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Praxis 26. Juni 2008

eHealth 2008 in Wien

Jüngst hat der Deutsche Ärztetag zum zweiten Mal die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) mit großer Mehrheit abgelehnt bzw. an Bedingungen geknüpft, die den Vorstellungen der Politik und der Betreiber diametral zuwiderlaufen. Die deutsche eGK entspricht in ihrer Zielsetzung in etwa der in Österreich geplanten elektronischen Gesundheitsakte (ELGA). Zu den Hauptgründen für die ablehnende Haltung der deutschen Ärzteschaft gehören neben der beängstigenden Gigantomanie des Projekts die vorgesehenen zentralen Server zur Speicherung der Gesundheitsdaten sowie die fehlende Freiwilligkeit der Teilnahme von Patient und Arzt. Auch die zunehmenden Befürchtungen über den „gläsernen Menschen“, Bespitzelung am Arbeitsplatz und beim Telefonieren, Vorratsdatenspeicherung, Missbrauch von Kreditkartendaten, Mautdaten, Paybackdaten usw. spielten bei der Ablehnung eine Rolle. Der Überwachungsstaat steht mit im Raum.
Ende Mai war ich zu Gast auf der österreichischen eHealth-Tagung in Wien. Ich hatte mir für meinen Vortrag den Titel „eHealth oder Health?“ ausgedacht. Ich wollte der versammelten technischen Elektronik-Intelligenz Österreichs gerne etwas von den eigentlichen Aufgaben der Humanmedizin berichten. Dabei kam es mir darauf an, keinerlei Technikfeindlichkeit aufkommen zu lassen. Meine chirurgische Praxis in der Frankfurter Innenstadt ist nun schon seit fast 20 Jahren elektronisch immer auf dem neuesten Stand, zuletzt durch die Anschaffung eines digitalen Röntgensystems.
Aber: Schon der Begriff „e-Health“ machte mich nachdenklich. Health heißt Gesundheit, und wer sich wirklich mit Gesundheit auseinandersetzen will, kommt vom utopischen Gesundheitsbegriff der WHO (völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden) unweigerlich zu philosophischen Fragestellungen des Menschenbildes, zum Paradigma der Humanmedizin, wird sich mit dem radikalen Konstruktivismus beschäftigen müssen, wird die „verborgene Gesundheit“ von Gadamer kennenlernen, wird auf jeden Fall damit konfrontiert, dass zentrale Fragen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens angesprochen sind.
Aber was ist „eHealth“? Es ist ein Begriff aus der Technik, aus der elektronischen Informations- und Kommunikationstechnik. Technische Systeme sind grundsätzlich zweigliedrig, sie arbeiten nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Auf eine Ursache folgt eine Wirkung, auf die gleiche Ursache folgt immer die gleiche Wirkung. Das ist das allgemein gültige Grundprinzip der Technik, der „trivialen Maschinen“. Lebewesen lassen sich so nicht verstehen. Lebende Systeme sind nur gemeinsam mit der Welt und Umwelt verstehbar, in der sie leben und überleben. Lebende Systeme sind in ihrem Kern dreigliedrig, sie sind „nicht trivial“.
Zwischen Ursache und Wirkung findet immer der Vorgang der Bedeutungserteilung statt. Zwar folgt auch hier auf eine Ursache eine Wirkung, jedoch folgt auf immer die gleiche Ursache immer eine andere Wirkung, je nach Zustand des Lebewesens und je nach Zustand der Einheit, die dieses einzigartige, individuelle Lebewesen gerade mit seiner Umwelt einnimmt, ehe es zu einer einmaligen und nicht wiederholbaren Wirkung kommt. Das ist das individuelle Grundprinzip des Lebens.
Die Konflikte zwischen Elektronik und Humanmedizin resultieren daraus, dass ein zweigliedriges, technisches System in ein dreigliedriges, lebendiges System einbricht und sich zur normativen Kraft entwickelt, wobei das individuelle Prinzip des Heilens, der Arzt-Patient-Beziehung, unter die Räder kommt. Betrachtet man die Entwicklung der elektronischen Technik in den letzten Jahrzehnten, so kann man den entscheidenden Bruch an der Stelle lokalisieren, wo die Elektronik und die Digitalisierung nicht mehr zur Hilfe für die heilenden Berufe und ihre Patienten angewandt wird, sondern sich zu einem eigenständigen und normativen Konzept aufschwingt, dem sich die Humanmedizin unterzuordnen hat. Dieser entscheidende Bruch findet in dem Moment statt, wo segensreiche Offline-Anwendungen (Beispiel: digitales Röntgen) zu erzwungenen Online-Anbindungen übergehen (Beispiel: ELGA).
Das Ganze findet nicht im luftleeren Raum, sondern im Kontext statt. In der Humanmedizin ist das ein Paradigmenwechsel, ein Zerstörungsprozess: Es entsteht eine Gesundheitsindustrie nach amerikanischem Vorbild. Unsere Gesellschaft benutzt nicht länger ihren Reichtum, um für die Gesundheit ihrer Mitglieder zu sorgen, sondern wandelt das Gesundheitswesen in eine neue Quelle von Reichtum um. Zu diesem Zweck werden technisch-organisatorische Hilfsmittel benötigt. Dazu gehört zum Beispiel der ICD (International Classification of Diseases), der Ärzte seit jetzt über zehn Jahren zwingt, ihre Diagnosen so lange umzuformulieren, bis sie zu einer 5-stelligen ICD-Ziffer passen.
Qualitätsmanagement rollt über Krankenhäuser und Praxen hinweg, ein Verfahren aus der Automobilindustrie zur Überprüfung und Optimierung der Fertigungsprozesse von Werkstücken. Dazu kommen Disease-Management-Programme, bei denen nicht mehr der Kranke Gegenstand der Heilkunst ist, sondern die Krankheit (Diagnose) Gegenstand eines Programms. Mit der Einführung der DRGs (Diagnosis Related Groups) in den Krankenhäusern geschieht das gleiche. Außerdem wird gelogen und betrogen, um noch eine und noch eine zusätzliche Erkrankung chiffrieren zu können, damit das Krankenhaus ausreichende Einnahmen hat. Was haben ICD, DMP und DRG mit eHealth zu tun? Sie alle sind Bauteile der Zerstörung der Humanmedizin. All diese Bauteile sind ja nicht in der Hand von Ärzten. Sie sind in der Hand von Politikern und Konzernen, die das Ziel haben, im Gesundheitswesen Markt und Konkurrenz, Privatisierung und Profitorientierung durchzusetzen. Das aktuellste und gefährlichste Teilstück dieses Zerstörungsprozesses ist und bleibt die elektronische „Gesundheits“-karte, die mit Gesundheit gar nichts zu tun hat.
Fazit: Ein wenige Jahre altes technisches System schwingt sich mit Unterstützung von Politik auf allen Ebenen, bis hin zur EU und WHO, und im Interesse einer großen Industrie dazu auf, die jahrtausendealte Heilkunst in den Griff zu bekommen und zu steuern. Kein Arzt wird dadurch besser arbeiten können. Kein Patient wird dadurch gesünder oder länger leben. Aber es können Milliarden damit verdient werden.
eHealth könnte ein Segen sein und bleiben: in der Hand von Ärzten, deren Informationspool vergrößert und deren professionelle Kommunikationsmöglichkeiten verbessert werden. eHealth wird sich zu einem destruktiven Konzept entwickeln, weil es Daten mit Information verwechselt, weil es Information mit Kommunikation verwechselt, weil es die ärztliche Schweigepflicht mit Füßen tritt und die individuelle, ja intime Arzt-Patient-Beziehung durch Online-realtime-Steuerungen ersetzt.

Dr. med. Bernd Hontschik

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