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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 15. September 2017

Der Name des Schreckens

Nach Hurrikan „Irma“ kommt jetzt Grippe „Heinz- Rüdiger“ auf uns zu.

In den vergangenen Wochen hat ein lokales Wetterphänomen in den USA die Welt medial auf Trab gehalten. Nicht, dass es für die Amerikaner völlig egal wäre, dass Hurrikans die Ostküste verwüsten. Aber ich denke nicht, dass es CNN interessiert, wenn die Donau Emmersdorf überschwemmt. Gleichzeitig bekommen wir auch nur in einer Randnotiz mit, dass in Indien und Bangladesch die Monsunregen weitaus dramatischere Folgen hatten als in den USA. Dort ist quasi unser Emmersdorf.

Dass die Tropenstürme stets mit Namen versehen sind, macht die Sache greifbarer. Man muss nicht auf ein abstraktes Sturmtief wütend sein, sondern auf Harvey oder Irma. Haben Sie gewusst, dass Hurrikans mit weiblichen Namen deutlich mehr Todesopfer fordern, als die Sturm-Herren? Rein statistisch ist es so, obwohl die Namen von den Meteorologen bereits Jahre zuvor vergeben werden. Psychologisch erklärte man das Phänomen in einer Studie damit, dass Wirbelstürme mit Frauennamen weniger bedrohlich wahrgenommen, die Gefahr daher unterschätzt und weniger Vorsichtsmaßnahmen getroffen würden. Es sei denn, man hatte Zeit seines Lebens mit einer Schwiegermutter Irma zu kämpfen.

Ich bin mit nicht ganz sicher, warum man geneigt ist, Katastrophen zu personalisieren. Denn es macht kaum einen Unterschied, ob das „nordatlantische Sturmtief mit 959 Hektopascal Kerndruck“ oder „Emma“ durchfegen – der Keller ist in beiden Fällen voller Wasser.

In der Medizin ist man diesbezüglich etwas zurückhaltender. Auch wenn man geneigt ist, mit Trivialnamen zu erklären, um was es geht. Da die Zeitungen mit Influenza A H1N1 wenig anzufangen vermochten, bekam sie den Zusatz „Schweinegrippe“. Nun wusste man, wem man die Epidemie zu verdanken hatte, verbot Schweine, deren Züchter sowie die kleinen Marzipanferkel zu Silvester. Sicher ist sicher. Trotz der Dramatik scheint diese Nomenklatur eine gewisse Leichtigkeit reinzubringen, wenn man weiß, wer einem – im wörtlichen Sinn – den Tag versaut.

Auch wenn die Personalisierung von Erkrankungen nicht immer zur Deeskalation beiträgt – man denke an Parkinson oder Alzheimer –, verpassen manche Patienten sogar ihrem Krebs einen Eigennamen. Möglicherweise macht es die Sache etwas greifbarer. Man muss ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen und statt „Pest“ „Schwarzer Tod“ sagen. Aber so ein „Schnupfen Dieter“, eine „Hammerzehe Jessica“ oder das „Vorhofflimmern Raoul“ klingt irgendwie vertraut. Der Taufname sollte natürlich irgendwie stimmig mit dem Leiden übereinstimmen, etwa bei „Uterusmyom Ursula“ oder der „Fettleber Sepp“, und bei „Gonorrhoe Herbert“ lässt sich sogar zuordnen, wem man die Krankheit zu verdanken hat.

So lässt sich das Gesundheitssystem auch derart finanzieren, die Eigennamen an Konzerne und VIPs zu verkaufen. So freue ich mich auf die kommende Darmgrippe „Helene Fischer“, die durch diesen Namen weitaus weniger bedrohlich wirkt.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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