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Foto: Ärzte-Woche-Montage
In einer Kultur, die das Ja-Sagen auf vielen Ebenen perfektioniert hat, können kleine Inseln des wohl dosierten und richtigen Neins durchaus ihre Vorteile haben.
Foto: Privat

Richard Tigges Mitgründer von „Die NeinSager“, Ghostwriter, Journalist und Rhetoriktrainer

 
Praxis 27. Juni 2009

„Ein Nein muss nicht unbedingt destruktiv sein“

Die Angst vor Konflikten oder davor, Menschen zu verletzen, erschwert häufig ein klares Wort.

Eigentlich sind wir eine Gesellschaft der Zustimmer. Wir sagen selbst dann Ja, wenn wir Nein meinen. Es gibt allerdings gute Gründe, dies zu ändern, beispielsweise bei von Patienten gewünschten Behandlungsoptionen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit vollkommen sinnlos sind.

 

Von Kindesbeinen an lernt man „danke“, „bitte“ und vor allem „ja“ zu sagen. Doch es gibt Situationen, in denen ein „Nein“ besser wäre. Wie und wo man dieses weithin unterschätzte Zauberwort gut anbringt, erklärt Richard Tigges, Mitgründer von „Die NeinSager“, Ghostwriter, Journalist und Rhetoriktrainer im Gespräch mit der Ärzte Woche.

 

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, schrieb bereits Goethe. Warum sollte man dann überhaupt das „Neinsagen“ lernen – und das gerade als Arzt, wo man sich doch der Ethik und Nächstenliebe verpflichtet hat?

TIGGES: Jeder hilfsbereite Mensch erlebt recht bald, wie wenig er mit dem Gießkannen-Prinzip erreichen kann. Es jedem ein bisschen recht zu machen, geht nicht. Auch im Dienst am Nächsten gilt es deshalb, sich Ziele und Prioritäten zu setzen. Bei Ärzten, Krankenschwestern, Sozialarbeitern oder Seelsorgern ist zudem die Gefahr eines Burnout-Syndroms gegeben, wenn nicht rechtzeitig Grenzen gezogen werden.

 

Kann man sich heute in Zeiten der Wirtschaftskrise überhaupt leisten, Nein zu sagen?

TIGGES: In Zeiten knapper Ressourcen ist es wichtiger denn je, fokussiert zu agieren. Mit weniger Mitteln die gleichen Ziele zu erreichen, ist schwer genug. Wer sich dann auch noch von seinen strategischen Zielen abbringen lässt, weil er nicht Nein sagen kann, wird scheitern.

 

Warum tut sich der Mensch so schwer, Nein zu sagen – und wenn er es doch einmal schafft, plagt ihn das schlechte Gewissen?

TIGGES: Hauptgrund des Neinsage-Dilemmas ist die Unklarheit über die eigenen Ziele. Wer seinen Hafen nicht kennt, dem ist jeder Wind günstig.

Zweitens – und das trifft für Ärzte ganz besonders zu – haben wir alle Angst vor eigenen Fehlern und wollen alles noch einmal ganz genau prüfen, bevor wir etwa eine alternative Heilmethode aus dem Internet ablehnen.

Drittens gehen wir gerne Konflikten aus dem Weg und fürchten, dass wir als Neinsager von anderen abgelehnt werden. Aus diesem Grund gibt es ja so viele Jasager in unserer Gesellschaft!

Viertens fühlen sich gerade Menschen in Heilberufen ständig verantwortlich für die Gefühle anderer und haben Angst, Menschen emotional weh zu tun. Schlechtes Gewissen braucht bei ihnen dann nicht aufzukommen, wenn sie bei ihrer Zielsetzung ehrenhaft und aufrichtig waren. Stimmen ihre ethischen Grundsätze und leiten sie ihr Handeln daraus konsequent ab, dann brauchen sie sich nach dem Neinsagen überhaupt nicht schlecht zu fühlen.

 

Ist die Furcht vor dem Nein nicht auch ein Problem auf der Erziehungsebene?

TIGGES: Auf jeden Fall. Das merkt man daran, dass die Angst vor dem Neinsagen in den Kulturen völlig unterschiedlich ausgeprägt ist. In den USA erleben Sie trotz der freundlichen Fassade sehr schnell, wie viel Sie dem Gegenüber wirklich bedeuten – spätestens wenn Sie etwas brauchen. Es gibt dort den berühmten Elevator Pitch, in dem Ihnen ein Investor gerade die Zeit einer Liftfahrt, also ungefähr zwei Minuten, Zeit gibt, eine Idee vorzutragen, bevor er Nein sagt. In Asien fürchten die Menschen, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie Ablehnung erfahren. Daher wird man dort nie ein Nein hören, sondern wortreiche bejahende Ausführungen, aus denen man selbst zu erkennen hat, dass man seine Bitte besser zurückzieht. Wir in Europa liegen so dazwischen, aber Nein zu sagen, fällt uns eher schwer.

 

Wie lehne ich als Arzt den Wunsch eines Patienten ab, wie etwa eine alternative Behandlungsvariante auszuprobieren, weil man eben deren Grenzen kennt, ohne dass er sich zurückgewiesen fühlt?

TIGGES: Zuallererst trennen Sie in Ihrem Kopf das Neinsagen von der Vorstellung, dass Sie gleich einen Akt der Aggression begehen. Neinsagen kann sehr konstruktiv sein. Entsprechend freundlich und ruhig sollten Sie bei Ihrem Nein bleiben. Dann vermeiden Sie unbedingt ablehnende Worte wie „aber“ in dem Gespräch: Der Patient hat sich Mühe gemacht und ist aktiv geworden, um sein Schicksal ein Stück selbst in die Hand zu nehmen. Das ist doch gut! Lassen Sie seine Argumente stehen und probieren es mal mit „gleichzeitig“ statt „aber“. Das ist am Anfang gar nicht so leicht. „Gleichzeitig“ drückt aus, dass Sie Ihre Argumente gleichberechtigt neben die Ihres Patienten stellen. Er kann nun selbst abwägen und wird viel aufgeschlossener reagieren, weil er sich nicht abgelehnt fühlt. Formulieren Sie zudem keine Du-Botschaften, sondern Ich-Botschaften. Du-Botschaften wirken angreifend, die Ich-Perspektive dagegen beschreibt Ihre Gefühle, Ihre Bedenken.

 

Wie ist Ihre Erfahrung: Gibt es Menschen, deren Nein man leichter akzeptiert?

TIGGES: Menschen, die ihre Argumente wohl sortiert haben und sich auf maximal drei wichtige Gründe beschränken, finden mit ihrem Nein eher Akzeptanz, als solche, die im Minuten-Takt ständig neue und nicht unbedingt bessere Argumente hervorbringen und daher unsicher wirken. Je mehr Kompetenz ein Mensch ausstrahlt, desto besser wird sein Nein akzeptiert. Sie haben sicher schon erlebt, wie schnell ein Patient beim Arzt klein beigibt, obwohl er bei der Sprechstundenhilfe noch groß aufgetreten ist. Die Kompetenz wird neben dem fachlichen Background vor allem durch die Stimmlage und die Sprechgeschwindigkeit unterstrichen: Wer tief und langsam spricht, ist glaubwürdiger.

 

Wann ist ein Nein kontraproduktiv, weil es zu überheblich hinüberkommt?

TIGGES: Zum Beispiel wenn Sie sich weigern, dem anderen überhaupt zuzuhören. Oder wenn Sie sich einer neuen Behandlungsmethode nur deshalb verschließen, weil Sie sie selbst noch nicht kennen. Das ist überheblich. Es geht um die Gesundheit Ihres Patienten, er hat es verdient, dass Sie auch einmal neue Wege gehen. Wir erleben es auch auf oberen Führungsetagen der Wirtschaft, dass Entscheider nur aus Angst um ihren eigenen Sessel brillante Ideen von Mitarbeitern ablehnen. Aus Japan gibt es spannende Beispiele, dass Manager, die sich selbst wegrationalisiert haben, mit höheren Posten belohnt wurden. Auf die Praxis übertragen heißt das: Signalisieren Sie Ihrem Patienten, dass Ihr Dienst an ihm so weit geht, dass Sie auch die Meinung bzw. Behandlung eines anderen Arztes befürworten würden, wenn es ihm gesundheitlich wirklich hilft.

Wann ist es besser, nicht Nein zu sagen?

TIGGES: Wenn Sie ein Nein nicht mit Ihrem hippokratischen Eid vereinbaren könnten.

 

Das Gespräch führte Dr. Veenu A. Scheiderbauer

 

Hinweis: Mitte Oktober ist ein NeinSager-Seminar für österreichische Ärzte in Linz geplant. Informationen unter www.dieNeinSager.de und

Kasten:
Nein und Neun mal Nein
• Konsequenz: Vergleichen Sie jede Anfrage mit Ihren Zielen und Grundsätzen. Denn nur wer weiß, was er will und wofür er im Leben steht, kann schneller zwischen Ja und Nein entscheiden.
• Tabu-Wort „Eigentlich“: „Eigentlich kann ich nichts für Sie tun...“ Mit dieser Formulierung signalisieren Sie nur, dass man noch sehr wohl mit Ihnen verhandeln kann.
• Wechselnde Argumente: Wer beim Neinsagen erfolgreich sein will, muss sich auf die zwei oder drei wichtigsten Argumente konzentrieren – und sollte nicht immer weitere Gründe nachschieben.
• Wahrheit: Die Wahrheit ist der beste Freund beim Neinsagen! Unglaubwürdige Gründe einer Ablehnung werden schnell als Ausrede entlarvt.
• Emotionen: Wenn Sie verärgert oder persönlich betroffen sind, verschieben Sie das Gespräch. Sonst wird aus dem Neinsagen ein Streitgespräch. Grundsätzlich sollten Sie das Neinsagen jedoch so schnell wie möglich erledigen.
• Tabu-Wort „Aber“: Ein „Aber“ strahlt Aggression aus. Ein kleiner Trick: Die Argumente des Anderen stehen lassen und seine eigenen mit dem Wort „gleichzeitig“ gegenüberstellen.
• Tabu-Wort „Müssen“: Ablehnung erfahren ist eine Sache, von dem anderen dann auch noch zu hören, was man tun „muss“, schlägt dem Fass meistens den Boden aus. Sehr oft können Sie das Wort „müssen“ auch mit einem einfachen Wort ersetzen: „bitte“.
 Ich-Botschaften statt Du-Botschaften: Vermeiden Sie „Du-Botschaften“, weil diese schnell als Angriff verstanden werden. Ein „Du ärgerst mich“ ersetzen Sie also mit einem „Ich ärgere mich“ usw..
• Auf den Anderen einstellen: Versuchen Sie, Ihre Tonart auf den Charakter Ihres Gegenübers abzustimmen. Dazu hilft eine Einschätzung, ob es sich um einen Introvertierten oder Extrovertierten handelt bzw. ob er eher emotional oder sachlich „gestrickt“ ist. Ein emotional-introvertierter Mensch etwa muss besonders langsam auf eine veränderte Situation vorbereitet werden. Quelle: Auszug aus dem Seminar „Kunst des Neinsagens“.

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