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Leben 27. Juni 2006

Ihrer Bestimmung beraubte Kauwerkzeuge (Narrenturm 59)

Der berühmte Anatom Josef Hyrtl (1810–1894) publizierte 1877 seine umfangreiche Arbeit „Der Schädel der Mödlinger Krypta“ in klassischem Latein. Er widmete sie seinem Freund, dem „feurigen Patrioten und eifrigen Bekämpfer der überall im Dunkeln schleichenden Corruption“, Joseph Schöffel, damals Bürgermeister von Mödling.

In seiner Arbeit über den Schädel der Mödlinger Krypta berichtet der Anatom Josef Hyrtl über den seltenen Fall einer echten und unechten Kieferverwachsung (Syngnathie) und andere Schädel mit dieser seltenen Abnormität. In seinem „kleinen und unbedeutenden Schriftchen“ untersuchte Hyrtl auch mehrere Schädel mit Knochenverwachsungen des Oberkiefers mit dem Unterkiefer, die sich noch heute – mit zugehörigem Obduktionsbefund – im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm befinden. Als Kaiser Josef II. 1788 befahl, alle Friedhöfe innerhalb der Städte aufzulassen und aus hygienischen Gründen die Grabstätten zu entfernen, musste auch der Friedhof um die Othmarkirche in Mödling geschlossen und die Leichen exhumiert werden. Die Gebeine und Leichenreste deponierte man in der tiefen Krypta einer Kapelle neben der Kirche. Die Kapelle, dem heiligen Pantaleon, einem Arzt und Märtyrer aus der Zeit Kaiser Diocletians – um 300 n. Chr. – gewidmet, wurde so zu einem gewaltigen Beinhaus, einem Karner, der er heute noch ist. Seit Jahrhunderten behütet nun hier Pantaleon „wie es einem Arzt geziemt, den Knochenschatz mit besonderer Sorgfalt“. Der gewaltige Knochenberg – man zählte an die 40.000 Schädel – reichte damals bis zum Gewölbe der unterirdischen Kammer. Da der Eingang der Gruft immer offen stand, erregten die „starren Augenhöhlen und grinsenden Schädel bei den vorübergehenden Wiener Sommergästen – vor allem bei den Frauen – Grausen und Ekel“.

Anatomische Schaustellung

Joseph Schöffel, der als „Retter des Wienerwaldes“ in die Geschichte eingegangen ist, ordnete deshalb 1876 die Wiederbestattung der Knochen in Schachtgräbern an. Bevor man die Knochen aber neuerlich begrub, sichtete sie der Mödlinger Zeichenlehrer Franz Friedrich auf irgendwelche Ungewöhnlichkeiten. An die tausend Schädel sonderte er so von der Masse der teilweise zerbrochenen Gebeinreste ab und ordnete sie museal in der Krypta „in improvisierter und laienhafter anatomischer Schaustellung“ wieder an. „Der düstere Schmuck der düsteren Örtlichkeit bietet beim Lichte der angezündeten Fackeln ein seltsames Schauspiel, das wohl sonst nirgends ein zweites Mal zu sehen ist.“ Schöffel machte Hyrtl ein besonders ungewöhnliches Exemplar aus dem Karner, „ein osteologisches Schaustück ersten Ranges“, zum Geschenk. Der Schädel einer etwa 22 Jahre alten Frau zeigte höchst ungewöhnliche Verwachsungen des Unterkiefers mit dem Oberkiefer. Auf der linken Seite durch echten Knochen (echte Syngnathie) und rechts durch eine gewaltige Anhäufung von Zahnstein (unechte Syngnathie). Hyrtl hoffte, dass der „wunderbare“ Schädel von Mödling so berühmt werden könnte, wie der „Schädel aus dem Neanderthale, der bei den Naturforschern so großes Aufsehen erregt hatte“. Doch zur selben Zeit fand man einen ähnlichen in Böhmen, und auch in der „prächtigen und an seltenen Stücken reichen Skelettsammlung, die einen Theil des Wiener pathologischen Museums ausmacht“, fand er „mehrere Beispiele für diese Knochenverwachsung mit dem Unterkiefer“. Hyrtl war überrascht, „dass sich die Natur soweit verirren konnte, dass sie das vorzüglichste Kauwerkzeug seiner Bestimmung beraubte“. Er spekulierte über die Ursache dieser ungewöhnlichen Verwachsungen zwischen embryonaler Genese und „mercurialer Stomatitis“, wobei er der Quecksilberstomatitis den Vorzug gab. Die embryonale Genese als Ursache der Anomalie konnte erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts nachgewiesen werden. Solche Missbildungen, die häufig in Kombination mit anderen Krankheitssyndromen auftreten, werden heute üblicherweise früh erkannt – das Stillen dieser Säuglinge ist praktisch unmöglich – und können chirurgisch saniert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 24/2006

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