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Praxis 10. Juli 2008

Welche Fähigkeiten sollten künftige Ärzte haben?

Am Freitag, dem 4. Juli, war es wieder so weit: Die Studierwilligen stellten sich dem Eignungstest für das Medizinstudium, besser bekannt unter der Abkürzung EMS. Anfang August soll dann die Rangliste der Studienwerber für die Medizinischen Universitäten Wien und Innsbruck im Internet abrufbar sein. 1.140 BewerberInnen werden zum ersten Semester des Human- und Zahnmedizinstudiums an heimischen MedUnis zugelassen. Ob es tatsächlich die für den Arztberuf am besten geeigneten sein werden, ist fraglich, denn der EMS hat bei einer testtheoretischen Analyse selbst erhebliche Mängel gezeigt.

Die Ärzte Woche hat mit den Studienautorinnen der Analyse, Prof. Dr. Christiane Spiel und Prof. Dr. Barbara Schober vom Institut für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation an der Universität Wien, ein ausführliches Gespräch geführt. Vorige Woche kam der Mangel an Fairness, Trennschärfe und aufgabenbezogener Zuverlässigkeit zur Sprache. Im zweiten Teil wird unter anderem auf die Folgen der Auswahl von mit dem EMS geprüften Fähigkeiten eingegangen.

Frau Prof. Spiel, das Wichtigste für ein Auswahlverfahren ist die prognostische Validität. Wie gut ist der EMS geeignet, eine verlässliche Vorhersage zu gewährleisten?
Spiel: Hier ist das Kritischste zu fragen: eine Vorhersage wofür? Was lege ich als das zentrale Kriterium für die Vorhersage fest?

In diesem Fall will man wohl wissen, ob Studienanwärter alles mitbringen, was Mediziner später im Beruf benötigen?
SPiel: Das sagen Sie. Aber genau hier ist aus unserer Sicht ein kritischer Punkt beim EMS. Das zentrale Kriterium, das herangezogen wird, ist vor allem die SIP 1-Prüfung. Diese ist aus unserer Sicht sehr ähnlich dem EMS. Also ebenfalls ein Multiple-Choice-Test, der ebenso die naturwissenschaftlichen Basiskompetenzen wie Physik und Chemie in der Medizin in den Vordergrund stellt. Und da meinen wir, dass man sich überlegen muss, ob das, vor allem bezogen auf die Fairness bezüglich Geschlecht, ein geeignetes Kriterium ist. Bei der SIP 1 war es immer so, dass die Frauen schlechter als die Männer abgeschnitten haben. Viele Frauen treten aber wieder an und sind dann sehr wohl erfolgreich. Studien zeigen, dass es sich hier also eher um „Einstiegsprobleme“ handelt. Und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gleichen sich aus, wenn bei den späteren Prüfungen mehr Anwendungswissen nötig ist.

Frau Prof. Schober, der Test ermittelt also v. a. diejenigen, die bei der ersten Jahresprüfung SIP 1 (Summative Integrative Prüfung) mit der größten Wahrscheinlichkeit durchkommen?
Schober: Ja. So kann man es derzeit formulieren. Die Gründe dafür liegen u. a. darin, dass es den EMS noch nicht so lange in Österreich gibt, das heißt, spätere Vorhersagekriterien waren noch nicht prüfbar. Die SIP 1 war fürs Erste naheliegend, und das ist nicht schlimm. Schlimm ist jedoch, dass diese eine singuläre Möglichkeit jetzt so übergewichtet wird. Weil es nur die halbe Miete ist. Die Argumentation lautet zurzeit: Wir wählen die Studenten aus, aber nicht nach dem Kriterium, dass das die besseren Ärzte werden – das hat man uns dezidiert so gesagt –, sondern danach, dass sie im Moment besser zum Studium passen. Und das wird operationalisiert, indem getestet wird, welche Kandidaten in den ersten Prüfungen die besseren sein werden. Mit Blick auf die Prognosegüte des Studienerfolgs sind somit die bisherigen Analysen zu den Eignungstests, die sich primär auf die ersten Prüfungen beziehen, mit Vorsicht zu betrachten.

Als weiteren Kritikpunkt am EMS führen Sie in Ihrer Studie an, dass der Eignungstest schon vom Konzept her Fähigkeiten abprüft, die grundsätzlich nicht mehr nachlernbar sind.
SpieL: Der EMS hat explizit die Aussage: Ich kann mich zwar auf die Testsituation vorbereiten und mir anschauen, welche Art von Fragen gestellt werden – der EMS ist ein sehr langer Test mit Multiple-Choice-Aufgaben –, aber ich kann mich nicht auf die Inhalte vorbereiten. Weil diese über eine lange Lerngeschichte erworben werden. Das ist aus unserer Sicht ein Problem, weil so gar nicht ermöglicht wird, dass jemand sagt, ‚Ich entschließe mich jetzt, Medizin zu studieren und kompensiere, was ich vorher nicht erworben habe, durch hohen Einsatz.‘ Das Konzept beruht vielmehr darauf, dass Defizite durch Einsatz und Motivation nicht kompensierbar sind. Explizit steht geschrieben, dass man es nicht üben und nicht lernen kann. Personen, die früher solche Defizite während des Studiums aufholen konnten und die Ausbildung zum Mediziner erfolgreich abgeschlossen haben, die haben jetzt keine Chance mehr, hineinzukommen.
Diese Kandidaten werden vom Medizinstudium ausgeschlossen, obwohl sie unter Umständen sogar die besseren und empathischeren Ärzte und Ärztinnen wären?
Spiel: Genau. Das bringt uns auf die Frage: Beinhaltet der EMS alle relevanten Dimensionen? Ursprünglich waren es ja viel mehr, aber dann gab es eine Konzentration auf jene, die relativ einfach und objektiv messbar sind. Sind es alle relevanten? Der ganze Sozialbereich ist nicht enthalten. Nehmen wir etwa den Bereich Compliance. Studien weisen darauf hin, dass Patienten wenig compliant sind. Wer als Arzt wirksam sein will, muss die Betroffenen zur Therapietreue „erziehen“. Das erfordert sicher mehr als nur naturwissenschaftliche Kompetenzen. Es gibt noch viele weitere solche Facetten. Solche Dimensionen sind zwar nicht gut messbar, aber da muss man sich überlegen, wie diese Soft-Skills besser berücksichtigt werden könnten.

Ist der EMS also Ihrer Ansicht nach völlig ungeeignet?
Schober: Das würde ich so nicht sagen. Wir haben hier einen Test, der in Deutschland und der Schweiz etabliert war und dort bereits funktioniert, aber er hat einige Schwächen und mit denen muss man sich beschäftigen.
Spiel: Das Problem ist auch, dass in Österreich alle angehenden Medizinstudenten durch diesen Test müssen. In der Schweiz verwenden nicht alle Universitäten den EMS, in Deutschland wird er als zusätzliche Methode verwendet, um die Chancen von Kandidaten neben dem Numerus clausus zu erhöhen. Das ist ein ganz anderer Zugang.
Schober: Das hat natürlich Folgen für die Interpretation der Unterschiede zwischen den Ländern. Ein direkter Vergleich der EMS-Ergebnisse ist weder mit der Schweiz, noch mit Deutschland ganz korrekt.

Es hat eine konstruktive Reaktion seitens der Politik gegeben und es wurden kurzfristige Maßnahmen zur Verbesserung der Chancen der Anwärter getroffen. Was sollte langfristig gemacht werden?
Spiel: Die einzelnen Aufgaben sollten kritisch überprüft und die Ratewahrscheinlichkeit eliminiert werden. Im Medizincurriculum zu vermittelnde Inhalte sollten nicht schon im Eignungstest geprüft werden. Wir meinen auch, dass es überlegenswert wäre, bereits erlangte Kompetenzen zu berücksichtigen. Wer jahrelang bei der Rettung gearbeitet hat und nun Medizin studieren möchte, sollte eine Chance dafür erhalten. Man sollte das Bild vor sich haben, mit welchen Kompetenzen sollen Absolventen des Medizinstudiums schließlich ausgestattet sein, um gute Ärzte zu sein?

Inge Smolek, Ärzte Woche 28/2008

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