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Fotos (2):  Nanut/Regal
Moulage einer Psoriasis. Der Aspekt der Ausgrenzung und Angst vor dem an Schuppenflechte Erkrankten zieht sich tatsächlich vom Altertum bis in unsere, vermeintlich aufgeklärte Zeit.
 
HOME 9. Jänner 2009

„Weiß wie Schnee“

Psoriasis – lange bekannt und ebenso lange verkannt.

Die Psoriasis zählt zwar zu den am längsten bekannten Hautkrankheiten des Menschen, wurde aber über Jahrtausende mit Krätze, Ausschlag und tragischerweise auch Lepra in denselben dermatologischen Topf geworfen. Nicht sehr verwunderlich, leitet sich doch die Bezeichnung „Psoriasis“ vom griechischen Wort „psóra“ ab, das so viel wie „Kratzen“, „Krätze“ oder „Räude“ bedeutet.

 

Erst Ferdinand Ritter von Hebra (1816–1880) – der österreichische Begründer der Dermatologie im deutschen Sprachraum – beschrieb 1841 die Psoriasis als eigenständiges Krankheitsbild und grenzte sie von anderen Hauterkrankungen ab. Den Begriff selbst verwendete vermutlich Galen (129–199 n. Chr.) erstmals für ein Ekzem, das beinahe mit Sicherheit keine Psoriasis im heutigen Sinn war.

Aber noch 1809 wurde in Lehrbüchern die „Psora leprosa“ und die „Lepra graecorum“ zwar genau beschrieben, aber gemeinsam mit der gefürchteten Lepra im Kapitel „schuppende Hautkrankheiten“ abgehandelt – erst Hebra bewies, dass es sich hier um verschiedene Erscheinungsformen der Psoriasis handelte. Das war über lange Zeit nicht ganz ungefährlich für Psoriatiker. Im Mittelalter wurden ja „unreine“ Leprakranke aus Angst vor Ansteckung aus der Gesellschaft ausgestoßen. Hatten sie „Glück“, durften sie nach frommen Gebeten und einer Totenmesse ziehen, hatten sie „Pech“, landeten sie am Scheiterhaufen.

Die Ursache der Psoriasis ist – abgesehen davon, dass ein vererbbarer genetischer Defekt als bewiesen gilt – trotz des enorm angewachsenen Wissens bis heute weitgehend unerforscht.

Als Pioniere der Psoriasisforschung sind neben Hebra auch der in Berlin gegen Ende des 19. Jahrhunderts praktizierende Dermatologe Heinrich Köbner (1838–1904) und Heinrich Auspitz (1835–1886), Professor für Dermatologie in Wien, zu nennen. Köbner beschrieb 1877 die Entstehung psoriatischer Herde nach mechanischer Reizung wie Verletzungen, Tätowierungen, Kratzspu-ren und Bisswunden. Das nach ihm benannte Köbner-Phänomen gilt als Beweis, dass bei der Psoriasis nicht nur einzelne Stellen, sondern die gesamte Haut erkrankt ist.

Auspitz, ein Schüler Hebras, wieder beschrieb als wichtiges Erkennungszeichen der Psoriasis den kleinen Blutstropfen, der entsteht, wenn die silbrigen Hautschuppen ent- fernt werden. Nach seinem Entde-cker wird dieses wichtige diagnostische Merkmal „Auspitz-Zeichen“ genannt. Durch Hebra, Köbner und Ausspitz war die Schuppenflechte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Diagnostik mehr oder weniger eindeutig erfasst. Ihre Ursache ist, abgesehen davon, dass ein vererbbarer genetischer Defekt als bewiesen gilt, trotz des enorm angewachsenen Wissens bis heute weitgehend unerforscht.

Bis heute nur Linderung möglich

Auch mit den modernsten Therapien und Medikamenten, Kortison, Immunsuppressiva, TNF-alpha-Antagonisten und den neuesten Bade- und Lichttherapien ist letzt-lich nur eine Linderung der Erkrankung, aber keine Heilung möglich. Jedoch, eine gewisse Weiterentwicklung ist sehr wohl seit dem Mittelalter mit seinen oft obskuren pflanzlichen, tierischen und mineralischen Arzneimitteln und Rezepturen – wie etwa Brennnessel, Geierfett, Frösche, Krebse, Mäusekot, Schlangen, Seepferdchen, Kupfer, Meerschaum, Schwefel – und den im 19. und 20. Jahrhundert en voguen quecksilber- und arsenhaltigen Medikamenten, Salizylsäure-, Harnstoff-, Steinkohlenteersalben und „künstlichen Sonnen“ zu beobachten.

Schon Hippokrates (460–370 v. Chr.) und Galen beschrieben schuppende und juckende Hautkrankheiten. Ob es sich hier tatsächlich um Psoriasis oder andere Formen von Ekzemen handelte, ist naturgemäß schwer zu entscheiden. Recht sicher dagegen sind sich Medizinhistoriker über eine Erwähnung der Schuppenflechte im Alten Testament. Hier wird der Diener des Propheten Elisa, Gehazi, für seine Habgier mit einer schrecklichen Krankheit bestraft. Als „Leprakranke, weiß wie Schnee“ müssen sich er und seine Nachkommen für ewig als Aussätzige durchs Leben schlagen.

Wegen der Beschreibung „weiß wie Schnee“ und der Übertragung der Strafe auf alle Nachkommen – Erblichkeit – sind Medizinhistoriker heute fast sicher, dass es sich bei der alttestamentarischen „Lepra“ des Gehazi um die weiß schuppende Psoriasis handelte.

Trotz Aufklärung fühlen sich Psoriatiker als „Aussätzige“

Der Aspekt der Ausgrenzung und Angst vor dem Kranken zieht sich tatsächlich vom Altertum bis in unsere, vermeintlich aufgeklärte Zeit. So versuchte die National Psoriasis Foundation in den USA jahrelang einen an Psoriasis leidenden Prominenten zu gewinnen, der in öffentlichen Auftritten über seine Krankheit spricht, darauf hinweist, dass es sich bei der Schuppenflechte nicht um eine ansteckende Krankheit handelt und die Angst davor völlig unbegründet ist. Für eine solche Kampagne, die den falschen Mythos beseitigen und das Geheimnis um die Erkrankung lüften sollte, fand sich aber kein prominenter Psoriatiker.

Obwohl heute bewiesen ist, dass Psoriasis nicht ansteckend ist, erschreckt sie noch immer viele Menschen.

Es stellte sich nicht nur keiner zur Verfügung, den Initiatoren wurde sogar mit rechtlichen Schritten gedroht, falls das Wissen über ihre Krankheit an die Öffentlichkeit gelänge. Obwohl man heute mit Sicherheit weiß, dass Psoriasis in keiner Weise ansteckend ist und absolut auch nichts mit mangelnder Hygiene zu tun hat, erschreckt sie dennoch noch immer viele Menschen und die von ihr Betroffenen verstecken ihre Krankheit – manche sogar sich selbst – wie ein düsteres Geheimnis.

Fotos (2):  Nanut/Regal

Moulage einer Psoriasis. Der Aspekt der Ausgrenzung und Angst vor dem an Schuppenflechte Erkrankten zieht sich tatsächlich vom Altertum bis in unsere, vermeintlich aufgeklärte Zeit.

Moulage einer Psoriasis vulgaris von Dr. Karl Henning aus dem Jahr 1901. Als „Leprakranker, weiß wie Schnee“ musste sich schon der alttestamentarische Gehazi samt seinen Nachkommen durchs Leben schlagen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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