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Praxis 7. März 2008

I miss your cooking

Österreich hat – bezogen auf die Stellenangebote und Ausbildungsplätze – zu viele junge Mediziner. Deshalb kann Österreich junge Ärzte exportieren – beispielsweise nach England, wo die Turnusärzte kein Blut abnehmen müssen.

Dr. Patricia Convalexius absolviert die ersten Jahre ihrer Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin in England. Über ihre Erfahrungen sprach sie mit der Ärzte Woche.

Wie kamen Sie zu dem Entschluss, Ihre Ausbildung in England zu beginnen?
CONVALEXIUS: Ich hatte durch andere Studenten von dem Medizinermangel in Großbritannien gehört. Dann erfuhr ich von der Möglichkeit, sich via Internet zu bewerben. Ich hab das dann einfach ausprobiert, und eigentlich hat es ziemlich problemlos funktioniert.

Welche bürokratischen Hürden muss der österreichische Jungmediziner überwinden?
CONVALEXIUS: Es ist relativ unkompliziert. Man kann sich in der Ärztekammer über die Bewerbung informieren, auch bei der Registrierung beim General Medical Council (GMC) war die Ärztekammer hilfreich. Das GMC entspricht in etwa unserer Ärztekammer. Bei der Bewerbung für eine Arbeitsstelle im britischen National Health Service selbst kann die Ärztekammer allerdings nicht helfen, da muss man schon alleine durch. Aber das Internet informiert hier sehr gut, alle notwendigen Informationen sind auf den jeweiligen Internetseiten zu finden.

Seit wann sind Sie denn in England?
CONVALEXIUS: Ich bin seit August letzten Jahres in England, meine Arbeit hat am 1. August begonnen. Der Start war nicht leicht. Aber das ist er wohl für niemanden. Denn im Lauf des Studiums lernt man doch hauptsächlich Theorie. Wird man dann plötzlich in die Praxis gestoßen, ist man anfangs überfordert. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und lernt schnell.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen dem englischen und dem österreichischen Gesundheitssystem?
CONVALEXIUS: In Österreich wird nach meinem Eindruck größerer Wert auf Präventivmedizin gelegt. In England werden Patienten behandelt, wenn sie die Erkrankung haben. Der Wert der Prophylaxe scheint einer der Unterschiede zwischen England und Österreich zu sein.
Ein anderer Unterschied: die Nachtdienste. Während man in Österreich ein- bis zweimal pro Woche Nachtdienst hat, also vier bis acht Dienste pro Monat, ist das in Großbritannien ganz anders geregelt. Man hat hier alle drei bis vier Monate je einmal eine Woche lang durchgehend Nachtdienste ohne Tagdienste, alles auf einen Sitz. Dann kommen wieder normale Tagdienste und einige Monate später wieder eine Nachtdienstwoche.

Welche Unterschiede zwischen britischen und österreichischen Kliniken stechen denn auf den ersten Blick ins Auge?
CONVALEXIUS: Aus der Sicht einer jungen Medizinerin natürlich das Blutabnehmen. Hier in England gibt es sogenannte „Phlebotomists“, deren erste und einzige Aufgabe es ist, Blut abzunehmen. Darauf sind die spezialisiert. In Österreich nehmen ja hauptsächlich Turnusärzte Blut ab, was viel Zeit in Anspruch nimmt und mit der ursprünglichen ärztlichen Tätigkeit nur beschränkt zu tun hat. Österreich gehört zu den wenigen Ländern, wo Ärzte in Ausbildung praktisch sämtliche Blutabnahmen machen müssen.

Wie gestalten sich die Arbeitszeiten?
CONVALEXIUS: In Großbritannien beginnt der Dienst um acht oder neun Uhr, etwas früher auf chirurgischen Stationen. Die Arbeitszeit dauert bis siebzehn Uhr. Die Nachtdienste beginnen um 21 Uhr. Zwischen 17 und 21 Uhr ist man „on call“, das ist sozusagen ein Bereitschaftsdienst. Die Bereitschaft gliedert sich wiederum in Ärzte, die für die Stationen zuständig sind, und Ärzte, welche etwaige Aufnahmen erledigen. Im Nachtdienst gibt es dann nur einen jungen Arzt, der, unterstützt von den immer hilfsbereiten Senior House Officers, zuständig für Aufnahmen sowie Stationsarbeit ist. Der Umgangston der Ärzte untereinander ist von Respekt, Freundlichkeit und Höflichkeit geprägt. Da wird niemand angeschrien. Kritik wird klar und deutlich geäußert, Fehler werden aufgezeigt, aber ausfallend und unfreundlich wird man nicht.
Die Solidarität der älteren Ärzte mit den jungen ist unterschiedlich ausgeprägt: manche ältere Ärzte stehen auch bei Fehlern zu hundert Prozent hinter den jungen Kollegen, andere sind eher zurückhaltend. Die meisten unterstützen den Nachwuchs jedoch nach Kräften.
Das Verhältnis zwischen Pflegern und Ärzten würde ich ebenso als recht gut beschreiben. Hierarchien sind ja immer heikel: Wenn beispielsweise eine junge, gänzlich unerfahrene Ärztin einer lang gedienten Krankenschwester per „orders“ etwas anschafft, ist das wohl für alle Beteiligten ein komisches Gefühl.

Wie viele Stunden Arbeitszeit sind das dann tatsächlich?
CONVALEXIUS: Die Arbeitszeiten sind Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, also eine 40-Stunden-Woche. Einmal pro Woche ist wie erwähnt Bereitschaft zwischen 17 und 21 Uhr. Als Ausgleich für die beiden Bereitschaftsdienste hat man dann alle zwei Wochen einen Tag frei. Diese Regelung wird meist auch eingehalten.

Ist es möglich, in England eine Facharztstelle zu bekommen?
CONVALEXIUS: Facharztausbildungsstellen sind schwer zu bekommen. Nach dem ersten und zweiten Foundation Year bewirbt man sich für die weitergehende Ausbildung bis zur Facharztausbildung. Für Ausländer dürfte es aber sehr schwer sein, eine solche Stelle zu bekommen. Ich mache jetzt das Foundation Year One und Two, welche ich mir als Teil des Turnus anrechnen lassen kann. Interne und Chirurgie beispielsweise werden angerechnet. Die Ärztekammer muss das evaluieren. Um Arzt für Allgemeinmedizin zu werden, kann ich entweder in England den „General Practicioner“ machen, der in Österreich nach EU-Regelung als praktischer Arzt angerechnet wird, oder ich hänge in Österreich noch ein Jahr an und werde Allgemeinmediziner.

Sind Sie mit Ihrer Entscheidung, nach Großbritannien zu gehen, zufrieden? Würden Sie Kollegen Ähnliches empfehlen?
CONVALEXIUS: Ich bin mit meiner Entscheidung zufrieden. Die Ausbildung ist sehr gut, man ist sehr bemüht, den jungen Ärzten etwas beizubringen. Familie und Freunde zurückzulassen ist natürlich schwierig. Vom Beruflichen her ist es jedoch sicher ein guter Anfang, eine gute Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln.
Ein Kurs „Medical English“ ist jedenfalls anzuraten. Famulaturen in angelsächsischen Ländern sind auch sehr empfehlenswert! Dann kennt man das System und die Routine des dortigen Krankenhausalltags. Ich beispielsweise habe 2006 in London famuliert und erste Erfahrungen gesammelt.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 11/2008

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