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Leben 27. Juni 2006

Handliche Betäubungsgeräte (Narrenturm 61)

Vor 50 Jahren war es noch äußerst beliebt: Trichlorethylen zur Schmerzbekämpfung während der Geburt und zur Anästhesie. Eine Überdosierung des hoch toxischen Nervengifts war durch die ausgeklügelte Technik der Narkoseapparate praktisch unmöglich. Sobald der Patient das Bewusstsein verlor, fiel ihm das Gerät aus der Hand.

Der Name „pathologisch-anatomisches Bundesmuseum“ für die Sammlungen im Narrenturm ist die Untertreibung schlechthin. Neben den tausenden tatsächlich pathologisch-anatomischen Präparaten von Mensch und Tier und Moulagen von zum Teil extrem seltenen Pathologien beherbergt der Narrenturm – nicht zuletzt durch eine äußerst geschickte und umsichtige Sammeltätigkeit sowohl der früheren als auch der aktuellen Museumsleitung – eine unglaubliche Menge höchst interessanter mehr oder weniger historischer Objekte aus fast allen Gebieten der Medizin. Durch die Übernahme ausgemusterter Apparate, Instrumente oder Einrichtungen verschiedenster Abeilungen oder die Aufnahme heimatlos oder ungeliebt gewordener medizinischer Sammlungen aus ganz ­Europa entwickelte sich der Narrenturm gleichsam zu einem „europäischen Zentralmuseum“ für die Geschichte der Medizin.

Narkose in Eigenregie

Unter den vielfältigen Objekten befindet sich auch ein recht unscheinbares Objekt, das aber noch vor 50 Jahren, als so genannter „Selbstbedienungs-Narkoseapparat“, sehr beliebt war. Die Substanz, die in diesem Apparat zum Einsatz kam, war Trichlorethylen. 1905 in Deutschland patentiert, kam Trichlorethylen in der Industrie als Fleckputzmittel und als Fettlösungsmittel für Maschinenteile und Druckplatten schon lange zum Einsatz. Die Dämpfe des industriellen, gewöhnlichen Trichlorethylens waren als überaus toxisch bekannt und hatten viele schwerste Dauerschäden und sogar zahlreiche Todesfälle verursacht. Die Inhalation von nur einem verdampften Milliliter des Nervengifts Trichlorethylen setzte man 1915 erfolgreich zur Schmerzbekämpfung bei Trigeminusneuralgien ein. Erste Mitteilungen über Trichlorethylen-Narkosen am Menschen kamen 1935 aus den USA. Für die Narkose verwendete man allerdings nur chemisch reinstes, stabilisiertes Trichlorethylen. Ab 1941 konnte schließlich Trichlorethylen allgemein in die Narkosetechnik eingeführt werden und gewann bald an Beliebtheit.

Viele Modelle – ein Prinzip

Die stark analgetische Substanz wurde unter Trichlorethylen pro narkosi, pro inhalatione, Trilen, Trisan, Trimenth, Cypran oder mit ähnlichem Namen als Rauschnarkotikum empfohlen, und man hoffte lange Zeit ein „atoxisches Chloroform“ gefunden zu haben; was sich leider nicht bewahrheitete.
Da Trichlorethylen einen hohen Siedepunkt hat und deswegen bei Raumtemperatur nicht schnell genug verdampft, eignete es sich nicht für die damals übliche, weit verbreitete Technik der so genannten offenen Tropfnarkose mit einer Maske aus Draht und Gaze. Findige Techniker und Anästhesisten konstruierten aber rasch eine Vielzahl von einfachen Apparaten mit denen das „Tri“ relativ sicher verabreicht werden konnte. All diese recht handlichen Inhalatoren bestanden im Prinzip aus einer Flasche, in der das Trichlorethylen durch die Handwärme des Patienten zum Verdampfen gebracht wurde, und einem Mundstück oder einer Maske, durch die der Patient das Trichlorethylen-Luftgemisch einatmete. Eingesetzt wurden diese Inhalatoren vorwiegend zur Schmerzlinderung bei der Geburt, aber auch bei einer Reihe von therapeutischen und diagnostischen Eingriffen in der kleinen Chirurgie und Gynäkologie, Unfallchirurgie, Urologie, Dermatologie, Pädiatrie, HNO- und Zahnheilkunde. Die „Analgesiegeräte zur Selbstgabe“ waren so klein, handlich und außerdem so einfach und gefahrlos zu bedienen, dass die Hersteller sie auch zur Mitnahme bei Hausbesuchen empfahlen. An allen diesen kleinen Geräten war ein Kettchen oder ein Trageband befestigt. Vor der Betäubung bekam der Patient den kleinen Apparat um den Hals gehängt. Zur Selbstapplikation nahm er nun die Vergasungsflasche in die Hand und atmete durch das Mundstück nach „Art einer Tabakspfeife“. Ausatmen musste der Patient durch die Nase. Ein Einatemventil verhinderte das Rückatmen durch den Inhaler. Eine Überdosierung war – genial einfach – absolut ausgeschlossen: Sobald der Patient das Bewusstsein verlor, fiel ihm der Apparat aus der Hand. Ein paar Atemzüge frische Luft, und der Patient war wieder bei Bewusstsein.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 26/2006

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