zur Navigation zum Inhalt
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 25. August 2017

Wem vor dem Morgen graut

Rechtzeitig zum Schulstart die Top-Meldung: Teenager leben in einer anderen Zeitzone.

Zum Glück gibt es Studien, die unser Verhalten entschuldigen. Sie zeigen, dass wir im Prinzip nichts dafür können, wenn wir uns zu wenig bewegen, denn das sind die Gene, nur Süßigkeiten in uns reinstopfen, denn das sind die Hormone, und misanthropisch durchs Leben schreiten, denn das sind die anderen Menschen. Man kann nichts dafür, wenn einem das Schicksal so übel mitspielt. Dass man von der jüngeren Generation dann mit „du Opfer“ tituliert wird, müssen einem diese Ausreden wert sein.

Regelmäßig zu Schulbeginn steht jedoch gerade diese junge Generation im Zentrum der Aufmerksamkeit. Denn nach den Sommerferien fällt die Umstellung auf den Schulalltag mehr als schwer. Nun beginnt der Tag mit Sonnenauf-, statt mit Sonnenuntergang. Wer schon einmal versucht hat, ohne maschinelle Hilfe einen Teenager aus dem Bett zu zerren, weiß um das intensive Schlafbedürfnis der Heranwachsenden Bescheid.

Natürlich könnte man die bleierne Müdigkeit mit nächtlichem Herumgeistern im Internet erklären. Doch es gibt auch eine biologische Erklärung. Denn die hormonelle Umstellung in dieser Lebensphase führt zu einem permanenten Jet-Lag. Eine Studie aus dem „New Scientist“ zeigte, dass mehr als ein Viertel der Jugendlichen mindestens einmal pro Woche im Unterricht einschläft. Allerdings steht hier wohl die biologische der pädagogischen Unzulänglichkeit um nichts nach. Die Vereinigung kritischer Eltern ist indes der Auffassung: Wer lange feiert, kann auch früh aufstehen!

Doch die innere Uhr des Menschen tickt unterschiedlich – und verschiebt sich im Laufe des Lebens. In der American Time Use Survey liegt der Schlafmittelpunkt im Rentenalter bei drei Uhr, bei den Jugendlichen bei halb fünf in der Früh, einer Zeit, in dem die Rentner bereits dreimal am Klo waren. Teenager leben in einer anderen Zeitzone. Wie man als Elternteil in diese Zeitzone das Essen hineinschiebt, bleibt allerdings oft ein Rätsel. Am besten eignen sich kurzkettige Kohlenhydrate, um die Zeitschranke zu überwinden. So wird jedes Jahr aufs Neue diskutiert, den Schulstart etwas nach hinten zu verlegen wie etwa auf 22.00 Uhr oder eine Art Gleitzeit einzuführen, sodass Schüler und Lehrer gar nicht mehr zwangsläufig aufeinander treffen müssen.

Andere Erziehungsexperten empfehlen, sich nach dem Sommer langsam wieder an den Schulrhythmus zu gewöhnen, das heißt, ab dem ersten Ferientag um sieben Uhr in der Früh aufzustehen, in den Bus zu steigen und bei der verschlossenen Schule wieder umzukehren, um seinem Körper, die harte Umstellung im Herbst zu ersparen. Teenager, die bereits im Sommer aus organisatorischen Gründen von Tenniscamp zu Pfadfindercamp zu Ministrantencamp zu Lerncamp zu Campcamp verschickt werden müssen, freuen sich indes, in der Schulzeit etwas länger schlafen zu dürfen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben