhte Räume wirken dadurch niedriger und behaglicher, sie lassen den Patienten entspannt zum Himmel schauen, wenn die Lektüre im Wartezimmer weniger spannend ist. Besonders an für Verschmutzung und Beschädigung anfälligen Wandbereichen, etwa entlang der Sitzmöglichkeiten eines Wartezimmers, kann der Einsatz einer unempfindlichen und robusten Tapete im unteren Drittel der Wand sinnvoll und praktisch sein. Sogar individuell gemusterte Kunststoffböden bis hin zum schmutzresistenten Teppichboden bieten dem Dekor attraktiven Untergrund.

Muster können als einfache geometrische Muster in Form von Linien und Streifen, wie auch als klassisches Blumen- und Blattwerk auftreten. Aber auch abstrahierte Gebrauchsgegenstände oder aus gespiegelten Bildern und farbenfrohen Fotos zusammengesetzte Collagen können, geschickt angeordnet, eine ornamentale Wirkung entfalten.

Doch in Wahrheit sind die Anwendungsmöglichkeiten des Musters weitaus größer und vielfältiger – es muss nicht immer als sinnleeres Ornament verstanden werden. Ein „intelligentes Muster“ kann auch als symbolhaftes Leitsystem in einer größeren und komplexeren Praxis dienen und so die Orientierung erleichtern. Mit einfachen abstrakten Symbolen versehen, können so Bereiche gegliedert werden – das schafft Klarheit, auf originellere Art und Weise als ein unpersönliches Metallschild. Das Muster kommuniziert so mit dem Benutzer, lenkt den Blick auf die mit entsprechender Symbolik versehenen Bereiche wie den Empfangsbereich einer Praxis, dem Wartezimmer oder den verschiedenen Behandlungsräumen.

 

Detaillierte Tipps zum Umgang mit dem Muster lesen Sie in der nächsten Folge des „Raumdoktors“.

Von DI Niel Mazhar, Zahnarzt 8 /2009

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