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Leben 7. Juni 2006

Der Lebenswecker (Narrenturm 58)

Blutrünstige Stechmücken inspirierten den Mechaniker und Erfinder Carl Baunscheidt (1809–1873) zu einer medizinischen Erfindung, die, wie er bescheiden meinte, „die Menschheit von ihren Uebeln erlöst“. Wegen der belebenden Eigenschaften seines Instruments und der Möglichkeit, damit die Lebensgeister zu wecken, nannte er seine Erfindung schlicht den „Lebenswecker“.

Bevor der „Mechanikus“ Baunscheidt den Lebenswecker erfand, hatte er neben nicht medizinischen Erfindungen, wie etwa einer Visiereinrichtung für Zündnadelgewehre und einer Art Waldpflug, bereits andere Erfindungen für den medizinischen Bereich gemacht: einen künstlichen Blutegel und eine Muttermilchpumpe. Sein größter Erfolg war aber der „Lebenswecker“. Dieses Instrument und die von ihm entwickelte Methode machten ihn zu einem erfolgreichen Fabrikanten und angesehenen und reichen Schlossbesitzer.

Stich als Schmerzlinderung

Im Vorwort zu seinem Buch „Der Baunscheidtismus“ schildert Baunscheidt den Hergang seiner Entdeckung: 1847 litt er an einem „rheumatischen Handübel“, als ihn eines Tages mehrere lästige Stechmücken in die kranke Hand stachen. Überrascht stellte er fest: „Kaum hatten sie ihren zudringlichen Dienst verrichtet, ... war der Schmerz wie fast weggeflogen“. Die Mücken zeigten ihm also, „wie auf ganz einfache und natürliche Weise die eingefangenen Krankheitsstoffe ohne allen Blutverlust aus dem leidenden Theil des Körpers herausgezogen und abgeleitet werden könnten“. Dies und der Besuch eines Missionars aus China, der ihm von den Erfolgen „der Nadelstichtherapie der Chinesen“, der Akupunktur, erzählte, brachten Baunscheidt auf die Idee einer „neuen Heillehre“.
Als Ersatz für den Stachel der Mücke konstruierte er den Lebenswecker: eine Art Stempel mit 33 kleinen Nadeln auf einer etwa münzgroßen Scheibe, die mit einer Spiralfeder ein bis zwei Millimeter tief in die Haut geschossen wurden. Den Entzündung auslösenden „Speichel“ der Mücke versuchte er mit einem ebenfalls von ihm erdachten Öl, dem „Oleum Baunscheidtii“ zu imitieren. Die Rezeptur des Öls hielt man als Familiengeheimnis unter Verschluss. Die ursprüngliche Zusammensetzung ist bis heute geheim. Analysen lassen aber vermuten, dass ein Hauptbestandteil das stark reizende und kanzerogene Crotonöl war. Durch die lokalen eitrigen Entzündungen der Hautquaddeln sollte dem Körper die Ausscheidung der bösen „Schlacken“ und Säfte erleichtert werden. Mangels anderer wirksamer Medikamente und Therapien verbreitete sich die Methode in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch über den ganzen Kontinent. Auch in der medizinischen Fachwelt testete man die Methode und beurteilte sie in Artikeln, zumindest am Beginn, recht positiv. Vor allem in der medizinischen Laienhilfe erzielte die Methode große Beliebtheit. Angeblich sollen auf Linienschiffen alle Kapitäne Baunscheidt-Systeme, also Lebenswecker und Öl, mitgeführt haben.

Allheilmittel für 90 Leiden

Eingesetzt wurde die Baunscheidt-Methode bevorzugt gegen Entzündungen, Neuralgien, rheumatische Leiden und Gelenks-, Magen-, Darmerkrankungen, Lungenleiden, Migräne, Erkrankungen im HNO-Bereich und viele, viele – an die 90 – „Uebel“ mehr. Hintergrund dieser Therapieform waren natürlich die so genannten „ausleitenden Verfahren“. Nach der Humoralpathologie, der Säftelehre des ausgehenden Mittelalters – die allerdings bis weit ins 19. Jahrhundert ihre Anhänger hatte –, entstanden Krankheiten ja durch schlechte Körpersäfte, die man aus dem Körper – eben auch über „Löcher in der Haut“ – ableiten musste. Zu den gebräuchlichsten dieser ableitenden Verfahren über die Haut zählten: der Aderlass, Blutegeltherapie, blasenziehendes Cantharidenpflaster und trockenes oder blutiges Schröpfen. Und als neuestes Verfahren, erfunden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, eben der „Baunscheidtismus“. Mit der Entwicklung von besseren Medikamenten am Beginn des 20. Jahrhunderts geriet die Baunscheidttherapie allmählich in Vergessenheit. Die Alternativmedizin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckte sie schließlich neben den anderen ausleitenden Verfahren als die so genannte Akupunktur des Westens neu. Heute wird allerdings mit Nachbauten des Ur-Lebensweckers aus blitzendem, sterilisierbarem Edelstahl – manchmal bereits auch mit Einmalnadeln – an definierten Stellen gestichelt und geölt. High Tech, um die „krankmachenden Stoffe entweichen zu lassen“ und den Körper „von den schlechten Säften zu befreien“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 23/2006

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