zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 3. Juli 2008

Lehren, was man selbst am nötigsten braucht

Work-Life-Balance ist mehr als ein Schlagwort im Zusammenhang mit Gesundenuntersuchungen und Lebensstilberatung.

Dass Berufstätigkeit und der Gesundheitszustand zusammenhängen, ist wohl Thema jeder gründlicheren Anamnese und auch von Empfehlungen zum Lebensstil. Das gilt auch für Ärzte, obwohl sich nur wenige darüber im Klaren sind. Manche Mediziner sind in ihrem Berufsalltag extrem belastet oder überschreiten ständig ihre Grenzen; daraus entstehen Konflikte im Ordinationsteam oder der Spitalsabteilung bzw. auf privater Ebene, Beinahefehler, aber auch tatsächliche Fehlleistungen häufen sich … Der Körper und die Psyche senden immer deutlichere Signale, die auf ein Ungleichgewicht hinweisen. Das reicht bis hin zum Auftauchen – oft unspezifischer – Krankheitssymptome und zum Burn-Out.
Aber wie sieht es mit der viel zitierten Work-Life-Balance des Arztes aus, dem (Un-)Gleichgewicht zwischen der Arbeit und dem manchmal kaum noch wahrnehmbaren Rest des Lebens?
„Die Teilnehmerin eines Workshops sagte zu mir: ‚Sie lehren, was Sie selbst am nötigsten brauchen‘ – das hat mich sehr berührt“, erinnert sich Dr. Georg Wögerbauer. Der Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut aus dem steirischen Pernegg ist auch in der Bildungsarbeit für Ärzte tätig.

Druck raus ...

„Ich muss als Arzt nicht um jeden Preis ein Modell für den Patienten in Bezug auf Work-Life-Balance sein – das heißt, auch ich darf manchmal unausgeschlafen, grantig, niedergeschlagen, gestresst sein“, sagt er. Es gehe zunächst darum, „sich selbst den Druck zu nehmen, perfekt sein zu müssen.“ Balance ist kein Dauerzustand, sondern darf auch ein Austesten, ein Wahrnehmen von Grenzen sein; und darf ebenso Zeiten der Unausgewogenheit enthalten bzw. des Scheiterns. Denn auch die Rahmenbedingungen ändern sich immer wieder, die täglichen Anforderungen – hier gibt es also kein allzeit gültiges Patentrezept in Bezug auf das alltägliche Handeln oder Passivbleiben.
Diese Einstellung zum Thema Balance erlebt Wögerbauer auch für Patienten als hilfreich, „denn sie durchleben – genauso wie wir Ärzte – eben Phasen, in denen alle guten Ratschläge schlicht nicht umsetzbar erscheinen“.

... Beziehungsqualität rein

„Einen zweiten wichtigen Aspekt für meine eigene Work-Life-Balance hat mir ein Tae-Kwon-Do-Lehrer mitgegeben: ‚Der Meister muss nicht kämpfen‘“, so Wögerbauer weiter. Für ihn heißt dies konkret, „dass es bei der Arbeit mit Patienten nie allein um die fachliche Ebene geht, sondern immer auch um die bewusste Gestaltung von Beziehung.“ Das heißt, es solle nicht in eine fortgesetzte Anstrengung ausarten, sich der Begegnung und Arbeit mit Patienten zu stellen, „natürlich ist es herausfordernd, darf und soll aber nicht ständig über die eigenen Grenzen hinausführen bzw. ist ebenso eine mögliche Energieressource“.
„Ständig wird von Behandlungsqualität gesprochen – diese ist aber abhängig von der Beziehungsqualität“, was allerdings nicht bedeute, so Wögerbauer weiter, dass alle Beziehungen mit Patienten quasi ständig optimal laufen müssen – „hier besteht die Gefahr, dass ich mir als Arzt ein unerreichbares Ziel setze.“
Wögerbauer betont dazu, „dass in Zeiten wie diesen, wenn der Druck auf die Kassenärzte in jeder Hinsicht immer weiter steigt, selbst die besten Tricks und Tipps zur Ausgewogenheit nicht helfen“. Es könne zu einem „point of no return“ kommen, an dem der Druck von außen so groß wird, dass er sich nicht nur auf die Qualität der Arbeit, sondern zunehmend auf die Lebensqualität, die physische und psychische Gesundheit niederschlägt. „Derzeit geht es ja darum, dass Ärzte noch strengere Richtlinien bekommen sollen, wie sie ihren Alltag zu gestalten haben. Einen Alltag, in dem die essentielle Beziehungsarbeit wenig bis keinen Platz mehr hat“, bedauert Wögerbauer. Dann kann es nötig sein, einschneidende berufliche Veränderungen umzusetzen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 27/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben