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© abaca / picture alliance

Irma-Opfer: Clarence and Virginia Robinson in einem Rot-Kreuz-Notquartier. „Wir fühlen uns hier sicher, die Straßen stehen alle unter Wasser.“

 
Leben 15. September 2017

Irma? War das schon alles?

Klimawandel. Mit Trotz und anhaltender Skepsis reagieren viele US-Bürger auf die Folgen der Erderwärmung, etwa die Zunahme von Hurrikanen. Dessen ungeachtet wirkt sich der Klimawandel bereits auf die physische und psychische Gesundheit der Menschen aus. Naturkatastrophen sind derzeit für rund fünf Prozent der posttraumatischen Belastungsstörungen ursächlich.

Was für ein riesiges Land die USA sind, erkennt man an den völlig unterschiedlichen Naturphänomenen: Im Nordwesten der USA wüten derzeit (von der Weltöffentlichkeit verständlicherweise völlig unbeachtet) mehr als ein Dutzend große Waldbrände, in Seattle und Umgebung regne es Asche vom Himmel, berichtet eine Bewohnerin. Ganz anders die Lage im Südosten der USA. Florida und andere Landesteile wurden von Hurrikan „Irma“ verwüstet, der mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 255 Kilometern auf Land traf und sich nun zu einem normalen Tropensturm abschwächt, welcher jedoch weiterhin viele Niederschläge bringen wird.

Nun sind die USA auf Naturkatastrophen wie Stürme und Springfluten gut vorbereitet. Obdachlos gewordene Menschen werden in Stadien oder großen Hallen untergebracht und mit dem Nötigsten versorgt. Doch selbst ein gut organisierter Staat wie die USA kann durch ein Hochwasser an seine Grenzen geführt werden. Mit Schrecken denken die Einwohner von New Orleans an den August 2005. „Supermacht in Ohnmacht“ titelte damals Focus. 1.600 Menschen starben. Die Sportarena Superdome wurde zum Symbol für die miserablen Zustände. In der für 10.000 Menschen gedachten Notunterkunft mussten dreimal so viele untergebracht werden. Die hygienischen Zustände spotteten bald jeder Beschreibung, die Toiletten versagten, die Nahrungsmittel wurden knapp, Gewalt brach aus.

Von derartigen Missständen ist in Florida nichts bekannt geworden. Doch das heißt nicht, dass es in den kommenden Tagen auf den kleinen völlig verwüsteten Karibikinseln nicht zu ähnlichen Vorfällen kommen kann. Ausfliegen kann man die Menschen nicht, man muss mit dem arbeiten, was man hat. Das sagt der Tropen- und Allgemeinmediziner Michael Kühnel, der seit Banda Aceh 2004/ 05 ehrenamtlich in verschiedenen Katastrophengebieten der Welt im Einsatz ist. Er weiß: „Es wird mit den Basics gearbeitet, mit dem, was vorhanden ist. Ich brauche ein paar Antibiotika, und ich brauche Schmerzmittel.“ Um den Lagerkoller zu mildern, seien Gesprächsrunden wichtig (siehe Interview unten). „Man weiß, man ist nicht allein mit seinen Sorgen.“

Die Folgen des Klimawandels

Interessant ist die Trotz-Reaktion vieler Amerikaner auf Hurrikan Irma. „Wenn das alles ist, was der Klimawandel kann“, sagte ein Bürger in einem Bericht des Ö1-Morgenjournal vom 12. September. Aber natürlich hat der Klimawandel bereits erheblichen Einfluss auf das Mensch-Umwelt-System und wirkt sich anscheinend in direkter und indirekter Form auf die physische und psychische Gesundheit aus. So lösen meteorologische Extremereignisse wie Stürme, Hochwasser, Erdrutsche und Hitzeperioden nicht nur Unfälle mit Verletzungen, im Extremfall sogar mit Todesfolge, aus, sondern auch Krankheiten. Indirekt wirkt der Klimawandel über eine veränderte Umwelt auf das Herz-Kreislauf-System und die Atemwege. Er kann zudem Allergien und Infektionserkrankungen begünstigen.

Darüber hinaus kann die zunehmende Konfrontation mit klimawandelbedingten Umweltveränderunen die Ursache für negative psychische Auswirkungen wie posttraumatische Belastungsstörungen, Ängste, aber auch Aggressionen, Disstress und depressive Symptome sein. Umfang und Ausprägung der Gesundheitsfolgen hängen u. a. von der individuellen (Prä-)Disposition, Resilienz, dem Verhalten und Anpassungsleistungen ab, schreiben Dr. Maxie Bunz vom deutschen Umweltbundesamt und der Humanökologe Dr. Hans-Guido Mücke im Bundesgesundheitsblatt 6/2017 ( http://bit.ly/2gYZDbb ).

Extremes Wetter und PTBS

Wenig beachtet: Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann als Reaktion auf traumatische Erlebnisse auftreten. Extremwetterereignisse, die die Integrität des Menschen verletzen und eine existenzielle Bedrohung für einen selbst oder nahestehende Personen darstellen, können eine solche PTBS bedingen. In New Orleans litten im Nachgang des Hurrikans Katrina 2005 etwa 30 Prozent aller Befragten an einer PTBS. Insbesondere Frauen, Unverheiratete, Menschen mit geringem Bildungsniveau und solche mit niedrigem sozioökonomischen Status hatten ein erhöhtes Risiko.

Auch europäische Studien fanden nach Extremwetterereignissen wie Überschwemmungen vermehrt Symptome einer PTBS bei den Betroffenen, und auch hier waren weibliche Befragte und jene mit niedrigem Einkommen oder ohne Job häufiger betroffen. Naturkatastrophen und Feuer verursachen erzeit etwa fünf Prozent der Traumatisierungen.

Tagungstipp: 17. Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin, 16. Oktober 2017, Bad Hofgastein, www.notarztkongress.at

Buchtipp

Harald Karutz, Wolfram Geier und Thomas Mitschke

Bevölkerungsschutz

Springer Verlag 2017, 357 S., Softcover 61,67 Euro

ISBN 978-3-662-44634-8

http://bit.ly/2h1wtEN

Martin Krenek-Burger
, Ärzte Woche 38/2017

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