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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 1. September 2017

Nichts als Sorgen

Eltern müssen ihre Kinder nicht nur vor Radikalisierung, Drogen oder Sekten schützen, sondern auch vor Süßgetränken.

Zur Jobdescription von Eltern gehört es, sich Sorgen zu machen. Und gelten diese Sorgen zuerst den hohen Bäumen, auf die der Nachwuchs klettert – ganz ohne Sicherung, Helm oder Lawinenairbag –, so sorgt man sich später um die Unlust der Pubertierenden, auf Bäume zu erklimmen und stattdessen lieber im Wohnzimmer auf einen Bildschirm zu glotzen. Später gesellen sich Sorgen zu nächtlichen Fahrten mit dem Moped, den ersten Cannabis-Kontakt oder den zweiten Kontakt mit derselben Schulstufe hinzu.

Es gibt jedoch eine Sorge, die die elterliche Panik vor Drogensucht, Alkoholismus oder das Abgleiten in eine Sekten übertrifft: Die Angst vor Süßgetränken. Sie sind der Gottseibeiuns eines modernen, gesunden Erziehungsstils, genauso wie das Handy, das zwar weniger Auswirkungen auf den Insulinspiegel haben dürfte, dennoch sicher dafür verantwortlich zeichnet, wenn die Kinder krank, asozial und verstrahlt werden.

Zwar hatte man einst ähnliche Bedenken bei Karl-May-Büchern, heute wäre man jedoch froh, wenn das Kind in ein Buch aus Fleisch und Blut hineinblicken würde. Und auch wenn viele Eltern zähneknirschend einsehen müssen, dass einem Kind ohne Anbindung an das Leben von Snapchat oder Whatsapp in der heutigen Gesellschaft wohl oder übel die soziale Ächtung droht, so kann man das von Soft-Drinks nicht behaupten. „Dann sollen sie halt Wasser trinken“ wird von so manchem Elternteil ähnlich ungeschickt formuliert, wie von Marie Antoinette. Der aufgebrachte Nachwuchs reagiert mit Liebesentzug und Hungerstreik (außer der Nachspeise).

Die vordergründige Wahlmöglichkeit „magst du als Nachtisch Obst oder nur Wasser?“ wird rasch als plumpe Manipulation entlarvt. Manche Eltern geben sich damit zufrieden, wenn sie wenigstens eine Zitrone ins Cola geben dürfen. Der deutsche Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge beschreibt das moderne Szenarium: Eltern, die früher ihre Kinder zum Babysitten bei den Großeltern abgegeben haben, ohne sich groß Gedanken zu machen, geben heute zusätzlich eine Flasche Saft mit, damit die Kinder in dieser Zeit ja nicht ungesunde Limonaden trinken. So eine vorauseilende Umsicht stresst die Eltern, frustriert die Kinder und verleitet die Großeltern dazu, mit den Enkeln einen Deal abzuschließen, der den geheimen Ausschank von Cola beinhaltet.

So tappt jede Generation aufs Neue in dieselbe Falle hinein: Zu glauben, dass Verbote etwas bewirken können und zu vergessen, wie man als Kind Strategien entwickelt hat, um diese Verbote zu umgehen – selbst wenn einem das erst im Erwachsenenalter gelingt. Letztlich ernten wir diese verbotenen Früchte in der Ordination.

Wenn wir paternalistisch mit strengem Blick vor den Gefahren der Süßgetränke warnen und unsere Patienten im selben Augenblick Strategien entwickeln, wie wir ihnen nicht auf die Schliche kommen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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