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Öffentliches Bad mit intimen Prozeduren: Besucher seifen sich gegenseitig ein und übergießen sich mit heißem Wasser.
 
Leben 6. November 2008

Ort der körperlichen und seelischen Reinigung

Neuer Fotoband über Sento, das japanische Badehaus.

Wasser ist ein Element, das nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Spiritualität einen besonderen Stellenwert genießt. Auch oder vor allem in Japan.

 

Wasser besteht aus den Bestandteilen Wasserstoff und Sauerstoff im Verhältnis zwei zu eins. Das ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt, seit Physiker wie Lavoisier, Cavendish und Priestley Wasserstoff mit einem elektrischen Funken in einem geschlossenen Gefäß entzündeten und sich darauf Wasser an den Gefäßwänden niederschlug.

Aber Wasser ist mehr als nur diese chemische Formel. Gerade in diesen Tagen der (drohenden) Wirtschaftkrise lesen wir dauernd vom Wasser – als Metapher für das Geld: Man pumpt Geld in die Märkte, lässt Geldquellen versiegen oder entdeckt eine sprudelnde Geldquelle, hat gegen Liquiditätsengpässe zu kämpfen, sitzt gar auf dem Trockenen, muss deshalb einen Freund anpumpen, ist dann wieder flüssig, ja schwimmt schließlich sogar im Geld.

Wir haben es beim Wasser offenkundig mit einem ganz besonderen Lebenssaft zu tun. Davon zeugt nicht zuletzt, dass keine Körperzelle ohne Wasser funktioniert. Und 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt.

Besonderer Lebenssaft

Schon in der biblischen Schöpfungsgeschichte war Wasser zugleich Geist oder Mittel zum Geist. Die Taufe mit dem Element verbindet bis heute mit Gott. Auch die Medizin kennt die segensreiche Wirkung von Wasser, Pfarrer Kneipp meinte gar so gut wie alle Leiden mit Wasseranwendungen kurieren zu können. Und die Homöopathen behaupten, dass Wasser ein Gedächtnis hat.

Wasser hat einen besonderen Stellenwert – auch in Japan. Das zeigt einmal mehr der aktuell erschienene Fotoband von Julia Baier über Sento, die japanischen Badehäuser. Es handelt sich dabei um eine traditionelle Einrichtung, die allerdings im Schwinden begriffen ist. Die deutsche Fotografin Baier hat (noch bestehende) Badehäuser besucht und im Foto festgehalten.

Es sind Orte der körperlichen wie auch seelischen Reinigung. Die Bevölkerung kommt im Sento zusammen, wenn auch streng getrennt nach Männern und Frauen. Es sind öffentliche Anstalten mit intimen Prozeduren: Wir sehen auf einem Foto, wie sich Besucher gegenseitig den Rücken einseifen und mit heißem Wasser übergießen.

Heiße Parallelwelt

Das Wasser in den Becken ist mit 40 Grad Celsius ausgesprochen heiß. Das Bad dient der Entspannung. Für die Dauer ihres Aufenthalts klinken sich die Besucher aus der Hektik des Alltags aus. Sie genießen die Parallelwelt. In manchen Bädern hat die Moderne schon Einzug gehalten: Auf Bildschirmen, knapp über den Becken angebracht, wird den Badenden Unterhaltung geboten.

„Das Baden in Japan hat religiösen Ursprung. Reinigungsrituale waren seit alters her bekannt und sind tief im Shintoismus verwurzelt. Das Misogi, ein Reinigungsritual im kalten Fluss oder unter einem Wasserfall, soll der geistigen Erneuerung und der Reinigung des Herzens dienen und wird heute noch praktiziert. Auch beim Betreten eines shintoischen Schreins reinigt man sich spirituell, indem man sich die Hände benetzt und den Mund ausspült. Das Wasser soll die bösen Geister verjagen und schlechte Gedanken verscheuchen“, schreibt die Berliner Japanologin Rita Zobel in ihrem Katalogbeitrag.

Die Fotos sind schwarz-weiß, keine Farbe lenkt ab, so wird die Aufmerksamkeit ganz auf das Wesentliche gelenkt. Die Fotografin hat einen Respektabstand zu den Badenden gehalten, ist aber nahe genug am Geschehen, um dem Betrachter einen intimen Eindruck zu vermitteln.

 

Julia Baier: Sento. Peperoni Books, Berlin, 2008, EUR 28, ISBN: 9783980967761

Öffentliches Bad mit intimen Prozeduren: Besucher seifen sich gegenseitig ein und übergießen sich mit heißem Wasser.

Jung und Alt kommt im Badehaus zusammen. Ein Ort öffentlicher Begegnung.

Sento, das traditionelle japanische Badehaus, ist nach Geschlechtern streng getrennt. Das Bad dient der körperlichen wie spirituellen Reinigung.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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