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Praxis 28. Mai 2008

Gender-Gap: Subtil ausgebremst

Es scheint, als müssten Frauen nun sogar froh sein, dass die EU-Regelungen über den freien Zugang europäischer Bürger zu heimischen Medizin-Unis dazu geführt haben, dass Eignungstests abgehalten werden. Denn die eilends eingeführten Massenprüfungen in Wien, Innsbruck und Graz haben aufgedeckt, dass sich im Unterrichtsalltag und im Elternhaus nahezu nicht wahrnehmbare Ungleichheiten eingeschlichen haben. Das hat eine umfangreiche Analyse der Auswahlverfahren für das Medizinstudium ans Tageslicht befördert.

Prof. Dr. Dr. Christiane Spiel, Leiterin des Instituts für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation an der Universität Wien und Autorin der Studie, erzählte bei einer Pressekonferenz am 20. Mai, wie subtil die Mechanismen der Benachteiligung von Mädchen funktionieren, auch wenn keine Absicht dahinter steckt. Wenn Schülerinnen häufig signalisiert bekommen, dass sie ja nichts für schlechte Noten in Mathe, Chemie oder Physik können, aber dennoch wegen ihres Fleißes und Wohlverhaltens („Sie bemüht sich ja!“) mit guten Noten belohnt werden, bleibt das erreichte Wissen lückenhaft. Und es zeigt sich erst bei den Eingangstests zum Studium, dass sie auf diese Weise subtil ausgebremst wurden. Dabei wären Leistungsförderung und -forderung nötig.
Die Analyse zeigt: Frauen haben bei gleichen Schulnoten deutlich schlechtere Testleistungen als Männer. Und je höher die Schulbildung der Eltern ist, desto besser sind die Testleistungen bei gleichen Schulnoten – unabhängig von den Schulfächern.

Gute Note – schlechter Testwert

Benachteiligung im schulischen wie im sozialen Umfeld erhöhen den Gender-Gap beträchtlich. So zeigen die Testwerte zwischen den männlichen Bewerbern zum Medizinstudium, die Eltern mit hoher Schulbildung haben, und weiblichen Bewerbern aus einem Elternhaus mit niedriger Bildung, wie sich die beiden Negativtrends addieren (siehe Relation zwischen Testwerten und Schulnoten).
Dennoch bestehen die jungen Frauen, die es an eine Medizin-Universität geschafft haben, und gewöhnen sich ans zuvor ungewohnte kompetetive Umfeld. Schneiden Studentinnen bei der ersten Summativen Integrierten Prüfung (SIP 1) noch immer wie beim Eingangstest schlechter ab als ihre Mitstudenten, wendet sich von da an das Blatt. Ab SIP 2 haben die Studentinnen die besseren Ergebnisse und es schließen mehr Frauen das Medizinstudium erfolgreich ab als Männer.
Das Phänomen der Chancen-Ungleichheit zeigt sich sowohl beim EMS (Wien und Innsbruck) als auch beim Grazer Eingangstest fürs Medizinstudium. Wissenschaftsminister Dr. Johannes Hahn betonte, dass die Probleme von grundlegender Natur sind: „Man muss sich ansehen, welche Rollenbilder bewusst oder unbewusst weitergetragen werden.“ Fatal daran ist, dass die entstandenen Bildungslücken auf Grund der Sozialisation der Studienbewerberinnen im Rahmen ihrer bisherigen Bildungskarrieren nicht kurzfristig gestopft werden können. Hahn: „Die Philosophie des Tests ist die Erfassung komplexer Fähigkeiten, die über eine lange Lernphase aufgebaut wurden – Lernunterlagen zum Üben gibt es nicht.“ Eine kurzfristige Veränderung des EMS-Tests ist nicht möglich, weil die nötige Validierung etwa drei Jahre dauert. „Wir haben ein diagnostisches
Ergebnis, jetzt muss gegengesteuert werden“, meinte Prof. Dr. Rudolf Mallinger. Eine Veränderung des EMS in Richtung „weibliche“ Stärken wie die Soft Skills will Prof. Dr. Rudolf Mallinger aber nicht haben: So wichtig sie für die Ausübung des Arztberufs auch sein mögen, so der Vizerektor der MedUni Wien, der Erfolg eines guten Arztes und der Medizin basiere eben auf den Naturwissenschaften, und diese müssten auch weiterhin im Zentrum der Medizinausbildung stehen.

 Relation

Inge Smolek, Ärzte Woche 22/2008

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