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Praxis 1. September 2008

Alternative ius migrandi?

Unerledigt aufgrund der anstehenden Neuwahlen ist bislang die Klärung der Frage der Approbation geblieben. Damit bleibt auch die Zukunft des Turnus im Unklaren. Nun wird ein weiteres Modell in die Debatte eingebracht.

Wie berichtet, hat die EU-Kommission die österreichische Regierung ermahnt, weil hierzulande Mediziner vergleichsweise erst sehr spät die Berechtigung zur selbstständigen Berufsausübung verliehen wird. Schon seit 1995 wünscht sich die Europäische Union von Österreich die Einführung einer formalen Basisqualifikation. „Inzwischen wurde eine umfassende Reform des Medizinstudiums erfolgreich abgeschlossen“, sagt Dr. Thomas Holzgruber, Leiter der Rechtsabteilung der Ärztekammer für Wien. Diese würde ausgezeichnete Voraussetzungen für einen raschen, guten und qualifizierten Einstieg in die ärztliche Praxis bieten (siehe „Mehr Praxisorientierung“).
„Nach wie vor haben aber österreichische Ärzte massive Nachteile bei der Berufsausübung im EU-Raum. Diese werden durch bilaterale Abkommen zwar gemildert, das Grundproblem bleibt aber ungelöst“, betont Holzgruber. Bereits vor vier Jahren hat die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) dem Gesundheitsministerium vorgeschlagen, die Approbation nach einem Jahr postpromotioneller Ausbildung und einem absolvierten Notfallkurs zu gewähren. Damit würde ein „common trunk“ der medizinischen Ausbildung geschaffen werden, der auch Ausgangspunkt für die Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin wäre. „Momentan sind über die Hälfte der Fachärzte gleichzeitig Allgemeinmediziner – dabei sind dies zwei unabhängige Berufsbilder. Die fachmedizinische Ausbildung baut nicht auf der allgemeinmedizinischen Ausbildung auf“, auch dies, so unterstreicht Holzgruber, würde im EU-Vergleich Nachteile bedeuten. Nach dem Common trunk wäre dann eine Niederlassung ohne Abrechnungsmöglichkeit mit der Kasse möglich.

Raschere Approbation

„Das Problem ist auch, dass Mediziner im aktuellen System erst ab dem 40. Lebensjahr als Facharzt tätig werden können. Eine raschere Approbation mit einer gleichzeitigen Verkürzung der Wartezeiten auf Ausbildungsplätze würde dazu führen, dass dies deutlich früher möglich wäre. Die Ausbildungszeit ließe sich um mindestens fünf Jahre verkürzen.“ Dies wäre, so betont Holzgruber ebenso in Bezug auf einen drohenden Ärztemangel, eine wichtige und möglichst rasch umzusetzende Maßnahme.
Beim Ärztekammertag im Juni beschloss die ÖÄK, die Möglichkeit eines „ius migrandi“ rechtlich zu prüfen: Wenn ein Medizinstudent den Wunsch äußert, in einem anderen EU-Land zu arbeiten, soll unmittelbar nach dem Studium das Recht zur selbstständigen Berufsausübung verliehen werden. Innerhalb Österreichs dürfte der Beruf aber weiterhin nur unter Anleitung und Aufsicht ausgeübt werden. Dieses Modell habe sich in Tschechien, der Slowakei, Finnland und der Schweiz gut bewährt. „Mit der künftigen Bundesregierung wird zu klären sein, ob das ius migrandi, der Common trunk oder auch eine generelle Approbation gleich nach dem Studium kommt“, so Holzgruber, „innerhalb der Ärzteschaft gibt es teils Verfechter für jede dieser Optionen.“

Facharzt für Allgemeinmedizin

Ein wichtiges Thema sei auch die Umsetzung der Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. „Die Konzepte dazu liegen schon lange am Tisch“, unterstreicht der Rechtsexperte. Besonders die in anderen Ländern seit Jahren mit staatlichen Mitteln gesicherte Finanzierung der Lehrpraxis sei ein wichtiger Schritt. Zudem müsse es darum gehen, dass Ärzte in Ausbildung nicht ständig zu Routinetätigkeiten oder administrativen Aufgaben herangezogen werden. In dieser Hinsicht seien sowohl die Weiterentwicklung des Pflegepersonals als auch die weitere Umsetzung der Implementierung von medizinischen Dokumentaren wichtig, wie es sie in Deutschland längst gibt, meint Holzgruber: „Gerade jetzt müssen wir Ärzte zeigen, dass wir an einer Weiterentwicklung des heimischen Gesundheitssystems sehr interessiert sind und dazu konkrete Vorschläge einbringen.“


Mehr Praxisorientierung

Schon seit dem Semester 2002/2003 wurden in Wien – und auch an anderen medizinischen Universitäten – die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass praktische medizinische Tätigkeit nicht erst ein Thema des Turnus ist. Theoretisch könnten nun Mediziner um drei bis vier Jahre früher selbstständig werden. Im Vorjahr gab es die ersten Absolventen dieser Art des Medizinstudiums, weshalb eine Neuregelung der Approbation debattiert wird.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des neuen Lehrplans ist der Ersatz des traditionellen Fächerkanons durch ein integriertes Modell zu Themenblöcken wie z. B. Verdauung/Ernährung, Herz-Kreislauf usw. Zudem wird ein stärkerer Fokus auf das Lernen anhand von Problemen und Fällen (problemorientiertes Lernen, POL) gelegt. Verändert wurden ebenso der Ablauf und die Inhalte der Prüfungen, die nun stärker auf die Lernziele aus den Bereichen Wissen, ärztliche Fertigkeiten und Einstellungen Bedacht nehmen. Auch die Arzt-Patienten-Kommunikation ist nun ein integraler Bestandteil des Medizin-Curriculums.
Teil des dritten Studienabschnitts sind klinische Praktika an Universitätskliniken, Lehrkrankenhäusern und approbierten Lehrpraxen sowie ein klinisches Praktikum für Allgemeinmedizin. Das Lernen findet generell in Kleingruppen statt.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 35/2008

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