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Foto: pixelio.de / Marc Tollas
Mit getrennten Toiletten für Damen und Herren hat der Arzt noch lange nicht alle Kriterien der richtigen Gender-Behandlung erfüllt.
Foto: Privat

Mag. Doris Schulz Journalistin, Autorin und Expertin in Genderfragen.

 
Praxis 23. Juni 2009

„Was Frauen wirklich wollen“

Der richtige Gender-Zugang beginnt bereits vor dem Wartezimmer.

Die Gestaltung von Abläufen und Prozessen in der Arztpraxis sollte bewusst auf Lebensrealität, Wünsche und Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet werden. Denn wie Männer und Frauen verschieden sind, was ihre medizinische Versorgung betrifft, so unterscheiden sie sich auch in ihren Erwartungen auf die optimale Arzt-Patienten-Beziehung.

Was Frauen wirklich wollen, so lautet der Titel eines Films, in welchem Mel Gibson sich einer Mixtur aus verschiedenen Lotionen und Haarentfernungsmitteln, kombiniert mit Strom, aussetzt und sodann die Gedanken von Frauen lesen kann. Natürlich folgt nach jeder Menge unerwünschter Verwicklungen ein Happy End.

Dass Frauen und Männer in Hinblick auf die medizinische Versorgung verschieden sind, haben viele aktuelle Studien und Analysen bewiesen. Dabei geht es um Fragen der Dosierung und Zusammensetzung von Medikamenten, der Symptome und der Darstellung von Symptomen. Ein ganz wesentliches Element bleibt außerdem die Gestaltung der Kommunikation. So belegen Studien, dass Psychopharmaka an Frauen schneller verschrieben werden als an Männer, auch wenn sie tatsächlich nicht angezeigt sind.

„Grundsätzlich wichtig für Gender-sensibles Vorgehen ist die bewusste Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht und dem stark sozial geprägten ‚Gender‘, also den eigentlich unendlich vielen Varianten, Frau-Sein und Mann-Sein konkret zu leben“, erläutert Mag. Doris Schulz, Journalistin, Autorin und seit vielen Jahren in Frauen- und Gendertrainings tätig. „So gibt es bestimmte Klischees, was Frau-Sein bedeutet. Daher reagieren wir sehr sensibel auf tatsächliche oder vermeintliche ‚Abweichungen‘.“

Ein Schritt zur bewussten Wahrnehmung sei die Auseinandersetzung damit, wie das eigene Mann- und Frau-Sein gelebt wird, welche Vorstellungen von diesen Rollenbildern im Vordergrund stehen. Denn damit, so betont Schulz, ist auch eine bestimmte Umgangsform und Erwartungshaltung verbunden.

Rollen und Klischees reflektieren

Im Ordinationsteam sollte Raum sein, sich über diese Klischeebilder und damit verbundene Verhaltensweisen austauschen, welche auch von Seiten der Patientinnen wahrgenommen werden. „Einige Bereiche“, so Schulz, „können für Frauen in Ordinationen eine besondere Bedeutung haben, und die hängen eng mit strukturellen, organisatorischen und personellen Rahmenbedingungen zusammen.“ So spiele Gefühl für Intimität eine wichtige Rolle, das schon bei den ersten Telefonaten oder direkten Kontakten mit der Ordinationshilfe spürbar sein sollte. „Gerade für Frauen kann es sehr belastend sein, längere Zeit mit wenig Kleidung oder nackt warten zu müssen bzw. keine Möglichkeit zu haben, sich vor Blicken geschützt umzuziehen“, so Schulz. Ein anderer wichtiger Bereich sei das Wirklich-gehört-Werden. Dabei gehe es um aktives Zuhören. „Auf keinen Fall soll dabei die verurteilende Haltung spürbar sein: ‚Na, was die so treibt!“, betont Schulz. Es gebe eben sehr unterschiedliche Lebensentwürfe und damit verknüpfte Werthaltungen und Prioritäten, der Arzt sollte daher wertfrei zuhören und versuchen, den von der Patientin eingenommenen Standpunkt zu verstehen.

„Manchmal ist es wichtig, dass eine andere Frau im Raum ist, um Barrieren zu überwinden. Hier ist aber rechtzeitig zu klären, ob eine solche Anwesenheit erwünscht ist. Besonders Frauen müssen oft erleben, dass ihre Anliegen an zweiter Stelle hinter so ‚wichtigen‘ Dingen wie Telefonaten, dem nächsten Termin oder der Unterschrift eines Dokuments stehen. Das Thema der ungestörten Gesprächsatmosphäre hat also für Frauen einen besonderen Stellenwert“, sagt Schulz.

Bedürfnisse formulieren lernen

Manchen Frauen fällt es schwer, eigene Wünsche und Anliegen zu formulieren, weil es ungewohnt ist oder diese in den Beziehungen am Arbeitsplatz und Zuhause gewöhnlich nicht berücksichtigt werden. „Sie machen sich zudem selbst ‚klein‘ und bedeutungslos und fühlen sich meistens auch so“, weiß Schulz und empfiehlt gezieltes und einfühlsames Nachfragen gerade zur Lebens- und Arbeitsbiographie. In diesem Feld hat die „Respektsperson“ Arzt, speziell wenn es sich um einen Mann handelt, einen sehr hohen Stellenwert, frei nach dem Motto: Er wird schon wissen, was ich brauche und was für mich gut ist… „Oft werden solche Patientinnen zunächst als angenehm wahrgenommen, weil sie wenig nachfragen und ihre Compliance sehr hoch erscheint – die wirklichen Probleme werden dadurch aber auf die lange Bank geschoben oder gehen völlig unter“, bedauert Schulz.

„Ein sensibles Thema ist jenes der körperlichen Nähe: Egal wie gut eine Patientin bekannt ist, man muss eine Berührung und was dabei genau geschehen wird, ankündigen, um sicherzustellen, dass diese auch erwünscht ist. Das Grundprinzip ,tell – show – do‘ ist hier besonders wichtig. Noch ein kleiner Hinweis zum Wohlfühlen: Speziell Frauen empfinden medizinische Gerätschaften tendenziell als kalt, ein vorangehendes Anwärmen kann daher ebenso Barrieren abbauen“, empfiehlt Schulz.

 

In der nächsten Ausgabe der Ärzte Woche wird es um die „Zielgruppe Männer“ gehen.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 25 /2009

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