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DGKS Christa Maiss Seniorenzentrum in Linz-Ebelsberg
 
Praxis 25. August 2009

Das Bild vom typischen Alten gibt es nicht

Die Lebensrealität von Senioren wandelt sich.

Gefragt ist nicht eine „Sonderbehandlung“, sondern eine gezielte Auseinandersetzung mit der Biografie, der aktuellen Lebenssituation und den Wünschen einer Person.

Welche inneren Bilder entstehen, wenn von „älteren Patienten“ die Rede ist? In der Imagekampagne „Immer in Ihrer Nähe“ der Ärztekammer, die vor und im Sommer lief, wurden Plakatwände und Ordinationen mit Sujets bestückt, auf denen etwa zu sehen war, wie zwei ältere Frauen auf der Parkbank sitzen und Tauben füttern. Für den Seniorenbund eine Bildsprache, „die mit der Lebensrealität älterer Menschen schon lange nichts mehr zu tun hat. Wir Senioren sind so aktiv und so lange gesund wie nie zuvor in der Geschichte“, heißt es in einer Medienaussendung, „und wir sind die größte Patientengruppe der niedergelassenen Ärzte.“

Wie sieht die Lebensrealität von „Senioren“ tatsächlich aus und wer ist mit dieser Bezeichnung konkret gemeint?

In Österreich ist es leicht möglich, auf einen 54-jährigen Pensionisten zu treffen – etwa einen, der gerade mit Golden Handshake von einem Betrieb entlassen wurde. Ist dieser Mann nun „alt“? Oder wie ist das mit der 80-Jährigen, die nach wie vor hoch aktiv an der Universität studiert, Reisen unternimmt, Sport betreibt und Parkbänke höchstens für ein kurzes Sonnenbad nutzt?

„Anders als Kindheit, Pubertät oder die Zeit als junger Erwachsener (18 – 30) gibt es für die Phase des Alters keine so klare Zäsur – denn Leben besteht aus wesentlich mehr als dem Brotberuf“, sagt DGKS Christa Maiss, Mitarbeiterin des Seniorenzentrums in Linz-Ebelsberg. Sie beschäftigt sich auch in Fortbildungen für pflegende Angehörige sowie für Unternehmen intensiv mit dem vielschichtigen Thema Alter.

Mit der Biografie arbeiten

„Körper und Psyche setzen – wie auch in den anderen Lebensphasen – im Alter zunehmend Grenzen. Menschen gehen mit den Einschränkungen sehr unterschiedlich um – ebenso vielfältig sind auch die Lebensentwürfe und -realitäten älterer Menschen“, erzählt Maiss. In der Anamnese und Diagnostik sollte das biografische Arbeiten einen höheren Stellenwert bekommen, betont sie. Es ginge um Anerkennung des Erlebten und dessen Einbeziehung in die Begleitung des Patienten.

Gerade Hausärzte, etwa im ländlichen Bereich, wüssten oft viel über ihre Patienten und deren Lebensgeschichte. „Auf bestimmte Stationen in der Biographie, auf Übergänge, Bruchstellen und auch auf die Zukunft Bezug zu nehmen, kann wichtig sein. Dafür Zeit einzuplanen, bringt eine höhere Qualität der Versorgung, nimmt Rücksicht auf die zunehmende Entschleunigung im Alter“, so Maiss. Jeder Mensch habe den Wunsch nach einem möglichst selbstbestimmten Leben – für Maiss eine zentrale Dimension von Lebensqualität. Dazu gehörten u. a. Faktoren wie die Wahl und Gestaltung des Wohnorts, Mobilität, das Leben in sozialen Netzwerken, ehrenamtliches Engagement oder die Möglichkeit, an Freizeitsaktivitäten teilzunehmen.

Einsame „lästige“ Patienten

Auch wenn Gesundheitsförderung ein Ansatz ist, der nicht mit einem bestimmten Alter endet: Für chronische Krankheiten und die letzte Lebensphase sind möglicherweise andere Herangehensweisen gefragt: Heilung tritt in den Hintergrund und macht der palliativen Pflege Platz. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang, die vier Dimensionen des Schmerzes zu kennen: die körperliche, psychische, soziale und spirituelle.

Es gibt das Klischeebild vom „lästigen“ älteren Patienten, der ohne konkretes Anliegen kommt und dem Arzt über verschiedenste kleinere Probleme berichtet. „Isolation ist ein zunehmendes Problem“, so Maiss, „aber der Arzt kann und soll hier auch seine Grenzen aufzeigen. Wichtig dabei ist, Pflegebedürftige und Angehörige bei der Organisation von mobilen Hilfs- und Besuchsdiensten zu unterstützen. Wir alle wollen unabhängig vom Alter so lange wie möglich nach außen hin vermitteln, eigenständig mit unserem Leben zurechtzukommen. Diese Fassade wird mit allen Mitteln aufrechterhalten.“

Wichtig sei also die Wahrnehmung von Angehörigen oder von Begleitern wie einer Fachsozialbetreuerin oder Heimhelferin. Gleichzeitig könne es sehr wichtig sein, dass sich der Arzt vor Ort selbst ein Bild von den aktuellen Lebensumständen des Patienten macht.

Wünsche berücksichtigen

„Es gibt Angehörige, die großen Druck machen, dass das betagte Familienmitglied in ein Alters- oder Pflegeheim übersiedeln soll. Natürlich kann die Belastung einer Pflegebeziehung sehr hoch sein, aber zunächst sollten nach Möglichkeit alle Facetten mobiler Unterstützung oder von Nachbarschaftshilfe ausgeschöpft werden, wenn der Betroffene den Wunsch hat, zu Hause zu bleiben“, so Maiss. Gerade in der letzten Lebensphase bekommt für Maiss Zuwendung eine noch größere Bedeutung: „Dazu gehört, sich ans Bett des Patienten zu setzen, behutsam Körperkontakt aufzunehmen, etwa indem die Hand angeboten oder der Oberarm berührt wird, und ihn oder sie beim Namen anzusprechen. Ganz wichtig ist, wirklich da zu sein in der meist ohnehin beschränkten Zeit.“

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 35 /2009

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