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Prim. Doz. Dr. Roland Sedivy ist Chefpathologe am LKH St. Pölten.
 
Praxis 22. Juni 2009

Kommentar: Tot ist tot - oder nicht?

Es ist jetzt bald zehn Jahre her, dass Sabine Rückert mit ihrem Buch "Tote haben keine Lobby" auf die Lethargie deutscher Totenbeschau und die Demolierung rechtsmedizinischer Institute aufmerksam gemacht hat. Offensichtlich möchte Österreich nun gerne mit analogen Negativschlagzeilen punkten.

Die Obduktionsrate sinkt kontinuierlich, wie die Statistik Austria eindrücklich in ihren Artikeln zeigen konnte. Gemeindeärzte monieren eine Obduktion, die Bezirksbehörde lehnt ab. Die Wiener Gerichtsmedizin wurde auf den Zentralfriedhof in einen Container verbannt. Wozu denn obduzieren? Tot ist tot – oder nicht!

Es ist doch egal, warum ein 48-jähriger Mann unter unklaren Umständen verstorben ist! Natürlich ist eine 65-jährige Frau mit dem Kopf in der Badewanne an einem Herzinfarkt verstorben! Die Obduktion ist doch viel zu teuer und die vergangenen 100 Autopsien erbrachten nichts Ungewöhnliches – wozu also Geld verschwenden? Naivität sticht die Angst vor Fahrlässigkeit – der Anstieg der Kriminalität betrifft ja nur die Sachschäden! Wer will denn schon jemanden vergiften? Das ist doch altmodisch! Die Bösen aus dem Osten stechen ja lieber mit dem Messer zu. Und überhaupt: Vor dem neuen Steinzertrümmerer lässt es sich medienwirksam viel netter posieren als vor dem Seziertisch!

Wer will denn die wahre Todesursache wissen, die Vermutung ist ausreichend. Hinterbliebene, Ärzte, Staatsanwälte, Richter, Krankheitsstatistiker oder Wissenschaftler leben ja von der Wahrscheinlichkeit: Es ist unwichtig was ist, es reicht der Schein. Tot ist tot – oder nicht? Hic mors vivos docet – altmodische Plattitüde eines unwichtigen Anatomen. Wie soll man denn von Toten lernen? Alleskönner und Alleswisser in Entscheidungsgremien müssen ja nicht auf die Fachleute hören – das sind doch nur lauter morbide Störenfriede, die es nicht schafften klinische Ärzte zu werden!

Darum werden sie auch gleich schlechter bezahlt als alle anderen. Ab mit den einen in den Bunker am Zentralfriedhof, die anderen sollen sich gefälligst nur den Lebenden widmen! Tot ist tot – oder nicht?

Obduktionsraten im freien Fall

Grafik

Die Statistik Austria veröffentlichte die führenden Todesursachen für das Jahr 2008. Von den insgesamt 75.083 Sterbefällen gingen 43 Prozent zu Lasten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 26 Prozent entfallen auf Krebserkrankungen. Im Rahmen der statistischen Erhebung alarmiert jedoch die fallende Obduktionsrate. In den letzten zehn Jahren sank die österreichweite Obduktionsquote um 33 Prozent. Die stärksten Rückgänge waren in Wien (-51 Prozent), Tirol (-43 Prozent) und dem Burgenland (-39 Prozent) zu verzeichnen. Die geringste Verringerung fand in Oberösterreich (-6 Prozent) statt.

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