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Illustration: DI Niel Mazhar
Je nach Fliesenfarbe und -format entstehen unterschiedliche Stimmungen. Ein Mix aus Form und Farbe sorgt für Zonierungen im Raum.
 
Praxis 9. Juli 2009

Scherben bringen Glück

Warum „der Scherben“ nicht nur mit fliegendem Geschirr zu tun hat.

Der Frühling ist bekanntlich die Zeit der Schmetterlinge im Bauch, daher auch der beliebteste Termin für Hochzeiten. Mit den Eheschließungen gehen Polterabende mit bunten Bräuchen einher, denen man sich nur schwer entziehen kann. Warum das Zerschlagen von Geschirr vor einer Hochzeit Glück bringen soll und was das mit einer gelungenen Raumgestaltung zu tun hat, lesen Sie in dieser Folge des Raumdoktors.

 

Ich konnte dieses Jahr einem Junggesellenabschied nicht entkommen und bin daher auch jetzt noch, wo ich diese Zeile schreibe, etwas wackelig auf den Beinen. Doch trotz Katerstimmung und Kopfschmerz kam ich nicht umhin, mir über das „Geschirrzerschlagen“ am Polterabend den Kopf zu zerbrechen. Denn der Höhepunkt des Abends besteht ja traditionellerweise darin, Porzellan, Geschirr und Blumentöpfe am Boden zu zertrümmern. Von daher soll auch der Ausspruch „Scherben bringen Glück“ stammen. Das klingt einleuchtend, stimmt aber nicht. Denn in Wahrheit sind die Scherben nur deshalb so segensreich, weil sich der Begriff „Scherben“ im Fachjargon auf (unbeschädigtes) Töpferhandwerk im Allgemeinen bezieht. Denn je mehr Keramikgefäße man sein Eigen nannte, desto mehr Vorräte konnte man potenziell auch einlagern. Dass Vorräte glücklich machen, weiß jeder, der auch sonntags, wenn die Supermärkte geschlossen haben, über einen gut gefüllten Kühlschrank verfügt. Ob Teller, Tasse oder Fliese – Keramik in jeder Form bedeutete Wohlstand und Glück.

Warum Fliesen?

Die Erfindung der Keramik ist eine der ältesten Errungenschaften der Menschheit. Kein Wunder also, dass keramische Produkte an sich bald zum Sinnbild für Wohlstand und Glück wurden. Die Fliese kam erst später zur Familie der Töpferwaren dazu, ist aber nach fast 5.000-jähriger Entwicklungsgeschichte als Wand- und Bodenbelag nicht mehr wegzudenken.

Die Vorteile der Keramikfliese liegen auf der Hand. Nachdem der Mensch vor Jahrtausenden vom Höhlenboden aufgestanden war und sich den Staub aus den Fellen geklopft hatte, musste ihm der Sinn nach einem pflegeleichteren Fußbodenbelag gestanden haben. Die Fliese entspricht diesem Wunsch. Sie ist einfach zu reinigen, robust und verfügt über eine lange Lebensdauer – die bei Fliesen aus den 1970er-Jahren mit ihren typisch ausgeprägten Designsünden bei manchem auch schon mal für weniger Freude gesorgt haben mag.

Ihre glatte und dichte Oberfläche lässt sich einfach reinigen und bietet Pilzkeimen und Bakterien kaum Möglichkeiten, sich einzunisten. Da Fliesen antistatisch sind, lassen sich von ihnen auch Milben und Staub einfach entfernen, daher sind sie besonders für Allergiker von Vorteil. „Vom Boden essen“, das lässt es sich also, wenn überhaupt, allerhöchstens von einem Bodenfliesen-Boden. Aber auch davon sollte man im Normalfall absehen. Nur bedingt wahr ist auch, dass ein Fliesenboden, im Vergleich zu Holz oder Teppich, stets kalt bliebe. Denn kein anderer Bodenbelag eignet sich besser für eine Fußbodenheizung, die eine der sparsamsten Heizmethoden darstellt.

Fliese haben den Sauberkeitstick

Besonders sinnvoll ist der Einsatz von Fliesen an Orten, an denen Sauberkeit höchste Priorität hat und die fortwährend und schnell gereinigt werden müssen. Dazu gehören Räume, die regelmäßig mit Straßenschmutz in Berührung kommen, wie Eingangsbereiche und Treppen, aber auch Institutionen mit hoher Kundenfrequenz im Allgemeinen, wie medizinische Einrichtungen. Die Kachel am Boden ist also gerade für den Warteraum in einer Arztpraxis eine gesegnete Erfindung.

Bodenbeläge aus Keramik müssen sich aber keinesfalls nur auf Nasszellen oder Durchgangsräume beschränken. Zu behaupten, Fliesen wären eine rein praktische Erfindung, wäre eine Beleidigung für den jahrtausendealten Bodenbelag, dessen Farben- und Formenreichtum nahezu unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten offen lässt.

Eine Reise um die Welt

Die Ersten, die über den Tellerrand hinausschauten und sich Keramiken nicht nur als Essensunterlage oder kühlendes Gefäß für Wein und Bier zu Nutze machten, waren vermutlich die alten Ägypter. Bereits im 3. Jahrtausend war es dort Mode, Ton in Plattenform an die Wand zu kleben. In Europa hatten die Römer früh ein Faible für den keramischen Bodenbelag entwickelt. Mit den Arabern erfuhr die Fliese ein Wiederaufleben und verbreitete sich auf dem Weg über die iberische Halbinsel ein zweites Mal in Europa. Nun fanden aufwendig bemalte Fliesen an repräsentativeren Bauteilen wie Fassaden oder in Prunksälen Verwendung. Auch in unseren Breiten wurden anfangs nur Prunkbauten und Kirchen mit den kostbaren Produkten aus dem Brennofen versehen. Wäre es nicht ein Schande, Fliesen nur mehr schamhaft in Nassräumen wegzuschließen?

Die Fliesenindustrie kann bereits auf eine jahrtausendealte Entwicklung zurückschauen. Doch man ruht sich auf diesen Lorbeeren nicht aus. Immer wieder werden neue Herstellungsverfahren entwickelt, die Fliesen noch widerstandsfähiger, die Oberflächen noch zweckmäßiger machen. Von rutschhemmenden Glasuren über selbstreinigende Fliesen mit dem berühmten Lotus-Effekt, von denen der Schmutz einfach abperlt, bis hin zu antibakteriellen Reaktionen in der Glasurschicht!

Auf Grundlage dessen, was sich photokatalytische Selbstreinigung nennt, werden Oberflächen mit feinen Partikeln aus Titanoxid beschichtet. Bei Bestrahlung mit UV-Licht kommt es zur Zersetzung organischer Partikel, und selbst Wasser kann dort keine Tröpfchen mehr, sondern nur noch einen feinen Film bilden. Dadurch kann die Oberfläche nicht beschlagen, alles bleibt nicht nur sauber, sondern sogar antimikrobiell!

Auch spezielle Keramikfliesen, die bei der relativ niedrigen Temperatur von nur 900°C gebrannt werden, sind ein Geheimtipp. Diese feinporigen Fliesen haben ganz spezielle Fähigkeiten und sind besonders für Anhänger „gesunder Räume“ von Interesse, denn sie können den Feuchtigkeitsgehalt der Räume ausgleichen, und dabei absorbieren sie auch noch unangenehme Gerüche.

Fliese ist nicht gleich Fliese

Apropos Porentiefe. Was man als Schlagwort aus der Werbung für Gesichtsreiniger für Pubertierende mit Akneproblemen kennt, ist auch beim Fliesenkauf ein wichtiges Thema. Auf Poren und Porosität muss auch hier geachtet werden, denn natürlich sind nicht alle Fliesenarten gleichermaßen für alle Einsatzorte geeignet. Spätestens wenn Sie in einem Baumarkt stehen und Ihnen Ausdrücke wie „glasiertes Steingut“ und „unglasiertes Steinzeug“ um die Ohren fliegen, werden Sie erkennen, dass der Begriff „Fliese“ ein zu Unrecht harmlos erscheinender Sammelbegriff für eine schier unbegrenzte Produktpalette ist. Zunächst werden Fliesen in den Regalen der Baumärkte in Wand- und Bodenfliesen eingeteilt. Dabei ist zu beachten, dass Wandfliesen zwar tatsächlich nur für Wände geeignet sind, Bodenfliesen aber auch ungeniert an Wänden angebracht werden können.

Bodenfliesen unterscheiden sich von ihren Artgenossen an der Wand durch ihre erhöhte Rutschfestigkeit, außerdem halten sie höheren Belastungen viele Jahre unbeschädigt stand. Möchte man also an Wand und Boden dieselben Fliesen, muss man das festere Fliesenmodell wählen. Bodenfliesen besitzen meist ein größeres Format als Wandfliesen.

Je nach Herstellungsart werden Fliesen außerdem in Steingut und Steinzeug eingeteilt. Steingut ist poröser, wird bei etwa 950 – 1100°C gebrannt und ist daher weniger frostbeständig, diese Fliesen können nur im Innenbereich verwendet werden. Die poröse Fliese lässt sich aber gut bearbeiten, glasieren und dekorieren. Steinzeugfliesen werden bei bis zu 1.300°C gebrannt und sind weniger porös. Dadurch können sie nur wenig Wasser aufnehmen, was sie frostsicher macht und für den Außenbereich prädestiniert.

Hat man sich einmal über die Einsatzgebiete der verschiedenen Fliesenarten informiert, bleibt einem lediglich noch die Qual der Wahl bei Form, Farbe, Format, Muster und den vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten.

Generell gelten bei der Wahl der richtigen Wand- und Bodenfliese dieselben Kriterien wie bei einem ganz gewöhnlichen Farbanstrich. Kleinere Räume sehen im hellen Fliesenoutfit größer aus, während man bei größeren Räumen ruhig zu dunkleren und erdigeren Farbtönen greifen kann – mit kräftigen, expressiven Farben verhilft man ihnen unter Umständen gar zu einem individuellen Charakter.

Keine Blumentapete

Man kann verschiedene Fliesenfarben kombinieren oder auch mit unterschiedlichen Formaten experimentieren und damit unterschiedliche Raumzonen definieren. Keine Angst vor modernen Mustern und zeitlosen Ornamenten, die das schlechte Image vom Bäderschrecken der Blumenmuster aus den 1980er-Jahren längst hinter sich gelassen haben! Trotzdem ist bei gemusterten Fliesen stets ein wenig Vorsicht geboten. Zu viel davon kann einen Raum unruhig wirken lassen. Außerdem kann auch das schönste Fliesenmuster einmal veraltet sein, je auffälliger das Muster, desto größer die Gefahr, dass das passiert. Im Gegensatz zu einer aus der Mode gekommenen Blumentapete ist der Austausch von Keramikfliesen mit wesentlich höheren Kosten verbunden.

Am Anfang steht die Fliese

Je nach Farbe und Form der Fliesen entstehen sehr unterschiedliche Raumstimmungen. Bereits mit der Wahl der Fliesen setzen Sie also noch vor der Möblierung fest, ob der Raum das gemütliche Flair eines Landhauses oder die sterile Reinheit eines Tempels der Sauberkeit ausstrahlen soll. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Kacheln zu der späteren Möblierung passen. Für die Entscheidung kann es von Nutzen sein, sich einen Karton mit Lieblingsfliesen einpacken zu lassen und diese probeweise vor Ort auszulegen. Schnell erkennt man auf diese Weise, welche Fliesen wirklich zum Raum passen, das bewahrt vor geschmacklichen Irrtümern – auf dass Ihr Fliesentraum nicht in Scherben aufgeht.

 

 Weitere Ideen und Anregungen zur Gestaltung mit Fliesen, lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Raumdoktors.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 27 /2009

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