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© Andrius Pasukonis/Eva Ringler
Pfeilgiftfrösche sind erstaunlich gute Pflegeeltern, selbst wenn sie fremde Kaulquappen auf den Rücken gesetzt bekommen.
 
Leben 22. September 2017

Auf Kommando fürsorglich

Verhaltensforschung. Ein offenbar simpler Reiz reicht aus, damit Frösche zu Pflegeeltern werden. Legt man Ihnen Kaulquappen auf den Rücken, so übernehmen männliche und weibliche Frösche die Fürsorge des Nachwuchses, um sie sicher zu Wasserstellen zu bringen.

Elterliche Fürsorge ist im Tierreich weit verbreitet. Die Pfeilgiftfrösche (Spezies: Allobates femoralis) gelten ebenso als sehr fürsorgliche Eltern. Nach dem Schlüpfen transportieren diese Amphibien ihre Kaulquappen auf dem Rücken zu Wasserstellen, die meist weit verstreut liegen. Die Prozesse, die diese komplexen Verhaltensmuster auslösen, wurden aber bislang zumeist nur bei Vögeln und Säugetieren untersucht. Auf welchen Reiz hin die Frösche ihren Nachwuchs Huckepack zum rettenden Nass bringen, ist dagegen unerforscht.

Forschende der Vetmeduni und der Universität Wien und der Harvard Universität untersuchten nun, ob der Kaulquappentransport etwa das eigene Aufnehmen eines Geleges durch das Elterntier voraussetzt oder auch experimentell ausgelöst werden kann. Dazu platzierte das Forschungsteam fremde Kaulquappen auf den Rücken verschiedener Frösche. Es zeigte sich, dass die Amphibien auch vorbildliche Pflegeeltern sind und sogar Weibchen, die in der Natur nur selten den „Transporter“ spielen, mit aufgesetzten Kaulquappen der Elternpflicht in gleichem Maß nachkommen.

Nach dem direkten Anbringen des falschen Nachwuchses auf den Rücken wurden männliche und weibliche Frösche mit einer kleinen Antenne ausgestattet und verfolgt. „Es interessierte uns, ob auch fremde Kaulquappen zu Wasserstellen transportiert werden. Die Ergebnisse zeigen, dass keine eigenständige Aufnahme der Kaulquappen vorangehen muss, sondern alleine der Rückenkontakt bei den erwachsenen Fröschen ausreicht“, erklärt Andrius Pašukonis von der Uni Wien, der gemeinsam mit Kristina Beck und Eva Ringler die Studie durchführten.

Instinktiv zu Pflegeeltern

„Wir konnten beobachten, dass alle getesteten Frösche, Männchen und Weibchen, ihre aufgesetzten Pflegekinder zu Pools trugen“, sagte Eva Ringler vom Messerli Forschungsinstitut der Vetmeduni Wien. Sie verhielten sich genauso, als ob sie sich selbst entschieden hätten, die Kaulquappen aufzunehmen und zu transportieren. Das zeigte, dass das elterliche Verhalten dieser Frösche instinktiv durch das Platzieren von Kaulquappen auf den Rücken ausgelöst werden kann, egal ob verwandt oder nicht. Der Mechanismus, der dieses Instinktverhalten auslöst, konnte mit diesem Experiment jedoch noch nicht eindeutig bestätigt werden.

„Wir vermuten, dass hierbei taktile Signale, also bestimmte Berührungen oder Bewegungen der Kaulquappen eine Rolle spielen. „Diese Ergebnisse sind deshalb so interessant, da sie zeigen, wie ein einfacher Stimulus ein komplexes Verhaltensmuster auslöst. Die erwachsenen Pfeilgiftfrösche marschieren nicht nur los, die Berührung ruft auch die Erinnerungen an weit verstreute Wasserstellen hervor“, sagt Pašukonis.

Ein zusätzlicher interessanter Aspekt der Studie war, dass auch die weiblichen Frösche bereitwillig die fremden Kaulquappen zu den Pools trugen. „Bei dieser Art transportieren die Weibchen eigentlich nur in Ausnahmefällen die Kaulquappen“, erklärt Ringler. Das instinktiv ausgelöste Verhaltensmuster scheint damit unabhängig vom Geschlecht zu sein. Bei Männchen und Weibchen reichte alleine die körperliche Nähe zu den am Rücken platzierten Kaulquappen als Reiz aus. Ohne eigenes Gelege oder einen weiteren Reiz, transportierten sie sie zu den Wasserstellen und sicherten damit auch fremdem Nachwuchs das Überleben. Die Studie konnte damit zum ersten Mal im Freiland und bei Amphibien zeigen, dass komplexes Verhalten durch einen simplen Auslöser manipuliert werden kann.

Originalpublikation: Andrius Pašukonis et al. Journal of Experimental Biology 2017. http://bit.ly/2yt40iZ

Vetmeduni Wien, Ärzte Woche 39/2017

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