zur Navigation zum Inhalt
Dr. Ronny Tekal Medizin-Kabarettist
 
Leben 29. September 2017

Wer die Wahl hat

Im medizinischen Betrieb geht es für unsere Patienten nicht allzu demokratisch zu.

Dieser Tage bekommen wir im Fernsehen eine Menge Politik zu sehen. Gab es früher gerade mal ein paar TV-Duelle mit den Spitzenkandidaten, so ködert man die Zuseher heute mit einer Vielzahl kreativer Konzepte. Die Politiker bemühen sich gute Miene zu den neuen Formaten zu machen, wenn sie im Auto interviewt, gänzlich ohne Moderation sich selbst überlassen, oder beim Nackt-Schlammcatchen von einer Jury bewertet werden. Mit dem Wahltag ist das Spektakel wieder vorüber, die Clubchefs bedanken sich artig für die Treue der Wähler, erklären, streng genommen, gar nicht so viel Stimmen verloren zu haben, und behaupten, dass der Wählerwille eindeutig herauszulesen sei, als drittstärkste Partei den Kanzler zu stellen. So dürfen wir uns vor den Fernsehgeräten freuen, den Ausgang der Wahlberichterstattungs-Soap mit unserem Kreuzerl aktiv mitgestaltet zu haben.

Für unsere Patienten sind die Wahlmöglichkeiten indes enden wollend. Sie dürfen sich streng genommen nicht einmal aussuchen, die Tabletten 2 x 1 oder 1 x 2 einzunehmen. Und spätestens an der Schwelle des Krankenhauses muss die Selbstbestimmung endgültig, gemeinsam mit der Alltagskleidung, abgegeben werden – das Nachthemd gibt es in Unidesign, Unisex und mitunter auch in Unigröße.

Auch sein Behandlungsteam kann man sich nicht aussuchen, vom Oberarzt bis hin zum Bettenschieber, der Dienstplan schmiedet das Schicksal und damit die Prognose eines Kranken. Auch die Entscheidung über die weitere Behandlung wurde längst und ohne Zutun des Patienten gefällt und hängt davon ab, ob man nun auf der internen oder chirurgischen Abteilung zu liegen gekommen ist. Man kann sich nicht einmal entschließen, nach der anstrengenden OP langsam aufzustehen oder doch einfach liegen zu bleiben und mal zu chillen. Ein gut gelauntes Physiotherapeutenteam zerrt die Patienten aus dem Bett, denn eine frühe Mobilisierung ist nun mal State of the art.

Natürlich kann man in einer serviceorientierten Klinik aus verschiedenen Menüs wählen – Normalkost (Selchfleisch mit Püree und Erbsen), Vegetarisch (Püree und Erbsen) oder Vegan (Erbsen) – allerdings wird einem die Wahlmöglichkeit von den Diätologen abgenommen, da man die stationäre Zeit für die Hüftoperation ja auch gleich zum Abspecken, zur Rauchentwöhnung und nachhaltigem Umstellen des Lebensstils verwenden kann. Hier gilt das ungeschriebene Gesetz „Solange du deine Füße in meinem Krankenbett legst, tust du, was ich sage“. Das geht solange gut, bis die Patienten ausziehen.

Letztlich ist auch die Bezeichnung eines „Wahlarztes aller Kassen“ etwas verwirrend. Denn obgleich man sich aussuchen kann, welchen Arzt man privat bezahlt, hat man hier bloß die Wahl, welche Kasse das Honorar nicht übernimmt.

Freuen wir uns also darüber, zumindest politisch die Wahl zu haben. Und uns frei entscheiden dürfen, ob wir unsere Steuern künftig 2 x 1 oder doch lieber 1 x 2 zahlen dürfen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben