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Praxis 20. August 2009

Altern aktiv gestalten

Auch für Mediziner, vor allem ältere, ist es hilfreich, sich mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen bewusst auseinanderzusetzen.

Viele Ärzte sind vorwiegend mit alternden Menschen konfrontiert und vermeiden doch Gedanken an ihr eigenes Älterwerden. Häufig hindert sie auch ihr hektischer Berufsalltag daran, sich weitergehende Gedanken um die Zukunft zu machen. Die Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester (DGKS) Christa Maiss zeigt auf, welche Ansätze und Maßnahmen hilfreich dabei sind, sich auf die Lebensphase des „Alters“ vorzubereiten.

 

Die Rahmenbedingungen der ärztlichen Tätigkeit werden oft durch wenig beeinflussbare Größen bestimmt, wie fehlende Abrechnungspositionen der Kassen, überlange Arbeitszeiten, verschiedenste Nebenjobs, um den Alltagsbetrieb aufrechterhalten zu können. Da bleibt kaum Platz für die Frage: „… und wie sieht es mit meinem Alter aus?“

„Der ‚Zustand‘ Alter ist mit negativen Klischeebildern und Ängsten behaftet. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist meist tabu – das ist schade, denn hier geht es auch um Lebensqualität, um das bewusste Sein im Hier und Jetzt“, sagt DGKS Christa Maiss, Seniorenzentrum in Linz-Ebelsberg. Sie beschäftigt sich auch in Fortbildungen für pflegende Angehörige sowie für Unternehmen intensiv mit dem vielschichtigen Thema Alter.

Bewusst im Hier und Jetzt

Natürlich freut sich jeder über eine Pause, das Ende eines langes Ordinationstages, der Woche, den Beginn eines Urlaubs, manche freuen sich auch auf die Pension. „Eine Gefahr ist, dass unser Warten auf diese ‚anderen Zeiten‘ zur alles bestimmenden Sehnsucht wird, die letztlich nie erfüllt wird. Dass Frust zur Resignation wird“, so Maiss. Der Weg vom Kind-Sein zum Jugendlichen sei stark durch die Schule und außerschulische Gruppenaktivitäten geprägt. Ähnlich sehe es mit dem Einstieg in die Ausbildung oder die berufliche Tätigkeit aus. Doch um eine Vorbereitung auf die Lebensphase des „Alters“ sehe es eher schlecht aus. „Gerade in helfenden Berufen ist oft die Angst zu finden, das wirklich Wichtige im Leben zu verpassen“, meint Maiss. „Zwei wesentliche Aspekte sind Genussfähigkeit und die Fähigkeit, den Moment wahrzunehmen und wertzuschätzen. Manchmal ist es dazu wichtig, den berühmten Atemzug mehr zu machen, sich der Situation, in der ich im Hier und Jetzt bin, bewusst zu werden.“

Gerade in einer Ordination mit einem übervollen Wartezimmer, einer langen Visitenliste und den nächsten fixen Fortbildungsterminen ist das oft schwer umsetzbar, weiß Maiss: „Das Wort Entschleunigung wird quasi als Gefahr gesehen, der nämlich, am Ende des Tages noch zu viel an Unerledigtem zu haben. Keine Frage: Durch unsere Fähigkeiten können wir in allen Bereichen viel bewegen – und manchmal dabei über uns selbst hinauswachsen. Gleichzeitig wird vieles ein Impuls, ein Ansatz bleiben oder etwas, an dem wir scheitern.“ Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen sei Teil jeder Lebensphase. Gerade im dichten Erwerbsleben werde es oft als besonders frustrierend erlebt, wenn der Körper – oder auch die Psyche – nicht mehr so „mitspielt“ wie gewohnt.

Geschenk Zeit

Gerade Hausärzte haben viel mit hochbetagten Menschen zu tun. Maiss motiviert dazu, die bewusste Begegnung mit diesen zu suchen. Im Seniorenzentrum Ebelsberg läuft ein Projekt zum Thema Ehrenamtlichkeit: Menschen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen kommen in das Heim und führen Gespräche mit den Heimbewohnern, singen und kochen mit ihnen. „Diese Form der Begegnung ist für beide Teile sehr wertvoll und motivierend. Direkt erfahrbar wird auch der Umgang mit dem ‚Geschenk Zeit‘, und es ist möglich, von Erfahrungen des jeweils Anderen zu profitieren“, erklärt Maiss. „Gerade für den Arzt kann so ein ‚Perspektivenwechsel‘ neue Impulse bringen.“

80 Prozent der Pflege erfolgen im häuslichen Bereich, die Wahrscheinlichkeit, dass es auch einen Pflegefall in der Familie des Arztes gibt, ist also hoch. Gerade in dieser Situation wird deutlich, was Lebensqualität ausmacht und wo Grenzen nötig sowie wichtig sind.

„Es geht auch darum, sich Gedanken über das eigene Altern zu machen“, so Maiss. „Sich also folgende Fragen zu stellen: Wie und mit wem möchte ich wohnen? Welche Formen von Unterstützung sind mir wichtig? Nicht alles lässt sich voraussehen oder planen, darum geht es auch gar nicht. Denn sonst gerät das Hier und Jetzt wieder in Gefahr. Bewusst leben beginnt jeden Tag neu.“

Übergabe gut gestalten

Ein guter Schritt für den Abschluss des Erwerbslebens ist für Ärzte das in vielen Bundesländern mögliche Modell der Übergabepraxis, da hier gesammelte Erfahrungen gut weitergegeben werden können. Außerdem bringt der zweite Kollege eine Entlastung sowie die Möglichkeit, Bereiche schrittweise auszulassen. Durch den engen Kontakt bleibt zudem eine punktuelle Zusammenarbeit über den Zeitpunkt der Praxisübergabe hinaus möglich. Je früher solche Formen der Kooperation begonnen werden, desto besser funktionieren sie dann meistens später.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 30 /2009

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