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Praxis 13. Juni 2008

Die Datenkrake will an unsere Krankendaten

Für die meisten ist Google eine Suchmaschine. Die wenigsten wissen, wie der US-Konzern wirklich sein Geld verdient: dass ein ausgetüfteltes Werbeanzeigen-System für Milliarden-Gewinne sorgt – passend zur Suchanfrage werden entsprechende Wortanzeigen eingeblendet; dass die Daten von weltweit hunderten Millionen Internet-Nutzern gesammelt werden – jede Suchanfrage bleibt über 18 Monate gespeichert; dass Google an Projekten und Unternehmen beteiligt ist, die mit Suche eigentlich gar nichts zu tun haben, vom Unterseekabel bis zum Gesundheitsportal.
Google hat kürzlich Google Health vorgestellt, in dem Internet-Nutzer (vorerst in den USA) ihre Gesundheitsdaten bzw. ihre Krankengeschichte speichern können, damit der behandelnde Arzt jederzeit Zugriff etwa auf Blutwerte oder Röntgenbilder hat. Abgesehen davon, dass ich aus Prinzip keinem US-Konzern meine Gesundheitsgeschichte in die Hände spielen würde – unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung sind US-Behörden gierig nach jeder Information, mit der (theoretisch) potenzielle Terroristen ausgeforscht werden können – halte ich es für bedenklich, wenn daran ein Werbesystem angeschlossen werden soll. Zum Blutbefund die passende Werbeanzeige, ob für Blutfett-Senker, Abnehm-Pillen oder Krankenversicherung – vielleicht sogar Lebensversicherung? Jetzt werden die „Das-ist-polemisch“-Sager aufschreien. Google denkt ernsthaft daran, das bewährte Wortanzeigen-Programm auch in Google Health zu integrieren. Problem der Google-Aktionen ist, dass sie vom Gros der vor allem jungen Internet-Nutzer als ungefährlich, ja sogar „urcool“ gesehen werden. „Ein schneller globaler Zugriff auf diese Daten kann viele Menschenleben retten!“, kommentierte kürzlich ein Leser meines Googlefalle-Blogs. Er bezeichnete diese Szenarien als Angstmache und mich als Paranoiker.
Warum investiert der Suchgigant in Genforschungs-Unternehmen wie das Personal Genome Project der Harvard-Universität oder in das kalifornische Gen-Analyse-StartUp 23andMe? Letzteres bietet für 700 Euro Gentests via Internet an, die Ergebnisse werden dann auf ein Portal gestellt, damit man sie mit jenen von anderen Web-Nutzern vergleichen und Fragen wie diese beantworten kann: „Wie viele Prozent meines Erbguts stimmen genetisch mit dem meines besten Freunds überein?“ „Wie groß sind die DNA-Parallelen mit einem Star?“ „Wer im Web hat noch ein Krankheitsbild, das dem meinen entspricht?“ Kürzlich hat eine der beiden 23andMe-Direktorinnen als Ziel angegeben, dass sich Menschen über ihren genetischen Code kennen lernen, weil dieser in Profilen auf ihren Webseiten oder auf den Portalen der sozialen Netzwerke wie FaceBook oder MySpace integriert ist. DNA-Googeln sozusagen. Bevor man eine Verbindung eingeht, schaut man bei Google-DNA nach, wie es mit dem Erbgut des potenziellen Partners aussieht, ob sich eine Verabredung lohnt. In zwischenmenschlichen Beziehungen könnten plötzlich Fragen nach solchen Profilen eine Rolle spielen. Nicht nur hier, sondern auch im beruflichen Alltag, wenn der Firmenchef eine DNA-Probe fordert. Wenn die Gen-Analyse nicht mehr 700, sondern nur noch 70 oder gar 7 Euro kostet, wird sie salonfähig gemacht. Und dann wächst der gesellschaftliche Druck und die Gefahr, dass auch unbefugte Dritte Zugang zu solchen Informationen haben wollen.

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