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Foto: PhotoDisc
Die Mitarbeiter in der Gehörlosenambulanz beherrschen auch die Gebärdensprache. Aber fünf Ambulanzen für ganz Österreich sind für eine optimale Betreuung von 10.000 Menschen mit Hörbeeinträchtigung nicht ausreichend.
 
Praxis 1. September 2009

Ungehörte Gehörlose

Zu wenig Rücksichtnahme oft auch im medizinischen Bereich

In Österreich leben etwa 10.000 gehörlose Menschen. Ihre Belastung durch vielfältige Erschwernisse ist nach wie vor groß. Eine wesentliche Verbesserung wäre die Bereitschaft zum Dialog.

„Studien belegen, dass gehörlose Menschen eine gegenüber der Allgemeinbevölkerung signifikant höhere somatische und psychosomatische Belastung haben“, sagt Prim. Dr. Johannes Fellinger, Leiter des Gesundheitszentrums für Gehörlose, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Linz. Sie seien öfter von schmerzhaften Infektionen und Lebensstilerkrankungen betroffen. Ursachen seien der generell höhere Stress von Geburt an, die regelmäßige Diskriminierung sowie die teils massiven Probleme im Alltag.

Gehörlosenambulanzen

„Wichtige Anlaufstellen sind die vier Gehörlosenambulanzen – in Kärnten wird gerade eine fünfte aufgebaut“, stellt Fellinger fest. Dort stehen ein Allgemeinmediziner sowie psychiatrisch-neurologische Hilfe, Unterstützung durch Psychologen und Sozialarbeiter zur Verfügung. „Zunächst wird geklärt, wo genau das Problem liegt und der Patient bei Bedarf in eine andere Fachabteilung begleitet. Auf jeden Fall wird die Möglichkeit geboten, Befunde noch einmal unter vier Augen zu besprechen – unsere Mitarbeiter beherrschen die Gebärdensprache“, so Fellinger. Die Ambulanzen setzen auch Akzente durch Präventionsprogramme, psychosoziale Begleitung und Gesundheitsbildung für Gehörlose. „Für diese Arbeit müsste die öffentliche Hand mehr Mittel zur Verfügung stellen“, fordert Fellinger. Ebenso wichtig wären mehr Initiativen in der Elternbildung, damit Förderung so früh wie möglich ansetzen kann und die Familienkommunikation gesichert ist.

Nur drei Prozent der Gehörlosen haben eine Matura, weniger als sieben Prozent ein Universitätsstudium absolviert. „Viele Gehörlose haben aufgrund von Bildungsmankos große Probleme beim Verständnis längerer Texte, besonders wenn darin medizinische Fachbegriffe vorkommen“, so Mag. Monika Haider, Geschäftsführerin von equalizent, einer Institution, die unter anderem Aus- und Weiterbildung für schwerhörige und gehörlose Menschen anbietet. Gerade im medizinischen Bereich kommt es oft zu einer verkürzten Kommunikation. „Viele werden mit einem Befund allein gelassen, bekommen zu wenige Informationen über Dosierung, Wirkungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten“, ergänzt Wolfgang Gravogl. Er ist selbst gehörlos und arbeitet hauptberuflich beim Wiener Roten Kreuz, auch als Lehrbeauftragter für Erste-Hilfe-Kurse für Hörgeschädigte.

Probleme im System

Beim Erstkontakt in Praxis oder Spital müsse nicht unbedingt ein Gebärdendolmetsch anwesend sein, aber auf jeden Fall Papier und Bleistift für nonverbale Kommunikation, „auch wenn einige Gehörlose gut von den Lippen ablesen können – wobei etwa ein Drittel des Gesagten verstanden wird“, so Gravogl. Für umfassende Aufklärung oder intensivere Gespräche sollte ein Dolmetsch hinzugezogen werden. Gehörlose bekommen vom Sozialamt finanzielle Unterstützung für dieses Angebot.

Spezielle Probleme können in der Notfallversorgung auftreten. „Es gibt eine ganz einfache Geste, mit der schnell abgeklärt werden kann, ob ein Mensch gehörlos ist – diese sollten sowohl Notfallmediziner als auch Rettungssanitäter beherrschen“, fordert Haider. Wichtig sei weiters die – nötigenfalls schriftliche – Information der Angehörigen, besonders, wenn diese ebenfalls gehörlos sind. Gravogl motiviert gehörlose Menschen, einen der Erste-Hilfe-Kurse zu besuchen, die speziell auf diese Personengruppe abgestimmt sind.

Förderungen ausbauen

„Auch wenn sich seit Anerkennung der Gebärdensprache als Amtssprache im Jahr 2005 sehr viel verbessert hat, besteht in Österreich in einigen Bereichen weiterhin Nachholbedarf“, meint Haider. So bräuchte es mehr bilinguale Klassen – von der Gebärdensprache profitieren auch hörende Schüler. Untertitelung von Fernsehsendungen sollte wie in Großbritannien oder anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit sein, in Österreich werden nicht einmal ein Fünftel der Sendungen untertitelt. Die Finanzierung des Angebots an Gebärdendolmetschern könnte ausgebaut werden, gerade auch in Bereichen, wo es um Begleitung in der Schule oder am Arbeitsplatz geht. „Praktisch keine Angebote gibt es für gehörlose Migranten – diese werden immer wieder fälschlich als kooperationsunwillig oder psychisch krank abgestempelt, obwohl sie nur einfach nicht verstehen“, beklagt Haider.

Kasten:
Wünsche an den Arzt von Gehörlosen
• Schreien ist nicht notwendig.
• Direkter Blickkontakt – ein Gebärdendolmetsch sollte daher neben dem Arzt sitzen.
• Deutlich artikulieren sowie nicht gleichzeitig reden und zeigen.
• Auf das Licht im Raum achten: Schatten im Gesicht machen Lippenablesen noch schwieriger.
• Prägnante Sätze mit wenig Fachvokabel – und wenn, diese erklären.
• Zusätzlich zu akustischen Signalen (z. B. Aufruf über Lautsprecher) braucht es auch optische Hinweise.
• Schriftliche Befunde etc. zusätzlich erklären.
• Keine Aktionen ohne Erklärung, also auch auf den Sichtkontakt etwa bei Impfungen, Infusionen oder Blutabnahme achten.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 36 /2009

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