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Praxis 16. Mai 2008

„Das Geheimnis ist das Mitgefühl!“

Gesprächsführung ist erst seit kurzer Zeit Teil der ärztlichen Ausbildung. Die meisten berufstätigen Ärztinnen und Ärzte haben diese wichtige Aufgabe nicht an der Universität gelernt. Eine Seminarreihe der Austrian Breast and Colorectal Cancer Group will diese Lücke schließen.

Ein gezieltes Gespräch mit einem Patienten zu führen ist keine leichte Aufgabe. Die meisten Ärzte, die heute in Österreich tätig sind, haben diese Art der Kommunikation nicht auf der Universität gelernt. Erst mit dem neuen Medizin-Curriculum wurde „ärztliche Gesprächsführung“ ein Pflichtfach für angehende Mediziner. So kann es auch heute noch passieren, dass einer betagten Dame auf dem Flur eines Krankenhauses von einem Chirurgen ein lapidares „Ihr Mann wird sterben“ zugeraunt wird. Ein Beispiel, wie ärztliche Gesprächsführung auf keinen Fall sein darf.

Meist nicht angeboren

Aber die Kommunikation mit Patienten und Angehörigen wird dem Arzt oder der Ärztin in den meisten Fällen auch nicht in die Wiege gelegt. Sie muss erlernt werden, ebenso wie andere ärztliche Fertigkeiten. Die Austrian Breast and Colorectal Cancer Group (ABCSG) startete im April mit einer Reihe von Veranstaltungen, die sich dem Thema Arzt-Patienten-Kommunikation widmet.
Die Wichtigkeit einer gelungenen Kommunikation unterstrich Prof. Dr. Raimund Jakesz von der Universitätsklinik für Chirurgie der Medizinischen Universität Wien im Rahmen seines Vortrags: „Wenn sich der Arzt in die Lage des Erkrankten einfühlen kann und dem Patienten genügend Raum lässt, um seine Gedanken, Wünsche und Hoffnungen zu äußern, ist dies ein entscheidender Beitrag zu einem günstigen Verlauf der Erkrankung.“ Jakesz betonte weiters, dass sich der Aufwand für ein intensives und gut vorbereitetes Arzt-Patienten-Gespräch lohne, denn „informierte und mündige Patienten haben eine höhere Lebensqualität und beteiligen sich aktiver an Entscheidungen“.

Ein- und mitfühlen

„Der Schlüssel zur gelungenen Gesprächsführung ist übrigens nicht die Zeit“, wie Jakesz hervorhob. „Es ist das Mitgefühl und das Einfühlungsvermögen in den Patienten.“ Im Gespräch sollte das Gefühl vermittelt werden, in den nächsten Minuten ausschließlich für die Patientin oder den Angehörigen da zu sein. „Dann reichen auch 15 Minuten für ein ausführliches Gespräch, das den Patienten getröstet und informiert zurück lässt“, so Jakesz weiter. Der Chirurg sieht Krankheit und Leben als untrennbare Einheit und die Behandlung von kranken Menschen aus einer ganzheitlichen Sicht: „Wir wissen heute, dass die Verbindung von Körper, Geist und Seele mehr erfordert als eine klinische Therapie“, erläuterte Jakesz, „die emotionale Situation des Betroffenen muss ebenso ausgelotet werden wie das Krankheitsbild.“
Mehrere Faktoren sind für ein gelungenes ärztliches Gespräch von größter Bedeutung: Dazu gehört etwa Ruhe – „schalten Sie Ihr Handy aus, wenn Sie ein wichtiges Gespräch mit Patienten und Angehörigen führen“, rät Jakesz. Ebenso wichtig ist eine Zeitangabe: „‚In den nächsten 15 Minuten bin ich ganz für Sie da‘ – das zeigt, Sie nehmen sich Zeit für Ihren Patienten“, so Jakesz weiter, der die wichtigsten Gesprächstechniken so bezeichnet: „Zuhören, wahrnehmen und fragen.“ Insbesondere bei lebensbedrohlichen Erkrankungen sei es zudem von großer Bedeutung, dass Befundmitteilungen immer auch mit einer Handlungsperspektive verbunden sind. „Dabei geht es nicht darum, dem Patienten Hoffnung zu geben“, sagte Jakesz und erstaunte damit machen Zuhörer. „Es geht vielmehr darum, die Hoffnung des Betroffenen zu erfragen.“ Was wünscht sich ein erkrankter Patient? Was möchte er noch tun oder erleben können? Worauf hofft der Erkrankte? Das sind die Fragen, die– laut Chirurg Jakesz – jeder Arzt in einem Gespräch mit Patienten und Angehörigen stellen sollte. „Privilegiert“ fühlt sich Jakesz auch nach vielen Jahren ärztlicher Tätigkeit, wenn das Gespräch gelingt: „Die Patientinnen und Patienten öffnen vor uns ihre Seele, wenn wir Nähe zulassen, das ist ein Privileg.“
Dass die Fähigkeit, ein gelungenes ärztliches Gespräch zu führen, allerdings noch lange nicht Allgemeingut ist, zeigt das eingangs erwähnte Beispiel. Immerhin: Die den krebskranken alten Herrn behandelnde Ärztin hat sich schlussendlich bei der Seniorin für den brüsken Kollegen entschuldigt, sie ausführlich über die Erkrankung ihres Ehemanns informiert und genügend Zeit und Raum für Reaktionen und Fragen gelassen.
Die Veranstaltungsreihe der ABCSG möchte mit ihrer – vom Pharmaunternehmen Pfizer unterstützten – Veranstaltungsreihe Open minds auch in Zukunft für eine Verbesserung der ärztlichen Gesprächskultur sorgen.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 20/2008

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