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Praxis 30. April 2008

Stets vor Ort: Der elektronische Pharmareferent

Werbung in der Praxis-EDV rückt immer mehr ins Visier der Industrie und damit auch der Krankenkassen. In Deutschland haben sich Ärzte und Kassen auf einheitliche Regeln geeinigt. In Österreich gehen die Ansichten weit auseinander.

Pharmahersteller sollen Ärzte bei der Verordnung von Arzneimitteln nicht mehr mit voreingestellter Praxissoftware manipulieren können. Künftig dürfen Vertragsärzte nur noch Arzneimitteldatenbanken und -software nutzen, die eine Medikamentenauswahl nach objektiven Kriterien gewährleistet. In der Vergangenheit wurden immer wieder Vorwürfe laut, dass beim Ausstellen von Rezepten am Computer Arzneimittel von Sponsoren der verwendeten Software vorausgewählt waren.

Anforderungskatalog

Die Rede ist hier von Deutschland. Dort haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Spitzenverbände der Krankenkassen nun einen Anforderungskatalog für Softwareanbieter erstellt. Ab dem 1. Juli darf in Praxen nur noch solche Software zum Einsatz kommen, die eine manipulationsfreie Verordnung von Arzneimitteln zulässt. Die Software muss von der KBV zertifiziert sein. Allerdings soll damit nicht Werbung in der Software verboten werden. Man wolle sie lediglich so transparent machen, dass sie der Arzt auch als solche erkennen könne.
Während man in Deutschland das Thema beinahe ein Jahr ausführlich diskutiert hat, findet man auf Anfrage in der Ärztekammer etwa keinen Funktionär, der sich bisher wirklich damit beschäftigt hat. Ganz anders im Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Dort war Werbung in Praxissoftware schon des Öfteren Thema. Das Problem sieht man dort nicht wie in Deutschland in gesponserter Software, sondern in Adaptionen für den elektronischen Erstattungskodex (eEKO). Der Hauptverband stellt diesen den Herstellern von Arzt-EDV quartalsweise kostenfrei im Internet zum Download und Update bereit. Als Datenschnittstelle zu der bestehenden Ordinationssoftware konzipiert, versorgt der eEKO diese nicht nur mit grundlegenden Basisinformationen zu Heilmitteln, sondern auch mit den Daten zur ökonomischen Verschreibweise. Das System soll so Ärzten eine Entscheidungshilfe bei der Auswahl von Medikamenten bieten.
Die Rechtexperten des Hauptverbands fanden aber in einzelnen Fällen EDV-Systeme, bei denen bei Eingabe bestimmter Diagnosen in die elektronische Patientenkartei in einem Pop-up-Fenster „ein Behandlungsregime vorgeschlagen wird, das in der Regel aus einem, seltener aus zwei Produkten besteht“, heißt es in einem internen Papier, das die Vorgangsweise aus Kassensicht kritisiert. Es bestehe die Gefahr, dass dadurch teurere Medikamente verschrieben würden.

Ziel: Schnelle Information

Vereinfacht funktionieren die Werbesysteme in der Arztsoftware so, dass eben bei der Suche eines Arzneimittels im eEKO von den Programmen bestimmte Produkte via Werbung vorgeschlagen werden. „Der Arzt bekommt in einem Informationsfeld des Programms bei einer Indikation eine Zusatzinformation. Das ist ein Vorschlag. Er kann aber natürlich frei wählen und diese Information auch ausblenden“, sagt Sandra Luhn, Geschäftsführerin der Marketingagentur D33. Das Unternehmen hat sich spezialisiert auf elektronische Marketingstrategien im Gesundheitswesen.
Das eigene Arzneimittelinformationssystem sei in Zusammenarbeit mit Ärztesoftwareanbietern und der Pharmaindustrie entstanden. Ziel sei es, dem Arzt schnelle Informationen über verschiedene Medikamente beim Zeitpunkt der Verschreibung zu liefern. Durch die teilweise Unüberschaubarkeit der Anbieter zu einer Indikation biete man dem Arzt in der Software die Möglichkeit, durch ein programmiertes Vorschlagswesen, entsprechende Präparate zu verschreiben. Das System werde an über 3.000 Ärzte österreichweit zusammen mit den Softwareupdates verschickt. Möchte ein Arzt diese Informationen nicht, könne er per Eingabe eines Codes, den er bei jeder Hotline unverzüglich erhalte, das System ausschalten, versichert Luhn.
Für den Hauptverband ist die Sache nicht so einfach. Im der Ärzte Woche vorliegenden Papier wird der Wert des Systems als „aus medizinischer Sicht fragwürdig“ bezeichnet, „da die Auswahl der angebotenen Therapieoptionen offensichtlich unabhängig von Anamnese und bestehender Vormedikation erscheint und damit willkürlich und nicht nachvollziehbar ist“.

Markteinstieg

Luhn und andere Anbieter sowie die Pharmaindustrie selbst wollen das so nicht stehen lassen. Die Werbeinformationen in den Ärztesoftwareprogrammen entsprächen den Werbebestimmungen gemäß § 50ff AMG im Allgemeinen und den Anforderungen der Fachwerbung gemäß § 54 AMG, argumentieren sie. Es handele sich bei der Nutzung um ein Informationstool (elektronisches Medium) und um Fachwerbung, die den Bestimmungen des AMG und des Verhaltenscodex der Branchenvereinigung Pharmig entsprechen. Auch Hannes Reichl, Geschäftsführer der zur deutschen Compugroup gehörenden Firma Systema, zu der auch die Ärztesoftwareanbieter Gruber EDV und ACP gehören, sieht das so. Er überlegt sich deshalb, nach deutschem Vorbild mit solchen Systemen in den österreichischen Markt einzusteigen. „Wir haben aber zur Sicherheit ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das die Situation genau klären soll.“

Nutzungsbedingungen

Beate Hartinger, zuständige Vize-Direktorin im Hauptverband, bestätigt im Wesentlichen die Rechtsmeinung der Anbieter, hält ihnen aber die Nutzungsbedingungen der Kassen für den von ihnen verwendeten eEKO entgegen. Dort sei klar geregelt, dass solche Systeme den Nutzungsbedingungen widersprechen würden. Diese seien aber Bedingung dafür, dass die Unternehmen überhaupt den Erstattungskodex kostenlos in ihrer Arztsoftware verwenden dürften. Die Kassen könnten damit also einer Firma recht einfach diese Erlaubnis auch wieder entziehen. Man werde die Angebote jedenfalls prüfen und behalte sich rechtliche Schritte dagegen vor, sagt die Hauptverbandsdirektorin. Hartinger gibt allerdings zu, dass dies zwar formal möglich ist, praktisch aber einige Probleme bringt. „Wir können ja nicht einfach dann einem Arzt sagen, dass er sich jetzt einen neuen Softwareanbieter suchen muss.“
Reichl kommt den Kassen hier mit einem Angebot entgegen. „Ein Ethikkodex, wie er nun in Deutschland beschlossen wurde, ist mir in Österreich nicht bekannt. Es wäre aber sicher interessant, so etwas im Einvernehmen mit den Krankenkassen zu haben.“ Für Hartinger wäre dies ein Schritt in die richtige Richtung. „Die Frage ist nur: Wie lange hält man sich dran und wie sehen die Sanktionsmechanismen aus?“

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