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© jcrosemann / Getty Images / iStock
Eines der beliebtesten Szenarios in Weltuntergangsfilmen ist die unterspülte Freiheitsstatue vor Manhattan. Klimaforscher zeichnen ein ähnlich düsteres Bild.
 
Leben 25. August 2017

„Für Pessimismus ist es zu spät“

Klimawandel. Es gibt ihn, auch wenn manche Medien immer noch über das „Ob“ diskutieren und einige Politiker die Fakten schlichtweg leugnen. Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb forscht seit den 1980er-Jahren zum Klimawandel. Sie vermisst den gemeinsamen Kampf aller Staaten gegen eine gemeinsame Bedrohung.

Hutter: Seit wann und warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Klimawandel?

Kromp-Kolb: Als Meteorologin kommt man um das Thema Klimawandel nicht herum, insbesondere wenn man an gesellschaftlich relevanten Themen interessiert ist. Ich habe mich schon im Studium mit dem Klimawandel beschäftigt, aber intensiver, seit mich das damalige Umweltministerium zu den ersten Klima-Tagungen nach Villach geschickt hat. Als Assistentin am Institut für Meteorologie der Universität Wien war mein primäres Thema bis dahin die Ausbreitung von Luftschadstoffen in der Atmosphäre; es war in Österreich die Zeit des Ausbaus großer fossiler Kraftwerke und Papier-, Zellstoff- und Zement-Produktionsstätten.

1985 in Villach ist mir die Tragweite des Klimaproblems so richtig bewusst geworden, und das Thema wurde in meiner täglichen Arbeit immer dominanter gegenüber den anderen wichtigen Problemen (wie Luftreinhaltung, Ausbreitung radioaktiver Substanzen und Abbau des stratosphärischen Ozons).

Je länger und ernsthafter man sich mit dem Thema Klimawandel beschäftigt, desto deutlicher wird das Ausmaß der Bedrohung. Im Austausch mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen und mit weitblickenden, kreativen Menschen aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Politik eröffnet sich aber auch der Blick für das Potenzial für positive Veränderung. Es ist spannend, oft frustrierend, dann aber wieder zutiefst befriedigend, an der Bewältigung der wahrscheinlich größten Herausforderung unserer Zeit mitzuwirken.

Hutter: Welche Folgen sind für Sie im Bereich Gesundheit die bedeutendsten bzw. gravierendsten?

Kromp-Kolb: Klimawandel ist eine wichtige Wurzel vieler lokaler und regionaler Konflikte, die häufig zu Krieg, Terror, Migration und Flucht führen. Viel dramatischer können Gesundheitsfolgen auf der physischen und psychischen Ebene wohl nicht werden. Ähnlich belastend können extreme Wetterereignisse wie Wirbelstürme, Überschwemmungen und Dürren sein – sie alle können sich klimawandelbedingt extremer gestalten oder häufiger auftreten. Betroffen sind kurzfristig immer vor allem die Schwächeren, seien es Länder oder Personengruppen. Einigen Entwicklungsstaaten macht der Klimawandel mit ziemlicher Regelmäßigkeit das im Laufe eines Jahres wirtschaftlich hart Erarbeitete innerhalb weniger Stunden oder Tage wieder zunichte, beispielsweise durch einen Wirbelsturm. Der Aufbau von Sanitäranlagen und Gesundheitssystemen muss dann wieder verschoben werden. Aber auch in den Industrienationen sind sozial Schwächere in der Regel stärker betroffen. In den Städten zum Beispiel wohnen sie in den dichter bebauten Vierteln, die wegen der fehlenden, kühlenden Vegetation bei Hitzewellen heißer werden. Die Häuser sind in der Regel weniger gut gedämmt, die Hitze dringt stärker ein. Nachts können Fenster zur Kühlung wegen des Lärms von Durchzugsstraßen nicht geöffnet werden. Die Nächte bieten daher weniger Regenerationsmöglichkeit. Nach der Arbeit und am Wochenende ist eine Flucht ins Grüne teilweise nicht leistbar. Die Betreuung von Kindern und Älteren ist wegen der Berufstätigkeit der Erwachsenen nicht im selben Ausmaß gegeben, und auch ärztlicher Rat wird später eingeholt. Während der großen Hitzewelle in Europa im Jahr 2003, waren es vor allem sozial Schwache und allein lebende ältere Menschen, die der Hitze zum Opfer fielen.

Hutter: Wo sehen Sie die wichtigsten Handlungsfelder im Bereich „Klimawandel und Gesundheit“?

Kromp-Kolb: In der Ärzteaus- und -fortbildung müsste Klimawandel ein wichtiges Thema sein, damit für Österreich neuartige, klimabedingte Erkrankungen von den Hausärzten und in den Spitälern erkannt werden. Der Klimawandel bringt zeitliche und räumliche Verschiebungen im Auftreten von Krankheiten und Krankheitsvektoren mit sich, und Regionen, in denen etwa Ambrosia-Allergie oder Tularämie bisher nicht aufgetreten sind, können plötzlich betroffen sein. Ein gut organisiertes Gesundheitswesen kann mit solchen Verschiebungen umgehen – wichtig wäre aber, dass das Wissen vorbeugend verbreitet wird. Ebenso wichtig ist, zu erkennen, dass Klimaschutz auch Gesundheitsschutz ist. In jeder Arztpraxis, in jedem Spital sollte Informationsmaterial über den Klimawandel aufliegen mit Tipps, was jeder Einzelne zum Klimaschutz beitragen kann. Dazu gehören natürlich auch Fragen der Ernährung: Regionale biologische Produkte und geringerer Fleischkonsum wären für die meisten Österreicher gesundheitlich von Vorteil und wären auch für das Klima gut. Die Fleischproduktion verursacht pro Kalorie Nahrung gegenüber Getreide, Gemüse oder Obst ein Vielfaches an Treibhausgasemissionen. Ganz nebenbei würde dies Österreich mehr Unabhängigkeit in der Nahrungsmittelproduktion bescheren und auch Tierleid ersparen.

Hutter: Was ärgert Sie rund um die Klimawandel-Diskussion am meisten?

Kromp-Kolb: Seit über 30 Jahren wird vom Klimawandel gesprochen und die Wissenschaft hat gut abgesicherte Erklärungen für die beobachteten Veränderungen und robuste Modelle hinsichtlich der zu erwartenden Entwicklungen. Konsequenzen daraus wurden und werden sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene kaum gezogen. Immer noch findet man – vor allem in den Medien – Diskussionen über das „Ob“ des Klimawandels, statt über das „Wie“ der Maßnahmen. Der Ausstieg aus dem Zeitalter der fossilen Energie ist keine Trivialität, nichts, was rein technologisch lösbar wäre. Er erfordert zusätzlich strukturelle Änderungen und Änderungen im Lebensstil. Aber die Herausforderung ist noch weitreichender: Der Klimawandel ist eine Folge der Übernutzung der Ressourcen unseres globalen Ökosystems. Es gibt noch andere – wie die Versauerung der Ozeane oder den Verlust der Biodiversität. Die Herausforderung besteht darin, innerhalb der ökologisch vorgegebenen Grenzen ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Dies erfordert eine tief greifende Transformation der Gesellschaft und wirft ganz grundlegende Fragen der Werthaltungen der Gesellschaft auf. Der Klimaschutz, zu dem sich über 180 Länder im Pariser Abkommen verpflichtet haben, eingebettet in die Nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO, könnte ein Ziel sein, das alle gemeinsam anstreben, das die Nationen und die verschiedenen Gesellschaftsschichten wieder vereint, das Brücken schlägt und Wunden heilt. Getragen von dem Bewusstsein, dass das Verfehlen dieses Zieles allen zum Verhängnis wird.

Dass dieses politische Potenzial nicht gesehen, diese Chance zu mehr Fairness, zu mehr Lebensqualität nicht genutzt wird, schmerzt mich am meisten.

Hutter: Sind wir noch zu retten?

Kromp-Kolb: Wenn wir nicht daran glauben – sicher nicht. Ich möchte jedenfalls meinen Beitrag zu einem Versuch leisten. Wie es so treffend heißt: Für Pessimismus ist es zu spät.

Eine ungekürzte Fassung dieses Interviews findet sich in dem in Kooperation von MedUni Wien und Manz Verlag erschienenen, neuen Buch der Reihe „Gesundheit. Wissen“ mit dem Titel „Klimawandel und Gesundheit“.

Der Originalartikel „Klimawandel“ ist erschienen in „medi.um“ 02–03/2017

Helga Kromp-Kolb im Gespräch mit Hans-Peter Hutter

, Ärzte Woche 35/2017

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