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Rheumatologe Ludwig Erlacher
 
Pharma 2. Mai 2011

Rheuma: Chronisch krank statt dauerhaft behindert?

Begonnen hatte alles am 5. September des Vorjahres: da konnte der 17-fache heimische Segel-Staatsmeister und mehrfache Olympiateilnehmer, Hans Spitzauer plötzlich nicht mehr so, wie er wollte. Was mit furchtbaren Kreuzschmerzen begann, setzte sich fort mit geschwollenen Füßen und Fingern.

Frühe Behandlung

Als trauriger Höhepunkt war Spitzauer schließlich körperlich völlig am Ende: "Ich habe von meiner Wohnung für drei Stockwerke 20 Minuten gebraucht, dann war ich Schweiß gebadet", berichtet Spitzauer. Ende September suchte er auf Anraten seines Homöopathen schließlich den Rheumatologen Ludwig Erlacher auf. "Sofort war klar, dass es sich um eine entzündliche rheumatische Gelenkserkrankung handelt", so die Diagnose.  Sieben Monate später steht Spitzauer wieder voll im Training für sein nächstes großes Ziel – Olympiade 2012 in London.

Rheuma
Foto: Roche

Rheumatische Erkrankungen können bei frühzeitiger Behandlung langfristig erfolgreich bekämpft werden. Im besten Fall, bei rund 8 Prozent der Patienten, ist sogar eine vollständige Heilung möglich.

Dies ist das Fazit einer Podiumsdiskussion im Rahmen des "Roche Health Talks" bei der Gesellschaft der Ärzte in Wien.  Rheumathoide Arthritis (RA) bzw. chronische Polyarthritis (cP) ist die häufigste Form der entzündlichen rheumatischen Gelenkserkrankung. Weltweit sind davon 0,4 bis 2 Prozent der Bevölkerung betroffen. In Österreich leiden zwischen 50.000-80.000 Menschen aller Altersgruppen daran.  

Ökonomische Folgen

Neben dem menschlichen Leid führen rheumatische Erkrankungen auch zu hohen sozialpolitischen Auswirkungen: "Laut WHO werden mehr als 50 Prozent der Betroffenen im Laufe der Zeit berufsunfähig , davon viele 35-45-Jährige und es kommt häufig zu Frühpensionierungen", berichtet Gesundheitsökonom Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schwarz Public Health-Zentrum der Medizinischen Universität Wien.  

Damit verbunden entstehen hohe direkte und indirekte Kosten: "Aus Deutschland wissen wir, dass ein Rheumapatient 4.000-5000 Euro an direkte Kosten und durchschnittlich 13.000 Euro indirekte Kosten verursacht.  Die Therapie in Österreich wird je nach Ausmaß der Erkrankung mit 200 bis zu 15.000 Euro im Jahr veranschlagt", rechnet Schwarz vor.

Therapeutische Maßnahmen 

"Da Symptome oft bagatellisiert oder nicht früh genug erkannt werden, kommen viele Betroffene zu spät in rheumatologische Behandlung", berichtet Prim. Univ. Doz. Dr. Ludwig Erlacher, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung des SMZ-Süd mit Schwerpunkt Rheumatologie, Osteologie und Akutgeriatrie. Um das "Window of Opportunity" zu nutzen, sollte die medikamentöse Therapie innerhalb der ersten drei Krankheitsmonate beginnen. Hauptziel der Behandlung ist die  Remission – der beschwerdefreie Zustand, in dem die Gelenkszerstörung nicht fortschreitet. Wesentliche Teile der Behandlung sind:

  • Medikamentöse Therapie: Dazu gehören Schmerzmittel, cortisonfreie Entzündungshemmer, Cortison, Antirheumatika und krankheitskontrollierende Medikamente. Durch Biologika ist in der medikamentösen Therapie der Durchbruch gelungen. Diese biotechnologisch hergestellten Arzneimittel greifen direkt in den immunologischen Ablauf der Entzündung ein. Zu unterscheiden sind zell- und zytokingerichtete Therapien.
  • Physiotherapie: Sie hilft Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und Fehlstellungen zu korrigieren. Wichtig sind Ausdauertraining, Bewegungstherapie und Krankgengymnastik.
  • Ergotherapie: Neben Übungen wie Gelenkschutztraining kommen Hilfsmittel wie Scheren, die sich selbst wieder öffnen; „Knöpfler“ zum leichteren Schließen von Knöpfen zur Anwendung.
  • Operative Therapie: Manchmal sind die Gelenke dermaßen beschädigt, dass ein Gelenks-Ersatz oder Korrekturoperationen notwendig werden.

Spitzauer (c)Alfred Pelinka
Foto: Alfred Pelinka

Der 17-fache heimische Segel-Staatsmeister und mehrfache Olympiateilnehmer Hans Spitzauer kann trotz Rheumaerkrankung als Sportler aktiv sein.

Prominenter Leidensweg

Zwar benötigt der Spitzensportler Hans Spitzauer regelmäßige Kontrolltermine und ein Mal im Monat den Arzneistoff Golimumab, doch langfristig ist mit einem völligen Aussetzen der medikamentösen Behandlung zu rechnen. "Gott sei Dank bin ich rasch richtig diagnostiziert und therapiert worden. Wenn ich das Bewusstsein für die Erkrankung heben und somit anderen Betroffenen helfen kann, dann ist das wichtig. Das mach ich gern", so der heimische Segelprofi Spitzauer abschließend.

Ursachen rheumatischer Erkrankungen 

Eine genaue Ursache von rheumatoider Arthritis ist nicht bekannt. Vermutet wird, dass eine ererbte Veranlagung gemeinsam mit äußeren Faktoren zu einer Fehlregulation des Immunsystems und einer Autoimunreaktion führt – bedingt durch so genannte autoreaktive B- oder T-Zellen. Autoreaktive B-Zellen können Auto-Antikörper wie den Rheumafaktor produzieren und entzündungsauslösende und- verstärkte Botenstoffe (Zytokine) freisetzen. Zytokine haben zentrale Bedeutung für die Erkrankung: Interleukin-6 (IL-6) spielt eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen– es ist das am häufigsten vorhandene Zytokin in der Gelenksinnenhaut von entzündeten Gelenken und ist bei RA-Patienten wesentlich an der entzündlichen Gelenkstörung beteiligt. Auch Interleukin-1 (IL-1) und TNF-alpha (Tumor-Nekrose Faktor alpha) tragen maßgeblich zu Entzündungsprozessen bei.

Michael Strausz, rheuma plus 2/2011

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