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Praxis 21. Februar 2008

Erkennen und vermeiden

In Spitälern wie jenen des Wiener Krankenanstaltenverbundes werden derzeit viele Akzente zum Umgang mit Fehlern gesetzt. Einiges davon ist auch in Ordinationen sinnvoll und machbar.

„Die Grundbedingungen in einer Spitalsabteilung und in einer Ordination sehen sehr unterschiedlich aus: Der niedergelassene Arzt hat ein sehr kleines Team, das in seiner Zusammensetzung oft über sehr lange Zeiträume gleich bleibt. In einem Spital wechseln die handelnden Personen auch unter einer ‚normalen‘ Woche sehr häufig“, analysiert der steirische Allgemeinmediziner Dr. Reinhold Glehr, der sich sowohl in seinem Bundesland als auch auf Ebene der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin intensiv mit dem Thema Qualitätsmanagement auseinandersetzt.
„In einer Ordination gibt es also eine sehr enge kontinuierliche Zusammenarbeit. Und in dieser können Fehler bei Diagnose, Behandlung sowie im allgemeinen Umgang mit Patienten oder auch Beinahe-Fehler sehr unmittelbar angesprochen und analysiert werden.“ Diese ständige Nähe ist, so ergänzt Glehr, eine Chance, sie birgt aber auch Gefahren: Einerseits ist Routine etwas, das Sicherheit gibt, andrerseits kann sie Schwächen im System auch lange Zeit kaschieren. „Probleme können zudem schnell auf eine persönliche Ebene kommen, wo es um sensible Bereiche wie gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung geht.“ Gleichzeitig können diese Werte auch Säulen eines guten Fehlermanagements sein.

Mut und Vertrauen als Grundvoraussetzung

„Es ist sicher sinnvoll, sich im Ordinationsteam ein System zur Aufzeichnung von Fehlern zu überlegen.“ Besonders wichtig ist für Glehr die Förderung einer Kultur, „in der es möglich ist, Fehler anzusprechen, dazu gehören eben auch ein gewisser Mut und ein gegenseitiges Vertrauen.“ Vor allem wenn Fehler in verschiedenen Abstufungen öfter auftreten, sei es wichtig, gemeinsam Praxisabläufe zu analysieren, dabei gehe es nicht darum, jemandem die „Schuld“ für ein Problem zu geben, sondern vielmehr darum, sich gemeinsam für optimale Abläufe einzusetzen.
Neben der Förderung einer Fehlerkultur im Ordinationsteam hat für Glehr besonders die Arbeit im Qualitätszirkel eine große Bedeutung im niedergelassenen Bereich: „Dort kann sowohl der fachliche Austausch erfolgen als auch über Probleme und Fehler im Praxisalltag gesprochen werden.“
Sehr wichtig sei die Außensicht von Kollegen, die in ähnlichen Situationen sind, aber eben doch kein Teil des konkreten Systems sind.

Jeder Fehler zählt

Glehr empfiehlt außerdem, die Plattform Jeder Fehler zählt (www.jeder-fehler-zaehlt.de) zu nutzen – deren Motto ist: „Man muss nicht jeden Fehler selber machen, um daraus zu lernen“. „Es wird eine Sensibilität dafür gefördert, was genau ein ‚Fehler‘ in einer niedergelassenen Praxis ist, und außerdem, wie ähnliche Vorfälle vermieden werden können.“ In der Plattform ist es auch möglich, anonym den Rat von Kollegen einzuholen.
Das Schlagwort „Evidence-based“ ist in aller Munde: „… und es ist sicher so, dass es keinen Weg mehr zurück gibt aus dem Ansatz sich sehr systematisch die Wirkungsnachweise von Diagnostik, Medikamente und Therapien anzusehen und daraus Standards zu entwickeln.“
Dieser Weg hat für Glehr auch sehr viel mit dem Themenfeld Fehlermanagement zu tun, „eben weil es ebenso um die Qualität der Arbeit als Arzt, als Ordinationsteam geht.“

Leitlinien oft schon bald wieder obsolet

Bei den über lange Jahre eingeforderten Leitlinien für ärztliches Handeln scheint aus Glehrs Sicht eine gewisse Ruhe und Ernüchterung eingekehrt zu sein: „Bei den großen nationalen Leitlinien, wie sie in Deutschland für den Umgang mit Diabetes, Hypertonie oder Asthma mit großen Aufwand entwickelt wurden, waren nur einige Monate später schon wieder wichtige Teile obsolet, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse aufgetaucht sind. Hier haben sich halbjährlich aufgefrischte Handlungsempfehlungen, wie sie in den EBM-Guidelines vorliegen, für die Allgemeinmedizin als praktikabler erwiesen.“

In der nächsten Ärzte Woche:
Kleiner Fehler-Knigge

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 7/2008

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