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Praxis 13. Juni 2008

Gute Führung

Können Spitäler so gemanagt werden wie Industriebetriebe? Und können die gleichen Maßstäbe angelegt werden, oder ist ein Krankenhaus grundsätzlich anders zu leiten? Die Vinzenz Gruppe hat am 28. Mai zur Diskussion zum Thema Maßstab Qualität und Effizienz: Wie gut werden Österreichs Krankenhäuser geführt? in den Wiener Zigarrenclub eingeladen. Dabei wurde trotz unterschiedlicher Ansichten eher sanft debattiert.

Die Trennung zwischen stationärem und ambulantem Bereich sei eines der Hauptprobleme des österreichischen Gesundheitswesens. Darin waren sich die versammelten Diskutanten an dem warmen Mai-Abend einig. Prof. Dr. Bernhard Felderer, Direktor des Instituts für Höhere Studien, forderte, dass diese strikte Trennung fallen müsse. Außerdem äußerte er seine Überzeugung, dass eine Finanzierung aus einer Hand nötig sei: „Am besten beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger.“ 44 Prozent aller Ausgaben gingen zurzeit in den stationären Bereich, das sei sehr viel, so Felderer. „In Schweden liegt der Kostenanteil bei 31 Prozent.“ Zur Erreichung von Qualitäts- und Effizienzzielen im österreichischen Gesundheitswesen wären eben politische Grundsatzentscheidungen nötig, die konsequent umgesetzt werden müssten.

Öffentliche Berichte

„Der Patient hat ein Anrecht auf Effizienz und Qualität“, sagte der Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe (einem gemeinnützigen Spitalsträger, dem sieben Spitäler angehören), Dr. Michael Heinisch, „denn er vertraut uns sein Leben an“. Aber dieser könne gar nicht einschätzen, ob es im Gesundheitssystem effizient zugeht, weil es zu intransparent sei. Qualitätsmanagementsysteme könnten die nötige Transparenz schaffen. Heinischs Rezept: „Man muss sie vom Gesetz her verlangen.“ Die Vinzenz Gruppe erarbeite freiwillig alle zwei Jahre einen Qualitätsbericht. Damit könnten Einsparungspotenziale ausgemacht und lukriert werden. Als Beispiel nannte er ein Kooperationsprojekt in Linz. Durch Abteilungsschließungen und Leistungsaustausch zwischen den Häusern konnten fünf Millionen Euro eingespart werden – bei steigender Expertise.
„Qualität wird es nicht zum Nulltarif geben“, warnte Doz. Dr. Robert Hawliczek, Radioonkologe im Donauspital Wien und Primarärztevertreter in der Österreichischen Ärztekammer, und fragte: „Welche Qualität meinen wir, und welche Wirtschaftlichkeit?“ Derzeit würden Turnusärzte, so der Mediziner, als Billigarbeitskräfte für administrative Tätigkeiten genutzt, statt auf Stationssekretärinnen zurückzugreifen. Hawliczek außerdem: „Das Modell der kollegialen Führung stört die Teambildung. Was wir brauchen, sind Schwerpunkte mit hochprofessionellen interdisziplinären Teams.“ Zur Entlastung der Spitäler und Spitalsambulanzen sowie der Gesundheitsbudgets forderte Hawliczek eine effektive „Gatekeeper“-Funktion mit Schwerpunkt bei den Hausärzten. „Aber derzeit wird der niedergelassene Bereich eher ausgedünnt als aufgewertet“, kritisierte Hawliczek.

Qualität messen

Die Abläufe in den Krankenhäusern wären manchmal ineffizient und diese Qualitätsmängel verursachten Kosten – etwa durch Fehlmedikationen, urteilte die Direktorin von Siemens Österreich, Mag. Brigitte Ederer. Es brauche eben nachvollziehbare Kriterien: „Qualität hat etwas mit Messen zu tun. Ich verstehe die Widerstände, ich möchte auch nicht gern gemessen werden. Wir in der Industrie haben schon die 200. Reform hinter uns – das Gesundheitssystem beginnt erst damit.“

Elisabeth Tschachler-Roth


Kommentar

Angst vor der Qualität?

 Georg Smolek

Wer möchte nicht von seinen Dienstleistungen bzw. Produkten sagen können, sie haben Qualität? Und trotzdem konnte man als Zuhörer bei der Diskussionsrunde Maßstab Qualität und Effizienz: Wie gut werden Österreichs Krankenhäuser geführt? den Eindruck gewinnen, dass hier jemand Angst vor Qualität hat. Angst, dass Qualität Transparenz nach sich zieht. Angst, dass Qualität Nachvollziehbarkeit bedeutet. Vielleicht auch Angst, dass es Standards gibt, an die man sich dann auch halten muss.
Aber genau darum geht es. Qualität eines Systems (wie z. B. ein Krankenhaus) braucht eben auch Standards und Regeln. Nur daraus können Dienstleistungen entstehen, die ihrerseits wieder Qualität haben.
Was heißt eigentlich Qualität? Vom Wortsinn her bedeutet Qualität die Beschaffenheit eines Produkts oder einer Dienstleistung – und ist damit ein neutraler Begriff. Erst durch eine Bewertung (gute Qualität – schlechte Qualität) wird daraus etwas Positives oder Negatives. Und diese Bewertung trifft der Kunde (auch Patienten sind in diesem Sinn Kunden, auch wenn das von so manchem leider anders gesehen wird).
Auch die Frage, ob Qualität Geld kostet, ist eindeutig beantwortbar: Ja, sie kostet Geld. Aber Nicht-Qualität kostet noch viel mehr Geld. Unternehmungen führen Qualitätsmanagementsysteme ein, um unter anderem auch Kosten zu senken. Denn Unternehmer, die Qualitätsmanagement-Methoden einsetzen, sind sicher nicht die Feinde der eigenen Gewinnmaximierung. Vielleicht könnte da eine Gruppe von den Erfolgen einer anderen Gruppe etwas lernen? Im Sinne einer Lernenden Organisation, wozu die Gesundheitseinrichtungen zweifelsohne zu zählen sind, wäre das ein ganz wichtiger Schritt.

Georg Smolek ist Lead Assessor und Lead Auditor für Qualitätsmanagementsysteme mit Schwerpunkt im Gesundheits-, Bildungs- und IT-Sektor, Lektor an Fachhochschulstudiengängen für Qualitätsmanagementsysteme und selbstständiger Unternehmensberater.

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